Podiumsutra – Kap. 1 (12): das Buddha-Dharma ist kein dualistisches Phänomen

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 1-12): das Buddha-Dharma ist kein dualistisches Phänomen

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 05.12.2019

Yinzong bat [auf den Platz des oberen Ranges und ersuchte ihn um nähere Erläuterungen. Er stellte fest, dass Huineng mit einfachen Worten, treffend und verständlich, erklären konnte, ohne sich dabei nach den Schriften zu richten. Yinzong sprach: „Der Praktiker ist gewiss kein gewöhnlicher Mensch. Ich hörte, dass der Dharma-Nachfolger von Huangmei in den Süden gekommen sei. Ist es etwa der Praktiker (Seid Ihr es etwa)?“ Huineng antwortete: „[Ich] wage es nicht.“ Yinzong ehrte ihn daraufhin rituell und bat ihn die übermittelte Robe und Schale [als Beweis] allen zu zeigen.

Dann fragte Yinzong wieder: „[Was ist] die Anweisung aus Huangmei (von Ahnlehrer Hongren), wie war der „Fingerzeig“?

Huineng antwortete: „ „Fingerzeig“ – wohl nichts. Vom Sehen des [natürlichen] Wesens ist nur die Rede, nicht von Versenkung und Erlösung.“

Yinzong fragte: „Warum ist keine Rede von Versenkung und Erlösung?“

Huineng sagte: „Tun ist duales Dharma, aber nicht der Buddha-Dharma. Der Buddha-Dharma ist kein dualistisches Phänomen.“[1]

Mit den landläufigen Vorstellungen über Buddhismus war es im damaligen China ähnlich wie heute in Europa. Die gängige Meinung bestand, dass es beim Buddhismus vor allem um die Übung der Versenkung in der Sitzmeditation ginge. Ziel der Praxis sei die Befreiung von den Ursachen der Unzulänglichkeiten, um so die Erlösung zu erlangen. Huineng aber sagt, dass sich seine Lehre nicht um die Versenkung und auch nicht um die Erlösung dreht, sondern einfach um das Erkennen des natürlichen Wesens. Was heißt das?

Die Übung der Versenkung ist ein Mittel zum Zweck. Ihre Funktion ist die Stabilisierung der Sinne, sodass sie nicht von den Reizen außen und den Gedanken innen aus der Ruhe gebracht bzw. verwirrt werden. Dabei betrachtet man Reize und Gedanken als Störfaktoren, und die Sinne als Schutzobjekte. Man betrachtet sie als voneinander getrennte Dinge. Dadurch verstärkt sich das Ich-Bewusstsein, das die Sinnesobjekte als von sich getrennte Dinge erlebt. Dieses Bewusstsein verfällt aufgrund der subjektiven Sicht der Dinge stets in eine dualistische Betrachtung. Jemand, der gut bei der Sache ist, schafft es die fünf Außensinne abzuschalten, sodass keine äußeren Reize kommen. Im Innen schafft er es, den Gedankensinn still zu halten und mit dem Nachdenken, Analysieren und Unterscheiden aufzuhören. Weiters gelingt es ihm, das Ego zu zähmen, Neigungen und Abneigungen einzuhegen und so nicht mehr Gedankenimpulse zu produzieren, welche an die Sinne weitergehen oder ins Speicherbewusstsein wandern. Letztendlich kann es so gelingen, die Projektion der gespeicherten Sinneseindrücke aus dem Speicherbewusstsein solange zu ignorieren und sie dadurch loszulassen, bis es leer wird. Ein totaler Stillstand würde herrschen. Jedoch wenn man noch immer die duale Betrachtung vom Ich und den Objekten hegt, hält man sich dann an diesem Stillstand als Objekt fest. Es wird ein toter Stillstand. Wie ein Wanderer im Dunkeln, der zwar glaubt das Ziel erreicht zu haben oder diesem nahe zu sein, aber nicht wirklich weiß, wo er sich tatsächlich befindet. Er bräuchte ein Licht, sodass er den Weg zum Ziel klar sieht. Das ist das Kennen des natürlichen Wesens.

Das natürliche Wesen ist wie die Mutter oder der Chef aller Bewusstseinsebenen, denn diese sind aus ihr entsprungene Funktionen. Wenn dieses Wesen wirkt, dann arbeiten alle Funktionen korrekt und gelangen zu keiner falschen Sicht und Irrgedanken. Diese Wirkung des natürlichen Wesens ist die Weisheit, auf Sanskrit Prajna. Es ist nicht dualistisch und nicht mit den Sinnen erkundbar. Man erkennt es anhand seiner Wirkung, also an der Weisheit, welche ihm ermöglicht, falsche Sicht und Gedanken zu erkennen und diese zu verwandeln. Um zu erfahren, ob das natürliche Wesen wirkt, übt man Einsicht oder Kontemplation, auf Sanskrit Vipassana (wörtlich durchdringendes Hinschauen, klarer Blick). Das ist, was Huineng als Umkehr des Lichtes zur Selbstbetrachtung bezeichnet.

Menschen denken in Dualitäten: gut oder böse, ewig oder endlich. Das natürliche Wesen ist nicht dualistisch, daher nicht mit dem rationalen Denken erfassbar. Um diesem Urwesen zu entsprechen, haben wir den Zustand des Nichts-Tuns zu erreichen, d. h. ohne Denken, ohne Absicht, ohne Erwartung. Das wird aber sehr leicht so missverstanden als würde man gar nichts tun. So entsteht der irrige Glauben, durch das Nur-Sitzen die Erlösung erlangen zu können. Das ist leider eine falsche Sicht der Dinge. Das Nichts-Tun vereint und übersteigt Denken und Nicht-Denken. Wenn man glaubt, durch Nicht-Denken das natürliche Wesen erfassen zu können, verfällt man erst recht in eine dualistische Vorstellung. Das natürliche Wesen muss sich in jedem Moment, bei jeder Handlung zeigen, es ist schließlich unsere Natur, die Existenzgrundlage unseres Seins. Es heißt von ihm, es bringt alle Phänomene hervor. Welche Phänomene? Im Außen alle Erscheinungen, die wir über die fünf Sinne (Augen, Ohr, Nase, Zunge und Körper) wahrnehmen können. Im Innen die Bilder, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und Tastgefühle die über die fünf Sinne entstehen. Damit verbunden: die Urteile und Kategorisierungen, die unser Gedankensinn aus diesen Phänomenen bildetweiters bewusste oder unbewusste Gedanken, die aus den Neigungen und Abneigungen unseres Egos zu diesen Phänomenen entstehen, die uns dazu anleiten, Sehnsüchte, Wünsche und Begierden respektive Verabscheuung bis hin zu Hass und Wut zu hegen. Die Nur-Geist Schule nennt dies das 7. Bewusstsein, auf Sanskrit Manas. Als Basis seiner Entscheidungen dienen die unzähligen im tiefen Unterbewusstsein gespeicherten Sinneseindrücke, die die Samen für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen darstellen. Dies ist das 8. Bewusstsein, auf Sanskrit Alaya. Dies nimmt alles auf, was über die anderen sieben Bewusstseinsebenen aufgenommen und verarbeitet worden ist. Diese gespeicherten Daten sind die Ursache für Handlungen und Handlungsabsichten, dem sogenannten Karma. Sprich die Manifestation dieser Samen in psychische und physische Phänomene, welche die Sinne wahrnehmen, welche das Ego für real hält und danach handelt. Diese Handlungen führen zur Produktion von weiteren Samen, die im Alaya gespeichert werden, produzieren weiteres Karma und immer so weiter: dies ist Samsara, der ständig weitergehende Daseinskreislauf.

Es ist so wie wenn wir einen Film anschauen. Mittendrin hegen wir Emotionen und Gefühle, als wären die Szenen real. Nach dem Film aber klingen die Gefühle ab, weil das Bewusstsein sich nicht mehr an die Szenen fesselt. Die Entfesselung war leicht, da man sich bewusst ist, dass es ja nur ein Film ist. Im Traum erleben wir auch alles als höchst real. Nach dem Aufwachen jedoch hat man ihn entweder schon gänzlich vergessen oder ist sich jedenfalls über die Traumnatur der Erlebnisse im Klaren. Im wachen Leben jedoch kann man nicht so leicht loslassen, weil man es als real betrachtet und sich betroffen fühlt. Obwohl diese genauso Bilder und Begriffe im Bewusstsein sind wie die Szenen der Filme und Träume. Würden wir unser Leben mit dem Auge eines unbeteiligten Beobachters betrachten, würden wir nicht so sehr anhaften. Schließlich ist es dieses Anhaften, das zu Willensimpulsen führt, die wiederum zu Gedanken und Gefühlen führen. So entstehen Sorgen und Kummer, Schmerz und Trauer, Wut und Verzweiflung.

Man spielt in einem Film mit, weiß aber nicht, dass es nur ein Film ist. Man versucht auch, immer selbst ein Drehbuch fürs Leben zu schreiben, Regie zu führen – und muss immer wieder feststellen, dass der Film sich nicht ans Drehbuch hält! Allerdings können die Eindrücke dieses Films jederzeit den Verlauf eben dieses Films noch verändern oder zu einem weiteren Film führen. Somit würden die Fortsetzungen nie enden. Der einzige Weg die Filmproduktion zu stoppen ist, das Drehbuchschreiben zu verwerfen. Wie geht das nun? Um nichts Neues zu schreiben, darf es keinen neuen Input geben. Der „Drehbuchschreiber“ muss aufhören über neuen Stoff nachzudenken und dem Regisseur nichts mehr liefern. Der Regisseur sollte keine Anweisungen mehr geben, ist aber schon so vernarrt in seine Arbeit, dass er gar nicht mehr aufhören kann. Man kann ihn austricksen, indem man ihm immer nur das gleiche gibt, wie z. B. bei uns das Mantra. Um aber weiterhin wirkliche Fortschritte zu machen, muss die Übung der Achtsamkeit (Sati) derart vorangetrieben werden, dass dieser Regisseur, dieses eingebildete „Ich“, sowohl die Reize von außen als auch die Regungen von innen nicht mehr beachtet. Diesen Zustand nennt man „Versenkung“, Sanskrit Dhyana, woraus chinesisch „Chan“ und japanisch „Zen“ wurde. Es bedeutet die „Stabilität“ oder „Unerschütterlichkeit“ des Geistes. Die Übung der Versenkung ist die völlige Befreiung von den gespeicherten Daten, sodass man nicht mehr von diesen gesteuert und bestimmt wird.

Warum aber sagt Huineng, dass es bei seiner Lehre nicht um Versenkung und Erlösung geht? Er sagt, dass es nur um das Erkennen des natürlichen Wesens geht. Warum? Kann dies erreicht werden, dann lösen sich alle Probleme von selbst. Der Geist kann dann entweder Weisheit und Güte ausstrahlen oder sich in der Stille des absoluten Seins verborgen halten. In solch einem Zustand braucht man nicht mehr über Versenkung reden, da diese von selbst gegeben ist, auch braucht man nicht mehr über Erlösung reden, da man bereits zu jedem Augenblick frei ist und es nichts mehr zu erlösen gibt. In der Entwicklung eines Praktizierenden können wir drei Stufen beschreiben:

  1. Weltliche Menschen, die gar keine Versenkung üben, sind von Begierden erfüllt, von Triebflüssen angetrieben und finden nicht zu Ruhe und Klarheit. Sie sind wie Wanderer im Dunkeln, ohne Licht, sehen ihren Weg nicht und werden leicht irregeleitet.
  1. Praktizierende, die Versenkung üben, erlangen geistige Ruhe und Stabilität, lassen sich daher nicht so sehr von den Begierden und Reizen lenken. Sie sind wie Wanderer mit Kompass, aber tappen dennoch ohne Licht im Dunkeln. Sie verirren sich nicht mehr, kommen langsam voran, sehen aber die Gefahren am Weg nicht.
  1. Praktizierende, die das natürliche Wesen kennen, sind wie Wanderer mit Licht, die den Weg und die Hürden sehen, sie kommen schnell voran und wissen den Gefahren auszuweichen.

Wie findet nun Meister Yinzong die Antwort von Huineng? Hat es Huineng geschafft, ihn von seiner Lehre zu überzeugen, um seine Unterstützung zu erlangen? Das hören wir im nächsten Beitrag.

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[1] 宗复问曰:黄梅付嘱,如何指授?
慧能曰:指授即无,惟论见性,不论禅定、解脱。
宗曰:何不论禅定解脱?
慧能曰:为是二法,不是佛法,佛法是不二之法。

zōng fù wèn yuē :“huáng méi fù zhǔ ,rú hé zhǐ shòu ?”
huì néng yuē :“zhǐ shòu jí wú ,wéi lùn jiàn xìng ,bù lùn chán dìng 、jiě tuō 。”
zōng yuē :“hé bù lùn chán dìng jiě tuō ?”
huì néng yuē :“wéi shì èr fǎ ,bù shì fó fǎ ,fó fǎ shì bù èr zhī fǎ 。”

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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