——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus
Im Zen- oder Chan-Buddhismus wird die Bedeutung der Genealogie innerhalb der Entwicklung seiner Schulen betont. Die Schüler suchten Lehrer auf, deren Status als Dharma-Nachfolger eines Ahnlehrers bestätigt war. Diese Bestätigung stellte sicher, dass diese Lehrer die authentische Übermittlung der Lehre – bezeichnet als den „Wahrer-Dharma-Auge-Schatz“ – erhalten hatten. Was dieser Schatz im Konkreten bedeutet, bleibt bis heute ein Geheimnis. Jedenfalls sollten diese Lehrer die Essenz der Lehre verstanden haben, das heißt, sie sollten das Erwachen erlangt haben. Daher vertrauten die Schüler darauf, durch diese Lehrer Inspirationen zum Erwachen zu erhalten. Durch die enge Lehrer-Schüler-Beziehung und die Überlieferung dieser Tradition entwickelten sich auf den jeweiligen Abstammungslinien unterschiedliche Schulen. Nach dem 6. Ahnlehrer, Huineng, kristallisierten sich fünf Schulen heraus, wie bereits erwähnt. Zuletzt hörten wir vom Wegbereiter der Yunmen- und Fayan-Schulen – Tianhuang Daowu, dem „Dao-Erwachten vom Himmelskaiser“ (748–807).
Ein Fragment über die Identität dieses „Dao-Erwachten“ wirft jedoch Fragen auf: In den Schriften werden zur gleichen Zeit und in derselben Stadt zwei Meister mit nahezu identischem Namen erwähnt. Einer dieser Meister galt als Dharma-Nachfolger des Ahnlehrers Ma der Dao-Einheit (Mazu Daoyi), der andere als Nachfolger des Seltenen Wandels vom Felsen (Shitou Xiqian). Wir haben bereits erwähnt, dass die Guiyang- und die Linji-Schulen (jap. Rinzai) aus der Linie des Ahnlehrers Ma stammen. Sollte sich herausstellen, dass auch der Dao-Erwachte vom Himmelskaiser aus der Linie des Ahnlehrers Ma stammt, würden auch die Yunmen- und Fayan-Schulen zu dieser Linie gehören. In den überlieferten Biografien wird der Dao-Erwachte vom Himmelskaiser jedoch als ein unbestimmter Dharma-Nachfolger des Seltenen Wandels vom Felsen dargestellt. Dies führte Jahrhunderte später zu Streitigkeiten unter den Anhängern beider Seiten. Solche verwirrenden und strittigen Fragen sind leider oft eine Begleiterscheinung institutioneller Entwicklungen und der Erstarrung der Lehre.
Zunächst lernen wir das Koan zum nächsten Wegbereiter der Yunmen- und Fayan-Schulen – Longtan Chongxin (?-?), wörtlich „der Treugläubige vom Drachenteich“, kennen. Über diesen „Treugläubigen“ ist in den Quellen nur sehr wenig überliefert. Sein Familienname sowie seine Geburts- und Sterbedaten sind unbekannt. Kurz wird erwähnt, dass er aus der Ortschaft Chugong (heute Kreis Jiangling in der Provinz Hubei) stammte. Im Unterschied zu den bisher vorgestellten Zen- oder Chan-Meistern wurde er jedoch weder als Kind noch als Jugendlicher zum Mönch ordiniert. Er lebte in bescheidenen Verhältnissen und verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Pfannkuchen. Der Treugläubige wohnte in der gleichen Gasse, wo sich das Kloster Tianhuang, wörtlich „Himmelskaiser“, befindet. (Der Name wurde vom Kaiser als Zeichen seiner Gnade verliehen.) Jeden Tag spendierte der Treugläubige dem Abt des Klosters – der Dao-Erwachte vom Himmelskaiser – zehn Pfannkuchen.
Der Dao-Erwachte nahm sie an, gab ihm jedoch jedes Mal ein Stück zurück und sprach: „Ich segne dich damit, auf dass deine Nachkommen Schutz erfahren.“
Eines Tages fragte sich der Treugläubige: „Die Pfannkuchen stammen doch alle von mir. Warum gibt er mir jedes Mal einen zurück? Hat das vielleicht eine tiefere Bedeutung?“
Daraufhin ging er zum Dao-Erwachten und stellte ihm die Frage.
Der Dao-Erwachte antwortete: „Ja, die Pfannkuchen sind von dir. Wo liegt dann das Problem, dass ich dir einen zurückgebe?“
Als der Treugläubige dies hörte, begann er, die tiefere Absicht zu verstehen, und entschied sich, das weltliche Leben aufzugeben und Mönch zu werden.
Der Dao-Erwachte sagte: „Früher strebtest du nach weltlichem Glück und Wohltaten. Nun trittst du in das heilige Leben im Vertrauen auf mein Wort. Ich verleihe dir daher den Namen ‚der Treugläubige‘.“
Seitdem diente der Treugläubige dem Dao-Erwachten mit Hingabe.
Eines Tages fragte er den Meister: „Seit ich hier bin, habe ich keine Unterweisung zum wesentlichen Sinn der Lehre erhalten.“
Der Dao-Erwachte antwortete: „Seit du hier bist, habe ich nie aufgehört, dir die Essenz der Praxis zu zeigen.“
Der Treugläubige fragte: „Wo hast du sie mir gezeigt?“
Der Dao-Erwachte antwortete: „Wenn du Tee gebracht hast, habe ich ihn entgegengenommen; wenn du Essen gebracht hast, habe ich es empfangen; wenn du dich verneigt hast, habe ich meinen Kopf gesenkt. Wo also habe ich dir nicht die Essenz der Lehre gezeigt?“
Der Treugläubige senkte daraufhin seinen Kopf und verharrte eine Weile in Stille.
Der Dao-Erwachte sprach: „Wer es sieht, erkennt es unmittelbar; wenn du darüber nachdenkst, verfehlst du es.“
In diesem Moment erwachte der Treugläubige und fragte weiter: „Wie soll ich es hüten und bewahren?“
Der Dao-Erwachte antwortete: „Folge deinem natürlichen Wesen und sei frei. Lebe im Einklang mit den Umständen und sei großmütig. Lasse den weltlichen Sinn los, aber es gibt auch keine heilige Erkenntnis.“
Später ließ er sich im Kloster vom Drachenteich am Kreis Liyang (heute Kreis Li in der Provinz Hunan) nieder und erhielt den Namen Longtan Chongxin – Der Treugläubige vom Drachenteich. Bedeutungsvoll wurde sein bekanntester Schüler, der berühmte Deshan Xuanjian, wörtlich der „Spiegel der Erkenntnis vom Tugendberg“ (782–865). Dieser „Erkenntnis-Spiegel“ ist spektakulär sowohl in seinem eigenen Werdegang als auch in seiner Lehrmethode. Darum geht es im nächsten Beitrag. [1]
Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen
<<<„Wer, glaubst du, sind denn die Nachfahren?“ – Das Koan zum Tianhuang Daowu (748-807)
„Wer eine Frage stellt, bekommt dreißig Schläge!“ – Das Koan zum Deshan Xuanjian (782-865)>>>
[1] 渚宮人也。其家賣餅。師少而英異。初悟和尚。為靈鑒潛請居天皇寺。人莫之測。師家于寺巷。常日以十餅饋之。天皇受之。每食畢常留一餅曰。吾惠汝以蔭子孫。師一日自念曰。餅是我持去。何以返貽我耶。其別有旨乎。遂造而問焉。皇曰。是汝持來。復汝何咎。師聞之頗曉玄旨。因投出家。皇曰。汝昔崇福善。今信吾言。可名崇信。由是服勤左右。一日問曰。某自到來。不蒙指示心要。皇曰。自汝到來。吾未甞不指汝心要。師曰。何處指示。皇曰。汝擎茶來。吾為汝接。汝行食來。吾為汝受。汝和南時。吾便低頭。何處不指示心要。師低頭良久。皇曰。見則直下便見。擬思即差。師當下開解。復問。如何保任。皇曰。任性逍遙。隨緣放曠。但盡凡心。別無聖解。——《指月錄卷之十二 指月錄卷之十二 澧州龍潭崇信禪師》
Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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