Podiumsutra – Kap. 1 (10): die geheimen Worte und der geheime Sinn

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers

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灯光照耀在眼前1

Kap. 1 (10): die geheimen Worte und der geheime Sinn

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 21.11.2019

Zuletzt sprachen wir über die erste Lehrtätigkeit des 6. Ahnlehrers Huineng und wie er seinem Verfolger Huiming zum Erwachen verhalf. Huiming war bevor er zum Mönch ordiniert wurde, ein General hohen Ranges. Zu jener Zeit (in der Tang-Dynastie), wo es noch rege Kriege an den Außengrenzen gab, musste ein Krieger solchen Ranges ein wirklich guter Militärführer sein. Andere historische Quelle berichten, dass er ein Nachkomme der früheren Kaiserfamilie der Chen-Dynastie (557-589 n. Chr.) war. Diese Herkunft dürfte ihm auch eine gute Basis (Erziehung, Ausbildung, Praxis, Erfahrung etc.) verschafft haben, um die Anweisungen Huinengs rasch aufzufassen und zum Durchbruch zu kommen. Er scheint damit noch nicht zufrieden gewesen zu sein, denn er stellte daraufhin die folgende Frage:

 „Gibt es außer der geheimen Worte und des geheimen Sinns von vorhin noch einen weiteren geheimen Sinn?“  

Huineng sagte: „Wenn ich es dir sagen kann, dann ist es nicht mehr geheim. Kehre die Beleuchtung um, (dann) ist das Geheime bei dir.“

Huiming sagte: „Huiming war zwar in Huangmei (beim 5. Ahnlehrer Hongren), hat aber nicht sein ursprüngliches Angesicht erkannt. Danke für Ihre Anweisung heute! Das war wie wenn man Wasser trinkt: Man weiß nur selbst, ob es kalt oder warm war. Nun ist der Praktiker der Lehrer von Huiming.“

Huineng sagte: „Wenn es so mit dir ist, dann haben ich und du den gemeinsamen Lehrer in Huangmei. Hüte es achtsam.“ [i]

Immer wieder weist der Chan-Buddhismus merkwürdige Geschehnisse auf. Was etwa meint Huiming hier mit „geheimen Worten und geheimem Sinn“? Die Begriffe „geheime Worte“ und „geheimer Sinn“ sind Bezeichnungen aus der Mi-Schule 密宗 mì zōng (geheime Schule) des chinesischen Buddhismus. Im Gegenzug dazu gibt es die Xian (offenkundigen) Schulen 显宗 xiǎn zōng. Als Xian werden jene Schulen bezeichnet, deren Lehre und Praxis offen erkundbar sind. Man kann sie in den Schriften wiederfinden, und es gibt nichts, was nicht öffentlich verkündet wird. Im Allgemeinen ordnet man den Chan-Buddhismus dieser Richtung zu. Dennoch gibt es auch Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Chan geheime Elemente aufweist. Die geheime Schule des Buddhismus wird von jeher sehr geachtet und gilt als äußerst streng und schwer in der Praxis. Die Schulen des tibetischen Buddhismus werden dieser Richtung zugerechnet. In China war diese „esoterische“ Richtung in der Tang-Dynastie auch vertreten, ist im Zuge von kriegerischen Unruhen aber mit der Zeit untergegangen. Japanische Meister aber haben diese von China nach Japan gebracht, und es entwickelten sich dort die zwei Schulen „Tendai Shu“ und „Shingon Shu“. Die tibetischen geheimen Schulen (Vajrayana) stammen von Meistern direkt aus Indien. Um einige grundlegende Merkmale dieser Schulen zu nennen:

  • Eine persönliche Übermittlung der Lehre vom Meister an den Schüler, i.d.R. erhält der Schüler dabei eine Initiation, d. h. mittels der Kräfte aller Ahnenmeister werden Energiezentren des Schüler aktiviert und energetische Blockaden durchbrochen. Diese könnte auch mehrmals erfolgen je nach Entwicklungsstufe. In einer höchsten Stufe der Initiation sollte dies die direkte Weckung der Buddhanatur bezwecken.
  • Der Übungsweg besteht in den drei sog. „Verborgenheiten“ (Sanskrit: guhyas): sie sind jeweils die Verborgenheit des Sinnes, der Worte und des Körpers. Sie entsprechen den drei Zuständen des Buddhawesens: das ursprüngliche natürliche Wesen, die akustische und die formhafte Manifestation. Auf die Praxis bezogen sind sie: die kontemplative Betrachtung des Buddhawesens, die Verinnerlichung von Mantren und die Haltung von Mudras.
  • Die Effektivität des Übungsweges stützt sich auf Kräfte der Meister/Buddhas: die Kontemplation ermöglicht die Einigung mit dem Wesen Buddhas, das Mantra den Einklang mit den Worten Buddhas, das Mudra die Vereinigung mit der formhaften Manifestation Buddhas. Dadurch verwandelt man sein geistiges, verbales und körperliches Karma durch die Einheit mit dem Wesen, den Worten und Handlungen Buddhas.
  • Der Übungsweg ist streng hierarchisch in Stufen aufgeteilt. Bevor man eine Stufe gemeistert hat, kommt man nicht in die nächste. Schüler auf unterschiedlicher Basis können sich in der jeweiligen Stufe finden und den dazu passenden Praxisweg finden.

Die von Huiming erwähnten „geheimen Worte“ 密语 mì yǔ und der „geheime Sinn“ 密意mì yì sind Bezeichnungen für die „Verborgenheit der Worte“ und die „Verborgenheit des Sinnes“, sprich Mantra und Kontemplation. Wie bereits gesagt gibt es Stimmen, die behaupten, der Chan-Buddhismus weise auch „esoterische“ Eigenschaften auf. Sie begründen dies vor allem mit der persönlichen, geheimen Übermittlung der Lehre ohne öffentliche Anteilnahme. Es wird nicht verraten, was konkret dabei übermittelt wurde, man weiß nur, dass der Nachfolger durch die Übermittlung innerhalb kurzer Zeit das Erwachen erlangt. Man vermutet daher eine Initiation durch die oben genannte direkte Weckung der Buddhanatur. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass es bei der Chan-Schule keine strukturierten Übungsstufen gibt. Huineng, zum Beispiel, hat vor der Übermittlung der Lehre durch den 5. Ahnlehrer an gar keiner Übung teilgenommen. Auch von Huiming ist nicht bekannt, dass er bestimmte Vorstufen gemeistert hat. Die „direkte Weckung der Buddhanatur“ wäre an sich die höchste Stufe der geheimen Schule, beim Chan kommt sie aber immer gleich zur Anwendung. Dies entspricht dem Leitsatz der Chan-Lehre: Unmittelbar auf den natürlichen Sinn zeigend, das natürliche Wesen erblicken und das Buddhatum erlangen! Deshalb bezeichnet der Chan sich als die Schule der „plötzlichen Erleuchtung“.

Allerdings ist die Wirksamkeit dieser Übermittlung mit der Zeit immer schwächer geworden. In der Tang-Dynastie (618—907 n. Chr.) berichtet man noch von zig Schülern, die ein Ahnlehrer durch direkte Weckung zum Erwachen bringen konnte. Huineng selbst sollte etwa 40 Schüler so weit gebracht haben. Den Höchststand schaffte sein Enkelschüler Mazu Daoyi mit etwa 100 erwachten Nachfolgern. Unter den fünf Linien, die Huinengs Schüler aufgebaut haben, hat jede zahlreiche Erwachten durch den Weg der direkten Weckung aufzuweisen. Diese Erfolgsquote nahm aber immer mehr ab. Seit der Song-Dynastie (960-1279 n. Chr.) sind immer weniger solcher Fälle bekannt. Immer mehr nahm der Chan-Buddhismus daher im Laufe der Zeit Übungsmethoden anderer Schulen an und vermischte sich mit diesen. Es ist nicht bekannt, dass Chan-Buddhisten mit Mantra oder Mudra gearbeitet haben. Sie legen schließlich Wert auf das direkte Erblicken des natürlichen Wesens unabhängig von Übungsformen und Schriften. Deshalb ist es um so seltsamer, dass Huiming von „geheimen Worten“ sprach. Auf alle Fälle sprach er nicht vom „geheimen Körper“, was auf ein Mudra hinweisen würde. Aber die gefalteten Hände bei den Mönchsritualen sind ohnehin ein Mudra (Añjali Mudrā), welches auch die Chan-Buddhisten praktizieren.

Das gemeinsame Ziel der Chan-Schule und der Geheimen Schule ist wohl das Erwachen der Buddhanatur. Dieses gemeinsame Ziel ist wohl das höchst „Geheime“, was in der Antwort Huinengs auf Huimings Frage angesprochen ist:

Huineng sagte: „Wenn ich es dir sagen kann, dann ist es nicht mehr geheim. Kehrst du die Beleuchtung um, (dann) ist das Geheime bei dir.“

Dies Geheime kann also nicht gesagt werden. Es kann nur dadurch erkundet werden, indem man die „Beleuchtung“ umkehrt. Damit ist in der Regel die Umkehr des Augenlichtes nach innen gemeint:  D. h. man betrachtet sich selbst dabei. Dieses „selbst“ ist das letztendliche „Geheime“, das die Buddhanatur, das natürliche Wesen darstellt! Diese Übung ist es, was man nach der Übermittlung der Lehre – oder auch nach dem Erwachen – zu praktizieren hat. Im Chan heißt es, dass nach dem Erwachen erst die richtige Praxis beginnt. Daher gibt Huineng zuletzt noch die Anweisung: „Hüte es gut und achtsam!“ Dieses achtsame Hüten ist die kontemplative Innenschau, dies ist die Praxis der „Verborgenheit des Sinnes“.

Huiming verabschiedete sich rituell. Er kehrte dann zum Fuß des Gebirges zurück und erzählte den anderen: „Ich war schon oben am Berg und habe aber keine Spur (von Huineng) gesehen. Wir müssen andere Wege suchen.“ Alle glaubten ihm (und gingen andere Wege). [ii]

Damit lenkte Huiming alle Verfolger ab und verhalf seinem Lehrer zur Flucht. Ob aber die Gefahr für den 6. Ahnlehrer schon vorbei war? Darüber reden wir dann im nächsten Beitrag.

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[i] 复问云:‘上来密语密意外,还更有密意否?’惠能云:‘与汝说者,即非密也。汝若返照,密在汝边。’明曰:‘惠明虽在黄梅,实未省自己面目。今蒙指示,如人饮水,冷暖自知。今行者即惠明师也。’惠能曰:‘汝若如是,吾与汝同师黄梅,善自护持。’

[ii] 明礼辞。明回至岭下,谓趁众曰:‘向陟崔嵬,竟无踪迹,当别道寻之。’趁众咸以为然。

Autoren: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Übersetzung der Zitate: Mingqing Xu, Alexander Maurer
Lektoren: Pascal Hauser, Birgit Seissl, Ursula Presslauer



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Podiumsutra

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