Podiumsutra – Kap. 1 (1): Das eigene Wesen ist an sich erwacht!

 

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers

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Kap. 1 (1): Das eigene Wesen ist an sich erwacht!

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 19.09.2019

Die Drei-Schätze-Herzenslehre wird so genannt, weil es das Ziel der Übung ist, unsere Herzen noch tiefer kennenzulernen und besser beherrschen zu lernen. Dazu bedienen wir uns einerseits die Drei-Schätze als Stütze für die stille Meditation und die Achtsamkeit im Alltag, andererseits dienen die Weisheitstexte zur Inspiration und Zielorientierung für unsere Übung.

Im vergangenen Semester haben wir uns mit den Koans (公案 gong an), den tiefgründigen Praxisfällen der Meister des Chan-Buddhismus beschäftigt. Zum Verständnis des authentischen Chan-Buddhismus ist es hilfreich, das Werk des 6. Ahnlehrers Huineng (638-713) kennenzulernen.

Ahnlehrer übersetzt das chinesische Wort 祖師 zu shi, das oft als „Patriarch“ übersetzt wird. Das entspricht aus meiner Sicht nicht der eigentlichen Bedeutung des Begriffes 祖 für „Ahne“ und 師 für „Lehrer“. Eine Führungspersönlichkeit im Buddhismus ist nicht als eine religiöse Oberhaupt zu sehen, sondern als Überlieferer der Lehre, daher bevorzuge ich die Übersetzung „Ahnlehrer“.

Huineng war maßgeblich daran beteiligt, den Chan-Buddhismus in China zur Hochblüte zu führen. Sein Werk, das in mehreren Versionen überliefert ist, besteht aus Vorträgen und Gesprächen des Meisters, die seine Schüler aufzeichneten.

Wir befassen uns mit der am verbreitetsten und inhaltlich am umfangreichsten Version, die vom Mönch Zongbao (宗宝 zong bao) im Jahr 1291 n. Chr. fertiggestellt wurde und den Titel „Dharmaschatz-Podiumsutra des 6. Ahnlehrers“ (六祖大师法宝坛经 liuzu dashi fabao tanjing) trägt.

Das Werk ist das einzige chinesische buddhistische Werk, das im Titel das Wort „Sutra“ trägt. Üblicherweise wird diese Bezeichnung nur für aus Indien stammende Schriften verwendet, die Lehrreden des Buddha oder seiner bedeutenden Schüler überliefern. Die Verwendung des Begriffs „Sutra“ im Titel weist daher den Reden des sechsten Ahnlehrers Huineng eine herausragende Stellung innerhalb der buddhistischen Literatur zu.

Dies ist deswegen bemerkenswert, da er laut der historischen Darstellung ein Analphabet war. Er besaß die Gabe, die Lehre Buddhas immer intuitiv auffassen und trefflich mit eigenen Worten erklären zu können.

Besonders bemerkenswert ist, dass sein Körper seit seinem Tod im Jahr 713 n. Chr. nicht verwest ist und bis heute in Meditationshaltung auf dem Altar des Nanhua-Klosters (南华寺, Nanhua Si) in der Provinz Guangdong in Südchina sitzt.

Wir werden uns also im Zuge unserer wöchentlichen Drei Schätze Retreats mit diesem Sutra befassen, allerdings wollen wir keine wissenschaftliche Arbeit zur Begriffserklärung und zum kulturell historischen Hintergrund betreiben. Diese Lektüre sollen uns vor allem bei der Praxis der Drei Schätze inspirierend begleiten. Es werden Zitate und Gleichnisse aus diesem Buch herausgepickt und besprochen.

Starten wir mit dem Beginn des 1. Kapitels „Mein Weg zum Dharma“ (行由品第一 xíng yóu pǐn dì yī) wie folgt:

Zu jener Zeit, als der Großmeister zum Kloster Baolin kam, begab sich der Präfekt Wei von Shaozhou gemeinsam mit anderen Beamten (persönlich) auf den Berg (des Klosters) und lud den Meister (zu einem Vortrag in der Stadt) ein. (Der Einladung folgend) ging der Meister in die Stadt und hielt eine Rede übers Dharma im Hörsaal des Klosters Dafan. Nachdem der Meister seinen (hohen) Sitz am Podium eingenommen hat, erfolgte das gemeinsame Begrüßungsritual von Präfekt und Beamten in der Zahl von über 30 und von mehr als 30 konfuzianischen Gelehrten sowie von mehr als eintausend Mönchen, Nonnen, Daoisten und Laienanhängern. Alle machten sich bereit, um die Worte des Meisters zur Essenz des Dharmas zu vernehmen.

Der Meister sprach zu allen: „Edle Gefährten! Das eigene Wesen ist an sich erwacht und von Natur aus rein und klar. Einfach diesem Sinn folgen und direkt das Buddhatum erlangen! Edle Gefährten, höre vorerst wie Huineng selbst zum Dharma gekommen ist.“[i]

Beim ersten Kapitel handelt es sich um die Aufzeichnung eines Vortrags des 6. Ahnlehrers im Kloster Dafan in der Präfektur Shaozhou im Südchina in der heutigen Provinz Guangdong. Der Anlass dieses Vortrages war die Einladung des Präfekten Wei, der zusammen mit anderen Beamten den Weg bergauf zum Baolin Kloster auf sich genommen hat, um dem Meister die Einladung persönlich zu überbringen. Darin drückt sich eine Verehrung aus hohen Rängen der Politik aus, die durchaus nicht selbstverständlich ist.

Die Zusammensetzung der Zuhörer lässt erkennen, dass Anhänger aus allen drei chinesischen Religionen oder Schulen (Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus) dabei waren. Die religiöse Herkunft hinderte die Menschen nicht daran, gemeinsam einen Meister rituell zu verehren und von ihm belehren zu lassen. Dies dürfte sich bei den monotheistischen Religionen schwieriger gestalten, da es sich bei den fernöstlichen Religionen nicht darum geht, wer den höheren oder wahren Gott hat, sondern um Praxiswege zur Selbstkultivierung und -findung. Welches Ritual werden sie wohl gemeinsam angewendet haben? Es ist davon auszugehen, dass es das chinesische konfuzianische Ritual zur Ahnenverehrung war, da dies allen Anwesenden bekannt gewesen sein muss.

Die Bezeichnung „edle Gefährte“ (善知识 shanzhishi; auf Indisch: Kalyāṇamitta) ist die buddhistische Bezeichnung für einen Mitmenschen, der eine förderliche Kraft für die Praxis darstellt. Der Meister sah alle seiner Zuhörer gleichberechtigt an, Laienanhänger wie Ordinierte, Gebildete wie Ungebildete, einfache Menschen wie hochrangige Beamten.

Mit dem ersten Satz drückte Huineng schon die Kernbotschaft des Chan-Buddhismus aus:

Das eigene Wesen ist an sich erwacht und von Natur aus rein und klar. Einfach diesem Sinn folgen und direkt das Buddhatum erlangen!

Genau mit diesem Leitsatz stellt er den Schwerpunkt dar, den der Chan-Buddhismus innerhalb der buddhistischen Schulen setzt. Das Endziel der buddhistischen Praxis ist das Erwachen oder die Erleuchtung, die völlige Erlösung oder Befreiung. Der buddhistische Weg besteht einerseits aus dem Studium der Worte Buddhas, andererseits in der Praxis der Geisteskultivierung. Beide Varianten bergen Gefahren in sich: das Studium der Schriften kann einerseits dazu führen, dass man sich in bloßen Worten verliert. Die Übung der Geisteskultivierung alleine andererseits kann sich in einem Anhaften an Zuständen und Methoden verirren. Der Chan-Buddhismus möchte beide Irrwege vermeiden und sagt, man soll Wurzel und Zweig nicht verwechseln und nicht beim Zweig nach der Wahrheit suchen. Erwachen ist nur deswegen möglich, weil jeder die Natur des Erwachens besitzt. Es ist so wie wenn die Sonne bei bedecktem Himmel dennoch da ist. Die Natur des Menschen kann weder verloren gehen noch verunreinigt werden. Wie ein berühmtes Chan-Gleichnis beschreibt, kann es einem passieren, dass man auf dem Ochsen sitzend den Ochsen sucht.

Podiumsutra – Kap. 1 (2): Welchen Unterschied aber hat die Buddhanatur? –>

[i] 時,大師至寶林,韶州韋刺史與官僚入山請師,出於城中大梵寺講堂,為衆開緣說法。師升座次,刺史官僚三十餘人,儒宗學士三十餘人,僧尼道俗一千餘人,同時作禮,願聞法要。大師告衆曰:善知識!菩提自性,本來清淨,但用此心,直了成佛。善知識!且聽惠能行由得法事意。

Autoren: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Übersetzung der Zitate: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Lektoren: Pascal Hauser, Birgit Seissl, Ursula Presslauer




Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Podiumsutra

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