Podiumsutra – (Kap. 1 (13): das Buddhawesen ist weder beständig noch unbeständig

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 1-13): das Buddhawesen ist weder beständig noch unbeständig

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei-Schätze-Retreat am 12.12.2019

Im letzten Retreat sprachen wir darüber, wie Huineng beim Faxing Kloster in der Stadt Guangzhou beim Abt Yinzong sich vor der Öffentlichkeit als der Dharmafolger des 5. Ahnlehrers Hongren auswies. Auf die Frage Yinzongs nach seiner Lehre stellt er diese als das „Erkennen des natürlichen Wesens“ dar, bei welcher nicht von „Versenkung und Erlösung“ die Rede ist. Er begründet diese Aussage damit, dass die Buddhalehre nicht dualistisch ist. Daraufhin fragt Yinzong, was das genau heißt. Huineng nutzt nun gerade die Stärke des Gesprächspartners, um es ihm verständlich zu machen: Er nimmt eben den Text aus dem Parinirvana-Sutra, über das Yinzong gerade einen Vortrag gehalten hat.

Das Parinirvana-Sutra überliefert die Worte des historischen Buddhas kurz vor seinem Erlöschen. Es spielt im chinesischen Buddhismus dieser Zeit eine wichtige Rolle. Dieses aus dem Sanskrit übersetzte Sutra wird zu den Tathagathagarbha Sutras des Mahayana gezählt und weist wesentliche inhaltliche Unterschiede zur gleichnamigen Lehrrede Nr. 16 im Digha Nikaya des Pali-Kanon auf. Der größte Unterschied besteht in der Behandlung der Frage nach dem Ich oder Nicht-Ich: Im ursprünglichen Buddhismus ist durchgängig vom Nicht-Ich und den drei Daseinsmerkmalen (Anicca, Dukkha, Anatta; Vergänglichkeit, Leiden/Unzulänglichkeit, Nicht-Selbst) die Rede, während im Parinirvana-Sutra, wie es eben ein Merkmal der Tathagathagarbha Sutras ist, die sogenannte Buddha-Natur behandelt wird. Dieses Konzept kann sehr leicht für ein „wahres Selbst“, das beständig, fest und ewig sei, gehalten werden. Wird die Leerheit der Buddha-Natur zu wenig beachtet, scheint hier ein Widerspruch zum Daseinsmerkmal des Anatta zu bestehen, was ständig zu mächtigen Diskussionen führte.

Huineng greift somit direkt in schon lange währende Themen ein. Vermutlich sind die zwei Mönche eben durch den Vortrag Yinzongs zur Streitfrage bezüglich des „Winds“ und der „Fahne“ gekommen, welche auf die Praxis der Versenkung um Erlösung zu erlangen deutet. Huineng behauptet nun, dass es bei seiner Lehre nur um das „Erkennen des natürlichen Wesens“ geht und nicht um „Versenkung und Erlösung“. Er kritisiert somit die Haltung der beiden als dualistisch und betont: die Buddhalehre ist nicht dualistisch. Er nutzt den Begriff „Buddhawesen“ aus dem Parinirvana-Sutra, um dieses nicht-dualistische Wesen zu erklären. Anhand einer Textstelle aus dem Sutra, in der es drum geht, ob die Grundlage zum Guten und das Buddhawesen beeinträchtigt würden, wenn man schwerste ethische Verfehlungen (wie z. B. Tötung von Vater oder Mutter etc.) begeht, erläutert Huineng:

Die Grundlage zum Guten ist zweierlei, die eine beständig, die andere unbeständig, und kann zum Abbruch kommen. Das Buddhawesen ist weder beständig noch unbeständig und kann daher nicht unterbrochen werden.

Die Grundlage zum Guten ist zweierlei, die eine gut, die andere ungut, also dualistisch. Das Buddhawesen ist weder gut noch ungut und daher nichtdualistisch.

Die Ansammlungen und Erwägungen (durch die Sinnesgrundlagen innen und außen) werden vom verblendeten gewöhnlichen Menschen als zweierlei (also dualistisch) gesehen. Der erwachte Weise begreift vollkommen, dass ihr Wesen nicht-zwei (also nichtdualistisch) sei. Das nicht dualistische Wesen ist das Buddhawesen. [i]

Im schlimmsten Fall führen schwerwiegende negative Handlungen in unterste Höllenbereiche. Die Grundlage zum Guten kommt somit zum Abbruch. Als Buddhawesen wird die immanente Fähigkeit und Potenz der Lebewesen, Einsicht und Buddhaschaft zu erlangen bezeichnet. Diese Potenz ist unabhängig von den Taten und Handlungen der Wesen und kann somit keinen Abbruch erleiden. Sie ist nicht mit Gedanken erfassbar, und es gibt nicht ein oder mehrere Buddhawesen – es ist nichts aber doch auch alles! Es ist absolut und daher nicht dualistisch. So wie das All alle Sterne, Planeten und Galaxien in sich birgt. Egal wie diese sich bewegen und entwickeln, sie sind im Grunde eins mit dem All und unterscheiden sich im Wesen nicht von der Leerheit des Alls: Sie zeigen sich in allen möglichen Formen, aber ihr Grundwesen hat sich nie bewegt und verändert, ist nie entstanden und wird auch nie vergehen. Das Bewusstsein, das sich durch das Zusammentreffen von inneren und äußeren Sinnesgrundlagen gebildet hat, sieht den Geist und die Phänomene zwar als voneinander differenzierte Dinge, aber im Wesen sind sie eins und undifferenziert. Im Gleichnis: Wenn man Wasser aus dem See schöpft, ist das Wasser im Schöpfer wesentlich anders als das Wasser im See? Ein Fall aus dem alten China passt hier gut dazu:

Zur Zeit der Song-Dynastie war ein Praktizierender namens Zhao Kangjing. Er hatte zur Geistesschulung eine eigene Methode gefunden. Er stellte nämlich eine Flasche auf: jedes Mal wenn er einen guten Gedanken hatte, warf er eine weißen Kugel in die Flasche, bei einem schlechten aber eine schwarze. Zu Beginn waren in der Flasche mehr schwarze als weiße zu sehen, mit der Zeit aber übertreff die weißen die schwarzen. Dann kamen insgesamt immer weniger Kugel dazu, schließlich kam gar keine weitere Kugel mehr in die Flasche. Er verweilte in der Soheit und hegte weder gute noch schlechte Gedanken.

Diesen Zustand kann man mit dem folgenden Koan näher verstehen:

Ein Schüler fragt den Chan-Meister Yaoshan: „Wo ist denn das Dao (also das ursprüngliche Wesen) zu finden?“
Der Meister antwortet: „Es ist doch unmittelbar da?“
Der Schüler: „Warum sehe ich es dann nicht?“
Der Meister: „Du siehst es nicht, weil du noch das Ich im Sinn hast.“
Der Schüler: „Sie meinen also, dass ich die Ich-Anhaftung nicht losgelassen habe. Aber sehen Sie es etwa?“
Der Meister: „Jetzt wo ich Dich im Sinn habe, sehe ich es auch nicht.“
Der Schüler: „Wenn es aber kein Du und Ich mehr gibt, wer sieht es denn dann?“
Der Meister: „Wenn es kein Du und Ich mehr gibt, was gibt es denn da noch zu sehen?“

Water drop

Wenn man Wasser aus dem See schöpft, ist das Wasser im Schöpfer wesentlich anders als das Wasser im See?

Yinzong war begeistert von Huinengs Erläuterung und sagte: „Wie ich das Sutra erläutere – das ist wie Scherben von Ziegelsteinen; wie Ihr das Sutra erläutert- das ist wie wahres Gold.“ Der Vergleich von Huinengs Erläuterung mit seinem eigenen Vortrag hat ihn zur Erkenntnis geführt, dass Huineng ihm deutlich überlegen ist. Er erklärt sich bereit, Huineng die Haare abzuscheren und zum Mönch zu ordinieren, er selbst möchte sein Schüler werden. Man sieht, wie bescheiden und großmütig Yinzong war: wenn er Mönche neu ordiniert, ist er selbstverständlich der Lehrer. Aber in diesem Fall bricht er die Regel und ehrt den von ihm frisch Ordinierten als den Lehrer. Vor dem Kloster war ein Banyan-Baum, unter dieser Gattung von Baum war einst der historische Buddha erwacht, deswegen wird diese Baumart als Bodhi-Baum bezeichnet. Dieser Baum soll von einem indischen Mönch vor 170 Jahren aus Indien mitgebracht worden sein, wobei er prophezeite, dass 170 Jahre später ein lebender Bodhisattva darunter die Hauptlehre Buddhas verkünden wird. Diese Prophezeiung erfüllend, startet nun Huineng unter diesem Banyan-Baum vorm Faxing-Kloster offiziell seine Lehrtätigkeit. Mit Yinzong als Schüler hat er starke Unterstützung bekommen, ein großes Netzwerk über alle soziale Schichten hinweg deckt ihm von nun an den Rücken.

Nach kurzem Aufenthalt im Faxing-Kloster begab er sich wieder zum Baolin Kloster, wo er schon vor 15 Jahren residiert hat und von Verfolgern verjagt wurde. Diesmal aber begleiten ihn über tausend Menschen dorthin, und über hundert davon lassen sich gemeinsam mit Huineng im Kloster nieder. Somit ist Huineng nicht mehr allein auf sich gestellt und er beginnt von dort aus seine Lehre zu verbreiten. Die erste Basis ist geschaffen, um gegen die Schule des Shenxiu im Norden bestehen zu können. Im Jahr darauf wurde er vom Präfekten Wei zum Vortrag in die Stadt eingeladen, was ihm große Bekanntheit verschaffte. Genau dieser Vortrag ist eben der Beginn des Podiumsutras, und nun ist der Bericht über seinen Weg zum Dharma und somit das erste Kapitel des Sutras zu Ende gekommen. Er erklärt, wie wertvoll diese Gelegenheit ist, bei der so viele Menschen zusammenkommen sind, um diese höchste Lehre des plötzlichen Erwachens zu vernehmen. Alle Anwesenden haben eine vorzügliche karmische Basis durch profunde Praxis in früheren Leben aufgebaut, sodass sie hier anwesend sein können. Er betont des Weiteren, dass seine Lehre von den Ahnenmeistern stammt und nicht von ihm selbst geschaffen wurde. Er hofft, damit den Geist der Anwesenden zu klären und Zweifel zu beseitigen. Alle Anwesenden sind im Herzen von Freude erfüllt und bedankten sich rituell.

Als nächstes bat der Präfekt Wei Huineng um einen weiteren Vortrag. Huineng sprach nun über das Maha Prajna Paramita,  also die „Große Weisheit zum Übersetzen ans andere Ufer“, jener höchster Weg des Bodhisattva, der zum Buddhatum führt. Darüber hören wir im nächsten Retreat im neuen Jahr.

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[i] 佛言:善根有二,一者常,二者无常,佛性非常非无常,是故不断,名为不二;一者善,二者不善,佛性非善非不善,是名不二;蕴之与界,凡夫见二,智者了达,其性无二,无二之性,即是佛性。

fó yán :shàn gēn yǒu èr ,yī zhě cháng ,èr zhě wú cháng ,fó xìng fēi cháng fēi wú cháng ,shì gù bù duàn ,míng wéi bù èr ;yī zhě shàn ,èr zhě bù shàn ,fó xìng fēi shàn fēi bù shàn ,shì míng bù èr ;yùn zhī yǔ jiè ,fán fū jiàn èr ,zhì zhě le dá ,qí xìng wú èr ,wú èr zhī xìng ,jí shì fó xìng 。”

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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