Anekdote: Das Küken und die Schnecke

Es ist der erste Morgen, der erste Atemzug im unendlichen, taugfrischen Grün. Ein Zittern geht durch den kleinen, gelben Flaum. Alles ist Licht, alles ist Weite, alles ist pures Werden. In diesem Moment ist das Küken vollkommen frei. Es gibt keine Geschichte, keine Verpflichtungen, keine Sorgen. Nur das Sein.

Und da, mitten im Meer aus Grashalmen, ein Wesen, getragen von einer ruhigen, stetigen Langsamkeit. Es zieht seine Spur durch den Morgentau, und auf seinem Rücken ruht eine gewundene Form, ein Haus aus festem Kalk. Die Schnecke gleitet. Sie ist Eins mit ihrer Last.

Der Blick des Kükens haftet an dieser Bewegung. Da ist etwas, das Halt verspricht in all der überwältigenden Freiheit. Der junge Geist, der noch keine Regeln kennt, sucht nach Orientierung – und findet sie in diesem Anblick. Er zieht einen Schluss: „Das ist es, was man tun muss. Man muss sein Haus tragen.“

Das Küken pickt nach der Schale, aus welcher es frisch ausgebrochen war. Es schichtet sie auf den eigenen, weichen Rücken, dorthin, wo eigentlich nur Federn wachsen sollten. Es balanciert. Es schwankt. Die Schale drückt. Sie schränkt die Sicht ein, dämpft das Gefühl der Sonne auf der Haut. Das Küken ist so beschäftigt damit, die Schale zu halten, dass es die Welt um sich herum kaum noch wahrnimmt.

Es trägt etwas Altes, Zerbrochenes in die neue, unberührte Welt hinein.

Da steht es nun, das Küken, und schaut zur Schnecke hinüber. Beide sind sie nun Träger ihrer Häuser. Die Schnecke gleitet leicht, weil es ihre Natur ist. Das Küken schwankt schwer, weil es gegen seine Natur lebt.



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