Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers
Auserwählte Zitate und Kommentare

Kap. 2 (1): die geraume Größe des Herzens
— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 09.01.2020
Wir knüpfen an den letzten Beitrag vom 12.12.2019 an und beginnen nun mit dem 2. Kapitel des Sutras. Im 1. Kapitel sprach der Meister über seinen eigenen Werdegang zum 6. Ahnlehrer. Nun begann er über die Essenz der Lehre bzw. der Praxis zu sprechen. Es war sein 2. Tag im Kloster Dafan. Präfekt Wei bat ihn nun zu weiteren Erläuterungen. Er bestieg das Podium und sprach zur versammelten Menge:
„Läutert allesamt den Geist und rezitiert „Maha Prajna Paramita“.“[i]
Damit forderte der Meister alle auf, sich durch die Rezitation von „Maha Prajna Paramita“ zu sammeln. Er selbst dürfte sich auch eine Weile der meditativen Versenkung hingegeben haben. Man möge sich dazu die totale Stille im Hörsaal mit den über tausend Zuhörern vorstellen. Maha Prajna Paramita war die Bezeichnung für jenen Praxisweg eines Bodhisattvas im Mahayana Buddhismus, der zur Vervollkommnung im Buddhatum führen sollte. Nach der gemeinsamen Sammlung begann er nun darüber zu sprechen:
„Edle Gefährten, die Bodhi-Prajna (Weisheit des Erwachens) besitzt der Mensch von Natur aus. Die Verblendung des Geistes ist es, die einen dies nicht begreifen lässt. Es bedarf der Anleitung eines großen edlen Gefährten (eines erwachten Meisters), um sein [natürliches] Wesen [wieder] zu erkennen. Gewiss sind die Buddhanatur eines törichten (verblendeten) und eines weisen Menschen ohne Unterschied. Die Differenz machen nur Verblendung und Erwachen aus, darin unterscheiden sich die Törichten und die Weisen. Ich erläutere euch heute die Lehre des Maha Prajna Paramita, sodass jeder von euch die Weisheit erlangt. Hört achtsam zu, ich werde es euch nun erklären.[ii]
Wie gewohnt sprach der Ahnlehrer klare, einfache Sätze und brachte Zweck und Ziel seiner Lehre kurz und bündig auf den Punkt. Damit war die Einleitung seines Vortrages getan, und er begann die Lehre zu erklären:
Edle Gefährten, Maha Prajna Paramita ist Sanskrit und bedeutet die „große Weisheit zum Übersetzen ans andere Ufer“.[iii]
Dies war eine wörtliche Übersetzung der Gesamtbezeichnung. Im Anschließenden ging er näher auf die einzelnen Worte ein. Als erstes erklärte er das Wort „Maha“:
Was heißt Maha? Maha bedeutet groß, nämlich die geraume Größe des Herzens: grenzenlos wie das leere All. Es ist nicht eckig oder rund, groß oder klein. Es hat [keine Farben wie] blau, gelb, rot oder weiß, weder oben noch unten, weder lang noch kurz. Es ist ohne [Emotionen wie] Wut und Freude, Recht und Unrecht, gut und böse, Anfang und Ende. Die Stadien aller Buddhas sind allesamt so wie das leere All. Das wundersame Wesen der Menschen ist im Grunde leer, kein einziges Phänomen ist greifbar. Ebenso ist es mit dem natürlichen Wesen, der wahren Leerheit.[iv]
Dieses Große scheint jegliche Vorstellung von Raum und Zeit, von Farben und Formen, von Emotionen und Wahrnehmungen sowie Wertungen und Urteilen zu übersteigen. Es sollte das Stadium eines Buddhas darstellen, welches nicht greifbar und leer ist. Es ist aber nichts Fremdes oder weit Entferntes, sondern das Wesen von jedem von uns. Der Umfang unseres Herzens ist eben so groß und allumfassend. Weil dieses Wesen leer ist, aber doch alles umfasst, ist es als die wahre Leerheit zu bezeichnen. Diese unterscheidet sich von der falschen Leerheit. Huineng sprach nun weiter zu diesem Unterschied:
Edle Gefährten, ihr hört mich über die Leerheit reden, nicht aber sollt ihr deswegen an der Leerheit anhaften. Beachtet als Erstes, nicht an der Leerheit anzuhaften. Wenn man mit leerem Geist das stille Sitzen übt, dann bleibt man an der sinnlosen Leerheit kleben.[v]
Edle Gefährten, das leere All kann die zehntausend Dinge und Formen umfassen. […] Das leere Wesen der Menschen ist genauso.[vi] […] Alle Phänomene sind im (natürlichen) Wesen aller Menschen vorhanden. Beim Anblick alles Guten und Schlechten der Menschen: einfach nichts ergreifen, aber auch nichts abweisen. Man wird nicht davon befleckt und haftet sich nicht an ihnen an. Der Geist ist so leer wie das All, so heißt es groß (großmütig). Das bedeutet Maha.[vii]
Edle Gefährten, der Verblendete redet (nur) davon, der Weise setzt es im Herzen um. Wiederum gibt es verblendete Menschen, die mit leerem Geiste im stillen Sitzen üben, völlig ohne Gedanken, und sich als „groß“ bezeichnen. Mit solchen Menschen vermag man nicht zu reden, denn sie hegen die falsche Ansicht.[viii]
Mit Erklärungen zum Wort Maha spricht Huineng ein auch heute noch existierendes Missverständnis der buddhistischen Meditationspraxis an. Viele Praktizierenden verharren in der Sitzmeditation und streben nach dem Zustand der geistigen Leere. Huineng jedoch nennt dies die „sinnlose Leerheit“: Dabei verhindert die Inaktivität der sechs Sinne zwar die Bildung von neuen Willens- und Bewusstseinsimpulsen, aber sie führt nicht zur Einsicht, somit nicht zum Durchbrechen der Verblendung und nicht zur Manifestation der Weisheit, und man erlöst sich nicht vom Karma. Eine derartige „sinnlose Leere“ ist somit eine falsche Leerheit. Die wahre Leerheit besteht in der Erweiterung des Fassungsvermögens des Herzens: Wie das All, das alles umfassen kann.
Dies ist aber nicht das Erreichen von etwas Neuem, sondern die Rückkehr zur einheitlichen, gemeinsamen Grundlage von allem. Sowohl gute als auch schlechte Gedanken entstehen im Geiste. Das Gute festzuhalten oder das Schlechte vertreiben zu wollen stellt eine dualistische Ansicht dar. Alle Manifestationen im Innen und Außen sind die Projektion des Bewusstseins. Haftet sich man an sie, begibt man sich in einem „eingebildeten“ Kreislauf. Daher: Hege keine Absicht, das Gute festzuhalten oder das Schlechte zu vertreiben. Bleibe unbefangen! Tut zwar das Gute und unterlasse das Schlechte, aber ohne Streben, ohne Erwartung und somit ohne Anhaftung. Nur so hat man sein eigenes Wesen nicht verlassen. Lasse Vergangenes vergehen und Zukünftiges geschehen, und halte Gegenwärtiges nicht fest. Werdet einfach frei wie das All, das alles Geschehen in sich tragen und tolerieren kann. Das ist Maha, das ist groß oder großmütig.
Maha, also groß, ist wohl jemand, der dankbar sein, loslassen und tolerieren kann. Deshalb findet die Hauptpraxis nicht im Meditationsraum im stillen Sitzen statt, sondern besteht in der Praxis der Einsicht und Weisheit zu jeder Zeit und an jedem Ort. Der Praxisweg dazu heißt im Sanskrit Prajna Paramita. Die Erläuterung von Huineng dazu besprechen wir im nächsten Beitrag.
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<– Podiumsutra – Kap. 1 (13): das Buddhawesen ist weder beständig noch unbeständig
[i]总净心念摩诃般若波罗蜜多。
[ii] 善知识,菩提般若之智,世人本自有之,只缘心迷,不能自悟,须假大善知识,示导见性。当知愚人智人,佛性本无差别,只缘迷悟不同,所以有愚有智。吾今为说摩诃般若波罗蜜法,使汝等各得智慧,志心谛听,吾为汝说。
[iii] 善知识,摩诃般若波罗蜜是梵语,此言大智慧到彼岸。
[iv] 何名摩诃?摩诃是大,心量广大,犹如虚空,无有边畔,亦无方圆大小,亦非青黄赤白,亦无上下长短,亦无嗔无喜,无是无非,无善无恶,无有头尾,诸佛刹土,尽同虚空。世人妙性本空,无有一法可得。自性真空,亦复如是。
[v] 善知识,莫闻吾说空便即著空,第一莫著空。若空心静坐,即著无记空。
[vi] 善知识,世界虚空,能含万物色像,……, 世人性空,亦复如是。
[vii] 善知识,自性能含万法是大,万法在诸人性中,若见一切人恶之与善尽皆不取不舍,亦不染著,心如虚空,名之为大。故曰摩诃。
[viii] 善知识,迷人口说,智者心行。又有迷人,空心静坐,百无所思,自称为大,此一辈人,不可与语,为邪见故。
Autoren: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Übersetzung der Zitate: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Lektoren: Pascal Hauser, Birgit Seissl, Ursula Presslauer
Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Podiumsutra
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