Nagarjuna und die Prajna Paramita Sutren

Herz Sutra – Nagarjuna und die Prajna Paramita Sutren

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat vom 01.10.2020

Gautama Siddhartha, der historische Buddha, hinterließ wie viele große Gestalten der Menschheitsgeschichte selbst nichts Schriftliches. 40 Jahre lang lehrte er den Dharma (seine Lehre), während er ständig im Einzugsgebiet des Ganges (in Nordindien) herum wanderte. Er leitete Tausende seiner Schüler zum Erwachen an. Unmittelbar nach seinem Tode versammelten sich zahlreiche seiner Nachfolger, alles Arhats (Erwachte), zu einem ersten Konzil, auf welchem der Wortlaut der ganzen Buddhalehre erinnert, abgeglichen und für die Nachwelt verbindlich festgelegt wurde.

Dies war also das Ereignis des „Feststellens des Wortlauts“ bei Gautamas Tod.

Etwa 500 Jahre lang hören wir aus heutiger Sicht fast nichts mehr von der Buddhalehre – aber gerade das ist ein deutliches Zeichen, dass diese fünf Jahrhunderte unmittelbar nach Gautama Buddhas Lebenszeit die größte Blütezeit des „Buddhismus“ war! Ordensregel (Vinaya), Lehre (Dharma) und die Gemeinschaft (Sangha) waren vollständig, ungeteilt und einheitlich vorhanden, und in jeder Generation gab es zahlreiche Arhats. Genau wie es der Chan (Zen) 1000 Jahre später auch für sich in Anspruch nimmt, muss die Lehre damals wohl ausschließlich „von Angesicht zu Angesicht“, vom Meister zum Schüler, unverfälscht weitergegeben worden sein. Wie sollte es denn da ein Bedürfnis nach Schriften, nach Schulstreitereien, Kommentaren geben? Nur, dieses „goldene Zeitalter“ musste auch langsam zu Ende gehen…

Zu der Zeit um Christi Geburt werden für die heutige Forschung heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Sangha wahrnehmbar, und innerhalb kurzer Zeit spaltete sich die eine, ursprüngliche Lehre des Buddha in 18 „Sekten“ oder Schulen. Erst um diese Zeit hört man auch vom dritten „Korb“ der buddhistischen Überlieferung, dem Abidharma (systematische, philologische und philosophische Darlegungen des Dharma), der ab jetzt Vinaya und Sutra (Lehrrede) ergänzte. Es fällt auf, dass alle gegenwärtigen oder ausgestorbenen buddhistischen Schulen im Vinaya „Korb“ und im „Korb der Lehrreden“ sehr weitgehend übereinstimmen, aber jeweils einen eigenen speziellen Abidharma „Korb“ besitzen! Aus dieser „Zeit der 18 Schulen“ stammen nun auch die ersten buddhistischen Texte, auf Birkenrinde oder getrockneten Palmblättern als Schreibmaterial und in verschiedenen indischen Schriften.

Zu dieser Zeit geschah etwas ganz Wesentliches in der Geschichte des Buddhismus: Die Prajna Paramita Texte, zu denen auch unser Herz Sutra zählt, wurden niedergelegt und das Mahayana erschien auf der Bildfläche. Dies waren Reaktionen auf Fehlentwicklungen und Missverständnisse, die sich in der Lehre der verschiedenen 18 Schulen teilweise eingeschlichen hatten: nämlich eine Überbewertung und Erstarrung des Abidharma. Dies führte zu einem unterschwelligen „naiven Realismus“, der die Dharmas, die äußere Welt, und  Raum und Zeit als real gegeben nimmt. Deswegen kommt er zu der Vorstellung, dass der buddhistische Übende aus einer realen Welt mit ebenso realen Mitwesen auszubrechen, sie hinter sich zu lassen und für sich selbst die Erlösung – das „ins Nirvana kommen“ – anzustreben hat. Diese Denkweise wird von den Mahayana Schulen als das geringere Fahrzeug, das Hinayana, bezeichnet. Die Prajna Paramita Schriften des Mahayana betonen demgegenüber die Leerheit der Dharmas (Shunyata) und das große Mitgefühl für alle Mitwesen (Bodhicitta), welches aus der leibhaftigen Erkenntnis der Leerheit ganz natürlich, zwanglos entsteht. Diese Lehrinhalte waren in den Lehrreden Gautama Buddhas auch schon enthalten, das Mahayana legte nun aber ungleich viel mehr Gewicht auf diese 2 Aspekte. Dies geschah aufgrund der geänderten Bedingungen und Umstände – nun, über 500 Jahre nach der Lebenszeit Gautamas.

Der erste große Meister des Mahayana war Nagarjuna. Er lebte im 2. Jahrhundert n. Chr., also ungefähr 600 Jahre nach Gautama, und stammte aus Südindien. Er wurde in der Kaste der Brahmanen als Sohn eines Monarchen geboren, kam aber für die Thronfolge nicht primär in Betracht. Getrieben von seinen spirituellen und philosophischen Neigungen trat er dem buddhistischen Mönchsorden bei und wurde bald für seine Debattierkunst und seinen Intellekt berühmt. Er erneuerte die Buddhalehre derart von Grund auf, dass er in den meisten heutigen buddhistischen Traditionen als der „zweite Buddha“ verehrt wird. Ein witziger Zufall ist, dass im selben 2. Jahrhundert sein Zeitgenosse Plotinos im Römischen Reich das platonische Denken im Neuplatonismus erneuerte und promt der „zweite Platon“ genannt wurde.

Auf welche Art brachte er dies Zuwege? Was zeichnet sein Denken aus?

Nagarjuna hält sich zum einen in seinen Aussagen streng an die ursprünglichen Lehrreden Gautama Buddhas. Zum anderen durchdenkt er die Lehre Buddhas erstmals sorgfältig mit den Mitteln der damaligen indischen Philosophie. Er bekräftigt so ihre Glaubwürdigkeit, sowohl gegenüber konkurrierenden Lehren als auch gegenüber buddhistischen Mönchen und Laien selbst. Viele seiner Schriften, die heutzutage vor allem im tibetischen Buddhismus studiert werden, sind sehr speziell philosophisch, sie haben zum Beispiel Titel wie „das Klären der Streitfragen“ oder „das Zerschmettern der Kategorien“! Sein wichtigstes Werk sind die „Lehrverse des mittleren Weges“. Sie bestehen aus 27 Kapiteln oder Strophen und diskutieren zentrale Aussagen der Buddhalehre auf hohem gedanklichen Niveau. So ist es folgerichtig, dass die buddhistische Denkrichtung, die sich vorzüglich auf Nagarjuna zurückführt, die „Schule des mittleren Weges“ (Madhyamaka) genannt wird.

In den „Lehrversen des mittleren Weges“ dreht sich alles um die Leerheit, und dies ist es, was Nagarjunas Denken mit den Prajna Paramita Sutren verbindet. Was Nagarjuna in seinen Texten auf der Verstandesebene diskutiert, wird in den Prajna Paramita Sutren, die mehr zur Gefühlsebene sprechen, als subjektives Erleben ausgesagt und mit der Praxis verbunden.

So macht eine bekannte traditionelle Legende symbolischen Sinn, nach der Nagarjuna die Prajna Paramita Texte von den Nagas in ihrem Kristallpalast unter dem Weltmeer überreicht bekommen hat, um sie den Menschen zu bringen. Nagas sind Fabelwesen der indischen Mythologie, mächtige Schlangendämonen, die in Gewässern hausen. Der Mönchsname Nagarjuna besteht ja auch aus Naga = Schlangendämon und Arjuna = eine hinduistische göttliche Heldengestalt.

Prajna Paramita und der mittlere Weg Nagarjunas gehören also zusammen und stehen für eine Revitalisierung der Buddhalehre im 2. Jahrhundert n. Chr.

Nebenbei bemerkt finde ich dies ein schönes Anzeichen für die kreative Lebendigkeit des Buddhismus, dass so (bei gleichzeitiger Treue zum wesentlichen Inhalt der Lehre Gautamas) auf gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen reagiert und geantwortet wurde, anstatt in Buchstabengläubigkeit zu erstarren und geistig abzusterben. Die Prajna Paramita Sutren stellen so geradezu das zweite „Drehen des Rades der Lehre“ dar, nachdem das erste und grundlegende Ingangsetzen des „Rades der Lehre“ die Lehrtätigkeit Gautama Buddhas war.

<– Herz Sutra – der Übersetzer Xuan Zang (玄奘)

–> Was bedeutet „Maha Prajna Paramita Hrdaya Sutra“?



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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