„Wer eine Frage stellt, bekommt dreißig Schläge!“ – Das Koan zum Deshan Xuanjian (782-865)

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Der Zen- und Chan-Buddhismus zeichnet sich durch eine flexible Haltung zu Lehr- und Praxismethoden aus, besonders in den frühen Phasen und während seiner Blütezeit vom 6. bis zum 10. Jahrhundert. Diese Flexibilität wird in den vielen Koans aus jener Zeit deutlich, in denen Zen- und Chan-Meister durch ihre unkonventionellen Lehrmethoden auffielen. Viele dieser Methoden erschienen Außenstehenden nicht nur rätselhaft, sondern waren auch inakzeptabel nach den üblichen gesellschaftlichen Normen. Besonders bekannt wurden hierbei Methoden wie Schreien und Stockschläge.

Ein Vertreter des „Schreiens“ war Linji Yixuan (?-866), der „Tiefsinnige an der Fähre“, Gründer der Linji-Schule (japanisch: Rinzai-shu). Für den Einsatz des Stockschlags ist Deshan Xuanjian bekannt, der als „Spiegel der Erkenntnis vom Tugendberg“ bezeichnet wird und als ein Wegbereiter der Fayan- und Yunmen-Schule gilt (782–865). Dieser Beitrag widmet sich näher dem „Tugendberg.“

Tugendberg, Sohn der Familie Zhou aus der Präfektur Jianzhou (heute Provinz Sichuan), trat schon als Kind ins Mönchsleben ein. Er widmete sich intensiv dem Studium des Vinaya-Pitaka (Sammlung der Mönchsregeln) und beherrschte zudem die Schriften der Mahayana-Schulen. Aufgrund seiner häufigen Vorträge über das Diamant-Sutra wurde er als „Zhou Diamant“ bekannt. Stolz auf seine Erkenntnisse, verfasste er zahlreiche Kommentare, die einen ganzen Korb füllten und die er „Die Kommentare des Blauen Drachens“ nannte. Als er später hörte, dass die Zen- bzw. Chan-Schulen im Süden florierten, wurde er ärgerlich und sagte:

„Ein Mönch studiert über Äonen hinweg die Etikette eines Buddhas und über unzählige Zeitalter die feinsten Praktiken des Buddha, und dennoch wird er kein Buddha. Die Dämonenkinder des Südens jedoch behaupten, sie könnten durch unmittelbare Einsicht in ihre eigene Natur Buddhaschaft erlangen. Ich werde ihre Höhlen niederreißen und ihre Lehre auslöschen, um dem Buddha meine Dankbarkeit zu erweisen.“

So machte er sich, den Korb mit seinen „Kommentaren des blauen Drachens“ auf der Schulter tragend, auf den Weg in den Süden. Als er im Kreis Liyang ankam, sah er auf dem Weg eine alte Frau, die Pfannkuchen verkaufte. Er setzte sich und kaufte einen als Snack. Die alte Frau fragte ihn, welche Schrift er da trug.

Er antwortete: „Die Kommentare des blauen Drachens.“

Die alte Frau fragte: „Welches Sutra behandelt das?“

Er sagte: „Das Diamant-Sutra.“

Sie sagte: „Ich habe eine Frage. Wenn du sie beantworten kannst, gebe ich dir einen Snack. Wenn nicht, solltest du woanders hingehen.“

Sie zitierte das Diamant-Sutra: „Der vergangene Geist ist unerreichbar, der gegenwärtige Geist ist unerreichbar, und der zukünftige Geist ist unerreichbar. Nun, welcher Geist ist es, der sich nach einem Snack sehnt?“

Er konnte darauf keine Antwort geben und zog wortlos weiter nach Longtan, dem „Drachenteich“, wo er den Meister Longtan Chongxin, den „Treugläubigen vom Drachenteich“, aufsuchte.

Als er in der Lehrhalle ankam, sagte er: „Ich habe schon lange vom Drachenteich gehört. Aber ich sehe hier weder den ‚Teich‘ noch den ‚Drachen‘.“

Der Treugläubige erwiderte: „In der Tat, du bist im Drachenteich angekommen.“

Tugendberg wusste darauf keine Antwort und blieb von da an dort.

Eines Nachts, als er eine Weile im Gemach des Treugläubigen verweilte, sagte der Meister zu ihm: „Es ist spät geworden. Warum gehst du nicht?“

Tugendberg verneigte sich und trat hinaus, kehrte jedoch zurück und sagte: „Draußen ist es dunkel.“

Der Treugläubige zündete eine Kerze an und reichte sie ihm. Doch als Tugendberg die Kerze annehmen wollte, blies der Meister die Flamme aus. In diesem Augenblick erlangte Tugendberg das große Erwachen.

Er verbeugte sich und sagte: „Von nun an werde ich nicht mehr an den Worten der alten Meister zweifeln.“[1]

Am nächsten Tag stapelte er seine Kommentarwerke in der Lehrhalle auf, zündete eine Fackel an und sagte: „Selbst die gründlichsten Argumente sind so bedeutend wie ein Haar im weiten Raum. Die ganze Weisheit der Welt ist nur ein Tropfen im Ozean.“

Dann verbrannte er seine Schriften.

Kurz darauf verabschiedete er sich und suchte Guishan Lingyou auf, den „Gesegneten vom Berg am Gui-Fluss“.

Als er den Gesegneten traf, ging er quer durch die Lehrhalle, von Westen nach Osten und wieder zurück, und rief dabei: „Ist es das? Ist es das?“

Doch der Gesegnete schenkte ihm keine Beachtung.

Daraufhin rief Tugendberg: „Nichts! Nichts!“ und verließ den Raum. Er blieb an der Tür stehen und sagte: „Auch wenn es so ist, sollte es dennoch nicht leichtfertig enden.“

Dann kehrte er zurück, trat mit einer würdevollen Haltung ein, und als er die Türschwelle überquerte, hob er ein Sitzkissen hoch und rief: „Meister!“

Als der Gesegnete daraufhin nach seinem Fliegenwedel griff, schrie Tugendberg laut auf und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.[2]

Nachdem Tugenberg den Berg Guishan verlassen hatte, kehrte er zu seinem Lehrer am Drachenteich zurück und praktizierte dort weitere dreißig Jahre lang. Während der Verfolgung des Buddhismus durch Kaiser Wuzong von 840 bis 846 zog er sich in eine Steinhöhle am Berg Dufu („Einsames Schweben“) zurück. Nachdem die politische Unterdrückung endete, bat ihn der Gouverneur von Wuling (heutige Provinz Hunan) wiederholt, das Kloster Gude („bewährte Sitte“) am Berg Deshan („Tugendberg“) zu leiten und dort die Zen- oder Chan-Lehre zu verbreiten. Von da an wurde er als Deshan Xuanjian, der „Spiegel der Erkenntnis vom Tugendberg“, bekannt. Sein Zen- oder Chan-Weg galt als streng und herausfordernd, und er belehrte seine Schüler oft mit einem Stockhieb. Dazu gibt es das berühmte Koan von seinen „dreißig Stockschlägen“:

Eines Nachts verkündete Tugendberg der versammelten Gemeinschaft: „Heute Nacht werde ich keine Fragen beantworten. Wer trotzdem eine Frage stellt, bekommt dreißig Schläge.“

Da trat ein Mönch hervor und verneigte sich vor ihm. Der Lehrer schlug ihn sofort.

Der Mönch protestierte: „Ich habe noch gar keine Frage gestellt. Warum schlägt mich der Ehrwürdige?“ Der Lehrer fragte: „Woher kommst du?“

Der Mönch antwortete: „Ich bin aus Silla (heutiges Korea).“

Darauf sagte der Lehrer: „Noch bevor du das Schiff betreten hast, verdienst du bereits dreißig Schläge.“[3]

Seit dem heißt es: „Wer nichts sagt, bekommt dreißig Stockschläge, wer etwas sagt, bekommt auch dreißig Schläge.“ „Der Stock von Deshan“ wurde gemeinsam mit „dem Geschrei von Linji“ weithin bekannt. Als Meister Linji Yixuan, der „Tiefsinnige an der Fähre“, der tausend Kilometer nördlich am unteren Lauf des Gelben Flusses in der Präfektur Zhenzhou (heute in der Provinz Hebei) residierte, vom „Spiegel der Erkenntnis vom Tugendberg“ hörte, sandte er seinen Schüler Luofu („Ufer am Fluss Luo“) zu ihm, um ihn zu testen:

Der Tiefsinnige wies Luofu an: „Frage ihn, warum man dreißig Stockschläge bekommt, auch wenn man Argumente vorbringt. Wenn er dich dann schlägt, fange den Stock auf und schiebe ihn ein Stück zu ihm zurück. Beobachte dann, was er tut.“

Beim Treffen führte Luofu die obige Anweisung aus. Tugendberg schlug wie erwartet mit dem Stock auf ihn ein. Luofu fing den Stock auf und schob ihn ein Stück zum Tugendberg zurück. Daraufhin zog sich Tugendberg in sein Gemach zurück. Luofu kehrte zum Tiefsinnigen an der Fähre zurück und berichtete ihm von dem Vorfall.

Der Tiefsinnige sagte: „Ich habe schon immer Zweifel an diesem Kerl gehabt. Obwohl es so ist, kennst du den Tugendberg noch?“

Bevor Luofu antworten konnte, schlug ihn der Tiefsinnige.[4]

So rätselhaft oder inakzeptabel diese unkonventionellen Methoden auch erscheinen mögen, die Meister verstanden einander und wussten, worum es ging. Für viele blieb die Zen- oder Chan-Lehre dadurch weiterhin geheimnisvoll. Tugendberg wurde neben Linji Yixuan, Guishan Lingyou und Dongshan Liangjia zu einem der wichtigsten Zen- oder Chan-Lehrer seiner Zeit. Zu seinen Schülern gehörten bedeutende Persönlichkeiten, darunter Xuefeng Yicun, der „Rechtschaffene vom Schneeberg“ (822–908), der als maßgeblicher Wegbereiter der Yunmen- und Fayan-Schule gilt. Um diesen „Rechtschaffenen“ geht es im nächsten Beitrag.


Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen


<<<„Wenn du darüber nachdenkst, verfehlst du es.“ – Das Koan zum Longtan Chongxin (?-?)

„Spülst du den Sand aus dem Reis oder den Reis aus dem Sand?“ – Koans zum Xuefeng Yicun (822-908)>>>


[1] 簡州周氏子。丱歲出家。依年受具。精究律藏。於性相諸經貫通旨趣。常講金剛般若。時謂之周金剛。常謂同學曰。一毛吞海。海性無虧。纖芥投鋒。鋒利不動。學與無學。惟我知焉。後聞南方禪席頗盛。師氣不平。乃曰。出家兒。千劫學佛威儀。萬劫學佛細行。不得成佛。南方魔子。敢言直指人心見性成佛。我當摟其窟穴。滅其種類。以報佛恩。遂擔青龍疏鈔出蜀。至澧陽。路上見一婆子賣餅。因息肩買餅點心。婆指擔曰。這個是甚麼文字。師曰。青龍疏鈔。婆曰。講何經。師曰。金剛經。婆曰。我有一問。你若答得。施與點心。若答不得。且別處去。金剛經道。過去心不可得。現在心不可得。未來心不可得。未審上座點那個心。師無語。遂往龍潭。至法堂曰。久嚮龍潭。及乎到來。潭又不見。龍又不現。潭引身曰。子親到龍潭。師無語。遂棲止焉。一夕侍立次。潭曰。更深。何不下去。師珍重便出。却回曰。外面黑。潭點紙燭度與師。師擬接。潭復吹滅。師於此大悟。便禮拜。潭曰。子見個甚麼。師曰。從今向去。更不疑天下老和尚舌頭也。——《指月錄 六祖下第五世 鼎州德山宣鑒禪師》

[2] 於是禮辭 抵溈山。挾複子上法堂。從西過東。從東過西曰。有麼有麼。山坐次殊不顧盻。師曰無無。(雪竇著語云。勘破了也) 便出。至門首乃曰。雖然如此。也不得草草。遂具威儀。再入相見。纔跨門提起坐具曰。和尚。山擬取拂子。師便喝。拂袖而出。——《指月錄 六祖下第五世 鼎州德山宣鑒禪師》

[3] 小參。示眾曰。今夜不答話。問話者三十棒。時有僧出禮拜。師便打。僧曰。某甲話也未問。和尚因甚麼打某甲。師曰。汝是甚麼處人。曰新羅人。師曰。未跨船舷。好與三十棒。——《指月錄 六祖下第五世 鼎州德山宣鑒禪師》

[4] 臨濟聞得。謂洛浦曰。汝去問他。道得為甚麼也三十棒。待伊打汝。接住棒送一送。看伊作麼生。浦如教而問。師便打。浦接住送一送。師便歸方丈。浦回舉似臨濟。濟曰。我從來疑著這漢。雖然如是。你還識德山麼。浦擬議。濟便打。——《指月錄 六祖下第五世 鼎州德山宣鑒禪師》



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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