Herz Sutra – Der Übersetzer Xuan Zang (玄奘)

–Beleitlektüre zum Drei Schätze Retreat vom 24.09.2020

Die Schriftzeichen, die das Hintergrundbild unserer Website so schön gestalten, stammen eben von dieser Niederschrift des Herz Sutras. Kalligraphien dieses Textes findet man in unserem Wiener Tempel auf Schritt und Tritt, denn er spielt im ganzen ostasiatischen Buddhismus eine zentrale Rolle. Höchste Zeit daher, dass wir uns einmal näher mit dem Herz Sutra (Originaltitel auf Sanskrit „Maha Prajna Paramita Hrdaya Sutra“ bzw. auf Chinesisch „摩诃般若波罗蜜多心经 mohe bore boluo miduo xinjing“) beschäftigen…

Es war einmal ein junger Mönch in einem Kloster. Jeden Tag in aller Herrgottsfrüh hatte er das Kloster zu reinigen. Danach musste er immer bergab auf den Markt gehen, um die täglichen Lebensmittel einzukaufen. Nach der Rückkehr hatte er noch andere Hausarbeiten zu erledigen. Abends studierte er die Schriften bis spät in die Nacht. So waren seine täglichen Arbeiten laut Anweisung vom Abt des Klosters. Er stellte aber fest, dass andere Mönche nicht so einen stressigen Alltag hatten. Sie hatten nicht so viele Hausarbeiten wie er und mussten nicht so lang die Schriften studieren. Zwar gingen sie auch einkaufen, aber nur leichte Sachen aus Märkten von nahliegenden Ortschaften. Er aber musste immer die schweren Sachen aus dem weitgelegenen Markt über zwei Berge mit zumeist kurvigen und steilen Wegen holen. Er suchte den Abt auf und drückte seinen Unmut aus. Der Abt lächelte und gab ihm keine Antwort. Am nächsten Tag, als der junge Mönch vom Markt zurückkam, mit einem vollen schweren Sack Reis auf der Schulter, sah er den Abt vor dem Kloster stehen. Der Abt wies ihn an, mit ihm dort zu warten. Gegen Abend kurz vor Sonnenuntergang sahen sie andere Mönche vom Einkauf zurückkehren. Der Abt fragte sie: „Ich habe euch in der Früh angewiesen, Salz einzukaufen. Es ist kein weiter, schwerer Weg. Warum kommt ihr erst so spät zurück?“ Die Mönche antworteten: „Wir haben den Weg genossen, miteinander geplaudert und uns Landschaften angeschaut. Und es hat einfach so lang gedauert. So machen wir es aber täglich seit zehn Jahren!“ Dann fragte der Abt den jungen Mönch: „Dein Markt war so weit weg und der Weg so kurvig und schwer. Dazu hattest du noch eine schwere Last zu tragen. Wie konntest du aber so zeitig zurückkommen?“ Der junge Mönch antwortete: „Weil eben der Weg weit und schwer ist, stellte ich mich schon von vornherein darauf ein, mich zu beeilen. Da ich auch eine schwere Last trug, ging ich sehr achtsam und vorsichtig. Ich achtete jeden Moment nur auf den Weg und ging stets zielgerichtet. Deshalb war ich immer schnell und sicher unterwegs. Ich mache das täglich schon seit zehn Jahren, und es ist zu meiner Gewohnheit geworden.“ Der Abt lächelte und sagte: „Wenn der Weg zu einfach ist, wird man nachlässig. Man hat nicht mehr das Ziel im Sinn und ist auch nicht achtsam. Der kurvige, schwere Weg wiederum ist des starken Geistes bester Schmied.“

Nach einigen Monaten fand im Kloster eine strenge Prüfung statt, um jemand für eine besondere Mission auszuwählen. Geprüft wurden physische und psychische Qualitäten: Kondition und Ausdauer bis zur Willensstärke sowie Kenntnis und Verständnis der Schriften. In allen Prüfbereichen ragte der junge Mönch deutlich heraus und wurde für diese Mission auserwählt. Er durchquerte alleine die Wüste Gobi und das Himalaya Gebirge, war 17 Jahre unterwegs, überlebte alle mögliche Abenteuer, erreichte Indien und studierte in der größten buddhistischen Universität Nalanda, wo die meisten und wichtigsten buddhistischen Schriften aufbewahrt waren. Er kam schließlich mit vielen dieser Schriften nach China zurück und wurde einer der wichtigsten Übersetzer buddhistischer Schriften aus dem Sanskrit ins Chinesische. Dadurch sind viele buddhistische Werke bis heute erhalten geblieben, da nicht lang nach seiner Rückkehr der indische Buddhismus durch den Hinduismus und Islam verdrängt wurde. Nalanda wurde zerstört und die meisten Schriften gingen dabei verloren. Seine Aufzeichnungen über die Geschichte, Sitten und Bräuche des damaligen Indien und der zwischen Indien und China gelegenen Länder gelten heutzutage als wichtige historische Quelle für die wissenschaftliche Forschung. Er ist der berühmte buddhistische Meister Xuan Zang 玄奘 (602-664) aus der Tang-Dynastie. All diese Leistungen verdankte er der strengen Erziehung seines Meisters und seiner Gewohnheit, immer zielgerichtet zu sein, jeden Moment auf den Weg zu achten und regelmäßig die weisen Texte zu studieren.

Die Anekdote oben zum jungen Xuan Zang ist eine Legende und nicht historisch belegt. Seine Reise nach Indien und seine Leistungen als Übersetzer und Historiker sind aber historische Tatsachen. Seine Geschichte wurde durch den Roman „Die Reise nach Westen“ sowie dessen Verfilmung in Ostasien allgemein bekannt. Unter den vielen Werken, die er übersetzt hat, gehörten die „Großen Prajna Paramita Sutren“ (大般若经 da bo re jing). Diese bestanden aus über 600 Bücher, d. h. ein äußerst umfangreiches Werk. Um die Essenz der Prajna Paramita Sutren den Interessenten näher zu bringen, hat er zwei Texte aus den Sutren auserwählt und zu eigenständigen Sutren umgearbeitet: Diamant Sutra und Herz Sutra. Diese zwei kurzen Sutren wurden schließlich die beliebtesten und am meisten verbreiteten buddhistischen Sutren. Sein Diamant Sutra wurde nicht so bekannt wie jene Version des berühmten Übersetzers Kumārajīva (344-413). Dafür ist sein Herz Sutra, das aus nur 260 Schriftzeichen besteht, die allgemein bekannte Version. Diese von ihm übersetzte Version von Herz Sutra ist jene, die wir demnächst laufend behandeln werden. Das Herz Sutra beinhaltet grundlegende buddhistischen Grundkonzepte wie die vier edlen Wahrheiten, die sechs Sinnesgrundlagen, die zwölf Spannungsfelder, die achtzehn Bewusstseinswelten, die zwölfgliedrige Kausalitätskette, den Weg des Bodhisattva, das endgültige Nirvana usw. Die Essenz des Textes handelt, kurz gesagt, vom mittleren Weg, von der Betrachtung der Leerheit und der vollkommenen Weisheit. Bevor wir beginnen, uns genau mit dem Text auseinanderzusetzen, lernen wir zunächst die Herkunft und Bedeutung der Prajna Paramita Sutren näher kennen.  

–> Nagarjuna und die Prajna Paramita Sutren



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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