
Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?
Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen
Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)
Kap. 3: Die Ausgestaltung des chinesischen Buddhismus in den Nord-Süd-Dynastien (420-589 n. chr.)
Teil 18: Die Schule der Abhandlung zum Zehn-Stufen-Sutra und der Bodhisattvaweg
18-1: Einleitung
18-2: Über das Zehn-Stufen-Sutra
18-3: Vasubandhus Abhandlung und die Dilun Schule
18-4: Eine Einführung in die Abhandlung zum Zehn-Stufen-Sutra
Die Abhandlung wurde in 10 Kapitel, den 10 Bhumis entsprechend, unterteilt. Sie hat eine klare, systematische Struktur: Auf jeden Absatz des Sutras folgt eine Erläuterung des Kommentators. Der Teil des Sutras ist mit „Das Sutra sagt:“ und der Kommentar mit „Der Kommentar lautet:“ gekennzeichnet.
Das Werk beginnt mit der ersten Passage vom Sutra, welche Ort, Zeit und Personen darlegt. Die Schilderungen sind von mystischem Charakter geprägt: Es handelt sich nämlich um ein Treffen von Mahasattvas aus ‚Buddhawelten‘ in einem himmlischen Palast:
Der Auftakt: Die Versammlung im himmlischen Palast
Das Zehn-Stufen-Sutra berichtet über eine Lehrversammlung unmittelbar nach dem Erwachen des Gautama Buddhas. Diese beginnt so:
Das Sutra sagt: „So habe ich gehört. Zu einer Zeit, als der Bhagavat (Buddha Gautama), kurz nach seinem vollständigen Erwachen, am zweiten Zyklus von sieben Tagen (also in der Woche nach seiner Erleuchtung), sich in der Juwelenschatzhalle des Palastes vom Herrscher des Himmels der freien Manifestationen befand. Dort war er zusammen mit einer Versammlung großer Bodhisattvas, die alle niemals vom Weg abwichen und in nur einem Leben das höchste, vollkommene Erwachen (anuttara-samyak-sambodhi) erlangen würden. Sie waren aus anderen Buddha-Welten herbeigekommen, um sich zu versammeln.“ — Aus „Die Abhandlung zum Zehn-Stufen-Sutra – Erste Stufe der Freude“ [1]
Solche Berichte mystischer Ereignisse sind in den buddhistischen Sutren nicht ungewöhnlich. Häufig wird vom Erscheinen Buddhas in himmlischen Welten oder von Himmelswesen in der menschlichen Welt berichtet. Auch Versammlungen von Göttern aus verschiedenen Himmelswelten, die der Lehre Buddhas lauschen, sind in den Sutren oft zu finden. Diese Schilderungen mögen auf den ersten Blick wundersam erscheinen, doch in der buddhistischen Überlieferung sind sie tief mit den inneren Entwicklungsstufen des Geistes verwoben. Die mystischen Elemente tragen symbolische Bedeutungen und implizieren die geistigen Zustände. Sie helfen daher die grundlegende Prinzipien des Sutras zu veranschaulichen und das Werk in seiner Gesamtheit zu erfassen.
‚So habe ich gehört‘ – Wer ist der Üerlieferer dieses Sutras?
Der Inhalt des Sutras beginnt, wie jedes buddhistische Sutra, mit den Worten „So habe ich gehört“. Diese Formulierung weist darauf hin, dass die Worte des Sutras von einem Schüler Buddhas gehört und übermittelt wurden. Es wird allgemein angenommen, dass diese Worte von Ananda stammen, dem Cousin und persönlichen Begleiter des Buddha Gautama. Ananda war dafür bekannt, die Lehren Buddhas auswendig zu lernen und sie unmittelbar nach dessen Tod beim ersten buddhistischen Konzil in Rajgriha wiederzugeben. Die in diesem Konzil entstandenen Schriften bilden die Sammlungen der Lehrreden (Suttapitaka) und Mönchsregeln (Vinayapitaka), enthalten jedoch nicht die Schriften der Mahayana-Schulen (siehe dazu den Beitrag „Eine kurze Geschichte der buddhistischen Schriften“).
Nagarjuna, der als Begründer der Mahayana-Strömung gilt, erwähnt in seiner „Abhandlung der vollkommenen Weisheit“, dass Ananda nach dem oben genannten Konzil ein weiteres Treffen mit den Bodhisattvas hatte, bei dem er die Mahayana-Lehrreden wiedergab (vgl. dazu den Beitrag „Nagarjunas Abhandlung der vollkommenen Weisheit“). Dort wird jedoch auch auf mystische Wesen wie die Nagas hingewiesen, die zur Überlieferung der Texte beigetragen haben sollen. Der Legende nach soll Nagarjuna die Avatamsaka-Sutren aus dem Palast der Nagas geholt haben. In der indischen Tradition gelten die Nagas als Hüter verborgener Weisheit, die nur jenen zugänglich wird, die tiefes Verstehen und innere Reife erlangt haben. Diese Legende impliziert daher in erster Linie die spirituelle Tiefe und den besonderen Rang dieser Lehre im Mahayana.
Der Bhagavat und der Himmel der freien Manifestationen
„Bhagavat“ ist eine der zahlreichen Ehrenbezeichnungen für Buddha Gautama in den buddhistischen Sutren. Die beschriebene Versammlung fand unmittelbar nach seinem Erwachen am Morgen des siebten Tages seiner tiefen Sitzmeditation unter dem Bodhibaum statt. Den Überlieferungen zufolge verweilte der Buddha weiterhin an diesem Ort und meditierte über die tiefe Erkenntnis, die er durch seine Erleuchtung erlangt hatte.
Das Sutra berichtet, dass er sich in der darauffolgenden sieben Tage im Palast des Herrschers des „Himmels der freien Manifestationen“ (他化自在天, Paranirmita-vasavartin) zu einer Versammlung befand. Darunter ist nicht notwendigerweise eine Reise durch den Raum zu verstehen. Gemäß dem Weltbild des Avatamsaka Sutra stellen alle Phänomene Transformationen des Bewusstseins dar. Zeit, Raum und Erscheinungen sind demnach keine objektiv getrennten Entitäten, sondern Ausdruck der unendlichen Wechselbeziehungen eines grenzenlosen Geistes.
Im buddhistischen Weltbild stellt diese Himmelswelt die höchste der sechs Himmelswelten innerhalb der Sinnenwelt (kama dhatu, 欲界 yujie) dar, also den höchsten Bereich jener Wesen, die noch an Sinnesfreuden gebunden sind. Über der Sinnenwelt liegen die „Form-Welten“ (rupa dhatu, 色界 sejie) sowie die „Formlosen Welten“ (arupa dhatu, 無色界 wusejie). Diese drei Daseinsbereiche symbolisieren verschiedene Stufen geistiger Entwicklung im Kreislauf des Daseins (Samsara): Während Wesen in der Sinnenwelt noch an körperliche Lust gebunden sind, erfahren jene in den höheren Bereichen subtilere Formen geistigen Vergnügens oder verweilen in meditativen Zuständen jenseits aller Form. (Siehe Beitrag: Die drei Daseinsbereiche und acht Versenkungsstufen)
Die Mahasattvas und Buddhawelten
Man erkennt ein Mahayana-Sutra oft daran, dass es von Bodhisattvas oder Mahasattvas handelt. In diesem Fall geht es um hoch entwickelte Mahasattvas, die „niemals von ihrem Weg abweichen“ und „in einem Leben das höchste, vollkommene Erwachen erlangen werden“. Damit befinden sie sich in einem Zustand, vergleichbar mit demjenigen des Gautama Buddha vor seinem vollständigen Erwachen bzw. vor seiner Verwirklichung der Buddhaschaft.
Diese Mahasattvas sollen also aus „anderen Buddhawelten“ herbeigekommen sein. Der Begriff „Buddha-Welten“, der ebenfalls typisch für das Mahayana ist, verweist nicht auf konkrete physische Orte, sondern auf die Manifestation hoch entwickelter geistiger Sphären oder Bewusstseinszustände. Sie stellen Wirkungsbereiche der Buddhas dar, die allgegenwärtig und unbegrenzt sind. Nach dem Weltbild des Avatamsaka Sutra ist alles mit allem verwoben; in jedem einzelnen Phänomen ist das ganze Universum gegenwärtig. Wenn die Mahasattvas also aus „anderen Buddha-Welten“ kommen, ist das nicht notwendigerweise als eine Reise durch den Raum zu verstehen, sondern als Ausdruck eines bestimmten Bewusstseinszustands.
Die Buddha-Welten werden oft mit den sogenannten „Reinen Ländern“ in Verbindung gebracht. Diese sollen von den Buddhas aus tiefstem Mitgefühl geschaffen worden sein, um Bereiche mit idealen Bedingungen für die spirituelle Entwicklung der Wesen zu bieten. Der Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass Reine Länder als Orte der Praxis gedacht sind, während Buddha-Welten unbegrenzt wirken und nur von bereits weit entwickelten Mahasattvas betreten oder erkannt werden können. Auf diesen Punkt werden wir im Zusammenhang mit der Schule des Reinen Landes noch näher eingehen.
Warum versammeln sich diese Mahasattvas im Himmel der freien Manifestationen?
Im Zehn-Stufen-Sutra selbst wird nicht näher darauf eingegangen, warum gerade der „Himmel der freien Manifestationen“ (他化自在天, Paranirmita-vasavartin) zum Ort der großen Versammlung gewählt wurde. Dennoch griff Vasubandhu diese Frage in seinem Kommentar auf:
„Dieser Ort und diese Zeit zeigen die Vorzüglichkeit klar. Wegen der Überlegenheit dieser Lehre wird es zu dieser Zeit und an diesem hervorragenden Ort gesagt; dieser Palast ist ein vorzüglicher Ort. Warum wird es nicht in der Formwelt gesagt? Weil dieser Ort das Resultat der karmischen Reifung ist.“ — Aus „Die Abhandlung zum Zehn-Stufen-Sutra – Erste Stufe der Freude“[2]
Ort und Zeit der Versammlung verweisen auf die besondere Bedeutung der Lehre, die hier verkündet wird. Der Himmel der freien Manifestationen wird nicht als Schauplatz gewählt, weil er spektakulär wäre, sondern weil er ein Ausdruck karmischer Reifung ist – das heißt, er steht in Resonanz mit den geistigen Bedingungen der anwesenden Wesen.
Auch Fazang (法藏, 643–712), der Begründer der Huayan-Schule, greift dieses Thema in seinem Werk Erforschung des Avatamsaka Sutras auf:
„‚Dieser Ort ist das Ergebnis der karmischen Reifung.‘ Das bedeutet, dass sich in diesem Ort die karmische Bestimmung der Wesen manifestiert. Der Begriff ‚Ergebnis‘ verweist auf die Frucht des karmischen Wirkens, und ‚Ort‘ bedeutet, dass dies der geeignete Platz ist, um die Wahrheit zu offenbaren.“
Er erläutert weiter:
„Die oberen beiden Daseinsebenen sind schwer zugänglich und nicht für die Körper der Praktizierenden geeignet. Der Körper der Praktizierenden muss in der Sinnenwelt bleiben, und das höchste Stadium der Transformation wird in diesem Bereich offenbart, um die Überlegenheit der Lehre zu demonstrieren.“
–– Erforschung des Avatamsaka-Sutras, Band 9, Kapitel 22, Teil 1“[3]
Aus dieser Perspektive zeigt sich: Auch wenn die Form- und Formlose Welt als subtiler gelten, sind sie nicht notwendigerweise geeigneter für die Verkündigung des höchsten Dharma.
„Dieser Ort ist das Ergebnis der karmischen Reifung“
Aus diesem Satz lässt sich ableiten, dass die Lehre dieses Sutras für Wesen bestimmt ist, deren karmische Bestimmung sie in die Sinnenwelt des Samsara führt. Dies lässt sich auf zwei Aspekte zurückführen: Einerseits darauf, dass Bodhisattvas bewusst in den Sinnenwelten wiedergeboren werden, um sich dort zu kultivieren und anderen Wesen zu helfen – mit dem Ziel, letztlich die Buddhaschaft zu verwirklichen. Um die Vorzüglichkeit dieser Lehre hervorzuheben, wird sie im höchsten Himmel der Sinnenwelt verkündet. Andererseits liegt die Wahl dieses Ortes auch darin begründet, dass die beiden über der Sinnenwelt liegenden Daseinsbereiche – die Formwelt und die Formlose Welt – schwer zugänglich und daher nicht für alle Praktizierenden geeignet sind.
Warum sind ‚die oberen beiden Daseinsebenen‘ schwer zugänglich?
Einerseits ist eine Wiedergeburt in diese Bereiche schwierig zu erlangen: Um in die Formwelt (rupa-dhatu) oder die Formlose Welt (arupa-dhatu) wiedergeboren zu werden, sind fortgeschrittene meditative Praktiken wie die acht Versenkungsstufen erforderlich. Doch obwohl diese Zustände von Ruhe und Sammlung zeugen, betont Buddha in mehreren Sutren, dass sie allein nicht zur endgültigen Befreiung führen. Sobald die Kraft der Versenkung nachlässt, unterliegen diese Wesen erneut den Kräften von Begierde, Übelwollen und Fehlwissen und werden dadurch wieder in die Sinnenwelt (kama-dhatu) zurückgeworfen.
Andererseits ist es für die Wesen, die bereits in den Form- oder Formlosen Welten weilen, oft schwierig, sich von der Lehre des Buddha – insbesondere vom Bodhisattva-Weg – ansprechen zu lassen. Durch die Überwindung sinnlicher Begierden genießen sie einen Zustand langanhaltender Ruhe, frei von Sinnesreizen und geistigen Ablenkungen. Gerade diese scheinbare Befreiung kann jedoch zu einer subtilen Anhaftung führen: Es fehlt oft der Impuls, das eigene friedvolle Dasein zugunsten des Wohls anderer aufzugeben. Aus diesem Grund fällt es vielen dieser Wesen schwer, den Entschluss zu fassen, den Bodhisattva-Weg zu betreten und aus Mitgefühl in die Sinnenwelt zurückzukehren, um anderen zur Befreiung zu verhelfen.
Wer trug dieses Sutra vor?
An der Spitze dieser Versammlung steht Bodhisattva Vajragarbha (金剛藏菩薩), der als Hauptsprecher dieses Sutras auftritt. Der Name „Vajra“ (Diamant) symbolisiert die durchdringende Kraft der Weisheit – eine Metapher für die Lehre, die selbst die tiefsten geistigen Verblendungen durchbrechen kann. Zugleich steht er für die unerschütterliche Grundlage der Verdienste, die Bodhisattvas durch heilsames Wirken angesammelt haben. „Garbha“ bedeutet „Embryo“ oder „Speicher“ und verweist auf die verborgene, aber bereits angelegte Sammlung heilsamer Wurzeln, die sich im Lauf des Bodhisattva-Weges entfalten. Zu Beginn des Sutras heißt es, dass Vajragarbha aus seiner „Versenkung des lichten großen Fahrzeugs“ hervorgetreten sei und zunächst die Namen der zehn Bodhisattva-Stufen nannte. Danach zog er sich wieder in die Versenkung zurück.
Ein weiterer Bodhisattva namens Vimukticandra (解脫月), wörtlich „Befreiung-Mond“, sinngemäß „die mondlichte Befreiung“, ergriff das Wort. Er bat um eine eingehende Erläuterung der zehn Stufen – woraufhin Vajragarbha die Lehre erneut aufnahm und die einzelnen Stufen ausführlich erklärte.
Man kann daher von zwei zentralen Rollen in der Lehrübermittlung sprechen: Vajragarbha als eigentlicher Vortragender, der die Lehre entfaltet, und Vimukticandra als derjenige, der mit gezielten Fragen den Vortrag anstößt und strukturiert. Symbolisch verkörpern beide Bodhisattvas zwei grundlegende Prinzipien des Lehre: die unzerstörbare Weisheit (Vajra) und die erleuchtende Befreiung (Mondlicht). Die Weisheit gilt als Ursache oder Keim, die Befreiung als ihre Frucht. Das Sutra deutet darüber hinaus an, dass alle Wesen, die diese unzerstörbare Weisheit erlangen, den Namen “Vajragarbha“ tragen. Dies verweist auf das buddhistische Prinzip des Nicht-Selbst: Namen und Formen sind keine festen Identitäten, sondern entstehen als bedingte Phänomene aus Ursachen und Wirkungen.
Fortsetzung folgt: Was bedeuten die zehn Stufen der Bodhisattvapraxis? –>
<– Vasubandhus Abhandlung und die Dilun Schule
[1] 經曰:如是我聞。一時婆伽婆成道未久,第二七日在他化自在天中自在天王宮摩尼寶藏殿,與大菩薩眾俱,一切不退轉,皆一生得阿耨多羅三藐三菩提,從他方佛世界俱來集會。——《十地經論初歡喜地第一之一》
[2] 論曰:時處等校量顯示勝故。此法勝故,在於初時及勝處說,此處宮殿等勝是名處勝。何故不色界說?此處感果故。何故不初七日說?思惟行因緣行故,本為利他成道。何故七日思惟不說?顯示自樂大法樂故。何故顯己法樂?為令眾生於如來所增長愛敬心故,復捨如是妙樂悲愍眾生為說法故。何故唯行因緣行?是因緣行顯示不共法故。——《十地經論初歡喜地第一之一》
[3]《地論》云「此處感果故。」謂機感在此,是故此說。謂感是能感機也,果是如來赴根酬欲之相也。又釋:表所證真理非自作,故寄他化顯也。又上二界是難地,非修行身,故不在彼。修行之身要是欲界,他化最極,寄顯法勝,故在此也。——《華嚴經探玄記卷第九 十地品第二十二之一》
Lektorat: Ursula Presslauer, Birgit Seissl, Florian Feld, Pascal Hauser, Jörg Hollenstein, Alexander Maurer, Roland Parth
Korrekturen mit Unterstützung von ChatGPT (OpenAI)
Kategorien:Abahndlung zum Zehn-Stufen-Sutra, Buddhismus China
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