„Welches ist das ursprüngliche Angesicht“ – Die Koans zum 6. Ahnlehrer Huineng (638-713) – Teil 2

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Der Zen- oder Chan-Buddhismus wird als die Schule des plötzlichen Erwachens bezeichnet, insbesondere seit der Lehre von Huineng, die diesen Namen weithin bekannt machte. Leitsätze wie z. B. ‚Direkt auf den natürlichen Sinn zeigen, das natürliche Wesen erblicken und das Buddhatum erlangen!‘ prägen seit dem diese Lehre. Im 1. Kapitel des zen- oder chan-buddhistischen Hauptwerkes ‚Podiumsutra des 6. Ahnlehrers‘ erzählt Huineng ausführlich von seinem eigenen Werdegang. Im letzten Beitrag wurde über Huinengs Erwachen und seine Ernennung zum 6. Ahnlehrer durch Hongren, den 5. Ahnlehrer, berichtet. Im Text des Podiumsutra wird weiter beschrieben, wie Hongren daraufhin die Robe an Huineng übergab und ihm folgende Anweisung gab:

„Als einst der Großmeister Bodhidharma in diesem Land angekommen war, glaubte niemand an ihn. Deshalb überreichte er diese Robe als Beweismittel, zur Weitergabe von Generation an Generation. Das Dharma, von Herz zu Herz übermittelt, lässt alle selbst zum Erwachen, zur Erlösung gelangen. Seit jeher wurde von Buddha zu Buddha das ursprüngliche Wesen vermittelt, von Lehrer zu Lehrer der ursprüngliche Sinn übertragen. Die Robe führt zu Konflikten, daher gib diese zukünftig nicht mehr weiter. Wenn man diese weiter überträgt, hängt das Leben (seines Besitzers) an einem dünnen Faden. Du muss sofort hier weg. Ich fürchte sonst, andere würden dir schaden.“ [1]

Bodhidharma gab einst seine Robe (an manchen Stellen wird auch von einer Bettelschale gesprochen) als Beweis für die Authentizität seiner Lehre an seinen Nachfolger weiter und soll prophezeit haben, dass etwa 200 Jahre nach seinem Tod dieser Akt zu Ende kommen würde. Hongren hatte bereits eine Ahnung von den Gefahren, die mit der Weitergabe dieser Robe verbunden waren. Quellen berichten, dass die Robe zu seinen Zeiten bereits dreimal gestohlen wurde! Obwohl es ihm jedes Mal gelang, sie zurückzubekommen, war ihm bewusst, dass viele Menschen es auf diese Robe abgesehen hatten. Deshalb wies er Huineng an, rasch in den Süden zu fliehen, zurück in seine Heimat: Huineng sollte sich vorerst versteckt halten, da er andernfalls großen Schwierigkeiten ausgesetzt sein würde. Diese Vorhersage bestätigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte:

Nach dem Abschied vom Ahnlehrer wanderte Huineng eifrig nach Süden. Zwei Monate später erreichte er das Dayu Gebirge. Mehrere Hundert Widersacher jagten (Huineng) nach, um (ihm) die Robe und die Schale zu entreißen.[2]

Bei seiner Anreise benötigte Huineng nur einen Monat für eine Strecke von 1200 km. Doch nun brauchte er für die Hälfte dieser Strecke doppelt so lange. Es ist anzunehmen, dass seine Verfolger den Weg erschwert haben könnten. Unter Huinengs Verfolgern gab es jedoch auch solche, die nicht nur wegen der Robe hinter ihm her waren, sondern tatsächlich an seiner Lehre interessiert waren. Im Text des Podiumsutra heißt es weiter:

Darunter war ein Mönch dessen weltlicher Familienname hieß Chen, sein Vorname Huiming. Vor seiner Ordinierung war er ein General vierten Ranges, rau und impulsiv in Charakter und Benehmen. Er war höchst bestrebt (Huineng) zu finden und holte ihn schneller als alle anderen ein. Huineng legte Robe und Schale auf einen Stein und sagte: „Diese Robe ist das Zeichen (des Dharmas), das kann man wohl nicht mit roher Gewalt entwenden!“ Dann versteckte er sich im Gebüsch. Huiming kam an, konnte aber [die Robe und die Schale] nicht heben, worauf er ausrief: „Praktiker! Praktiker! Ich komme des Dharmas wegen, nicht der Robe wegen!“ [4]

Huiming nannte Huineng ‚den Praktiker‘, eine Bezeichnung für Laienanhänger, die im Kloster aushelfen. Es ist einzigartig, dass ein solcher Praktiker plötzlich zum Ahnlehrer wurde. Nun begann Huineng seine erste Lehrtätigkeit. Dies wird im Text wie folgt beschrieben:

Huineng kam daraufhin heraus und setzte sich auf einen Stein. Huiming ehrte ihm rituell und sagte: „(Ich) Bitte den Praktiker mich das Dharma zu lehren.“ Huineng sagte: „Wenn du des Dharmas wegen gekommen bist, dann lass alle Anhaftungen los, sodass kein einziger Gedanke mehr entsteht. Dann erkläre ich es dir.“ Huiming (tat es), lange Zeit (ist vergangen).

Huineng sagte: „Denke nicht Gutes, auch nicht Schlechtes, gerade jetzt in diesem Augenblick, welches ist das ursprüngliche Angesicht des Geehrten Ming?“

Bei diesem Worten erwachte Huiming auf Anhieb. [5]

Huiming fragte daraufhin:

„Gibt es außer der geheimen Worte und des geheimen Sinns von vorhin noch einen weiteren geheimen Sinn?“

Huineng sagte: „Wenn ich es dir sagen kann, dann ist es nicht mehr geheim. Kehre die Beleuchtung um, (dann) ist das Geheime bei dir.“ [6]

Die von Huiming erwähnten ‚geheimen Worte‘ und der ‚geheime Sinn‘ erinnern an die esoterische Schule des Buddhismus, wie beispielsweise der tibetischen Buddhismus (Vajrayana, Tantrismus). Daher wird oft behauptet, dass auch der Chan-Buddhismus ‚geheime‘ Eigenschaften aufweist. Dies wird vor allem mit der geheimen Übermittlung der Lehre von Person zu Person begründet. Dabei wird nicht offenbart, was genau übermittelt wird; es ist lediglich bekannt, dass der Nachfolger durch diese Übertragung innerhalb kurzer Zeit das Erwachen erlangt.

Im Text heißt es weiter:

Huiming verabschiedete sich rituell. Er kehrte dann zum Fuß des Gebirges zurück und erzählte den anderen: „Ich war schon oben am Berg und habe aber keine Spur (von Huineng) gesehen. Wir müssen andere Wege suchen.“ Alle glaubten ihm (und gingen andere Wege). [7]

Damit lenkte Huiming alle Verfolger ab und verhalf seinem Lehrer zur Flucht. Ob aber die Gefahr für den 6. Ahnlehrer schon vorbei war? Wohl lange nicht. Dazu im nächsten Beitrag.

„Der Sinn hat nichts zu tun mit den Schriftzeichen.“ – Die Koans zum 6. Ahnlehrer Huineng (Teil 3) >>>

<<< Ursprünglich ist es ohne Ding, wo nun ist hier der Staub?“ – Die Koans zum 6. Ahnlehrer Huineng (Teil 1)


[1]  祖复曰:“昔达摩大师,初来此土,人未之信,故传此衣,以为信体,代代相承,法则以心传心,皆令自悟自解。亘古佛佛惟传本体,师师密付本心。衣为争端,止汝勿传,若传此衣,命如悬丝。汝须速去,恐人害汝。” ——《六祖法宝坛经 行由品》

[2] 惠能辞违祖已,发足南行。两月中间,至大庾岭。逐后数百人来,欲夺衣钵。——《六祖法宝坛经 行由品》

[3] 五祖归,数日不上堂。众疑,诣问曰:‘和尚少病少恼否?’曰:‘病即无。衣法已南矣。’问:‘谁人传授?’曰:‘能者得之。’众乃知焉。——《六祖法宝坛经 行由品》

[4] 一僧俗姓陈,名惠明,先是四品将军,性行粗慥,极意参寻。为众人先,趁及惠能。惠能掷下衣钵于石上,云:‘此衣表信,可力争耶?’能隐草莽中。惠明至,提掇不动,乃唤云:‘行者!行者!我为法来,不为衣来。——《六祖法宝坛经 行由品》

[5] 惠能遂出,坐盘石上。惠明作礼云:‘望行者为我说法。’惠能云:‘汝既为法而来,可屏息诸缘,勿生一念。吾为汝说。’明良久。惠能云:‘不思善,不思恶,正与么时,那个是明上座本来面目?’惠明言下大悟。——《六祖法宝坛经 行由品》

[6] 复问云:‘上来密语密意外,还更有密意否?’惠能云:‘与汝说者,即非密也。汝若返照,密在汝边。——《六祖法宝坛经 行由品》

[7] 明礼辞。明回至岭下,谓趁众曰:‘向陟崔嵬,竟无踪迹,当别道寻之。’趁众咸以为然。——《六祖法宝坛经 行由品》




Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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