Herz Sutra – Die Erläuterung des Titels

Herz Sutra – Die Erläuterung des Titels „Maha Prajna Paramita Hrdaya Sutra“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat vom 08.10.2020

Der ganze Titel des Herz Sutra lautet „Maha Prajna Paramita Hrdaya Sutra“. Wir übersetzen diesen als „Das Herz Sutra der großen vollkommenen Weisheit“. Maha Prajna Paramita war die Bezeichnung für jenen Praxisweg eines Bodhisattvas im Mahayana Buddhismus, der zur Vervollkommnung im Buddhatum führt. Sie ist auch der Titel für die gesamte Prajna Paramita Sutren. Beim Herz Sutra kommt nur das Wort „Hrdaya“, was „Herz“ oder „Geist“ bedeutet, hinzu.

Der Titel des Herz Sutras kann wohl so verstanden werden, dass es sich hier um den Kern, die Essenz, eben das Herz der Prajna Paramita Texte handelt, die ja eine ganze Sammlung unterschiedlich langer Sutras sind, die ein zentrales Thema behandeln: die Leere (Sanskrit: Shunyata; chinesisch: 空性 kong xing) und der mittlere Weg (Sanskrit: Madhyamaka; chinesisch: 中观 zhong guan).

Zur näheren Erläuterung des Titels ziehen wir Zitate vom Ahnlehrer Huineng aus dem Podiumsutra heran. Als erstes erklärte er das Wort „Maha“:

Was heißt Maha? Maha bedeutet groß, nämlich die geraume Größe des Umfangs des Herzens: grenzenlos wie das leere All. Es ist nicht eckig oder rund, groß oder klein. Es hat [keine Farben wie] blau, gelb, rot oder weiß, weder oben noch unten, weder lang noch kurz. Es ist ohne [Emotionen wie] Wut und Freude, Recht und Unrecht, gut und böse, Anfang und Ende. Die Stadien aller Buddhas sind allesamt so wie das leere All. Das wundersame Wesen der Menschen ist im Grunde leer, kein einziges Phänomen ist greifbar. Ebenso ist es mit dem natürlichen Wesen, der wahren Leerheit.[1]

Dieses Große scheint jegliche Vorstellung von Raum und Zeit, von Farben und Formen, von Emotionen und Wahrnehmungen sowie Wertungen und Urteilen zu übersteigen. Es sollte das Stadium eines Buddhas darstellen, welches nicht greifbar und leer ist. Es ist aber nichts Fremdes oder weit Entferntes, sondern das Wesen von jedem von uns. Der Umfang unseres Herzens ist eben so groß und allumfassend. Weil dieses Wesen leer ist, aber doch alles umfasst, ist es als die wahre Leerheit zu bezeichnen. Diese unterscheidet sich von der falschen Leerheit. Huineng sprach nun weiter zu diesem Unterschied:

Edle Gefährten, das leere All kann die zehntausend Dinge und Formen umfassen. […] Das leere Wesen der Menschen ist genauso.[2] […] Alle Phänomene sind im (natürlichen) Wesen aller Menschen vorhanden. Beim Anblick alles Guten und Schlechten der Menschen: einfach nichts ergreifen, aber auch nichts abweisen. Man wird nicht davon befleckt und hafte sich nicht an ihnen an. Der Geist ist so leer wie das All, so heißt es groß (großmütig). Das bedeutet Maha.[3]

Die wahre Leerheit besteht in der Erweiterung des Fassungsvermögens des Herzens: Wie das All, das alles umfassen kann. Dies ist aber nicht das Erreichen von etwas Neuem, sondern die Rückkehr zur einheitlichen, gemeinsamen Grundlage von allem. Sowohl gute als auch schlechte Gedanken entstehen im Geiste. Alle Manifestationen im Innen und Außen sind die Projektion des Bewusstseins. Haftet sich man an ihnen, begibt man sich in einem „eingebildeten“ Kreislauf. Tut das Gute und unterlasse das Schlechte, aber ohne Streben, ohne Erwartung und somit ohne Anhaftung. Lasse Vergangenes vergehen und Zukünftiges geschehen, und halte Gegenwärtiges nicht fest. Werdet einfach frei wie das All, das alles Geschehen in sich tragen und tolerieren kann. Das ist Maha, das ist groß oder großmütig.

In unserem 7-tägigen Retreat in Wien sagt der Kursleiter, Meister Cai, dazu immer:

„Niemand taucht ohne Grund in unserem Leben auf. Es wird immer Menschen geben, die uns lieben, aber auch andere, die uns hassen. Genauso wird es immer Menschen geben, die wir lieben, und auch andere, die wir abstoßend finden. Menschen, die uns lieben oder die wir lieben, bringen uns bei, dankbar zu sein. Jene Menschen, die uns nicht mögen oder die wir nicht mögen, helfen uns innerlich zu wachsen, loszulassen und zu tolerieren. Andere können uns deswegen verletzen, weil wir zu viel Wert auf sie legen! Würden sie uns nichts bedeuten, können sie unsere Herzen nicht erschüttern. Wenn wir im Stande sind, sie loszulassen und zu tolerieren, können sie uns nichts antun. Wenn unser Herz an nichts mehr anhaftet, kann niemand auf der Welt uns noch verletzen.“

Maha, also groß, ist wohl jemand, der dankbar sein, loslassen und tolerieren kann. Deshalb findet die Hauptpraxis nicht im Meditationsraum im stillen Sitzen statt, sondern besteht in der Praxis der Einsicht und Weisheit zu jeder Zeit und an jedem Ort. Der Praxisweg dazu heißt im Sanskrit Prajna Paramita.

Als nächstes spricht Huineng über Prajna, die „Weisheit“, und Paramita, das „Übersetzen zum anderen Ufer“ bzw. „die Verwirklichung oder Vervollkommnung“, sinngemäß übersetzt: die Vervollkommnung oder die vollkommene Weisheit:    

Was heißt Prajna? Prajna bedeutet auf Chinesisch die Weisheit. An allen Orten, zu allen Zeiten, keinen törichten (verblendeten) Gedanken zu haben und stets die Weisheit praktizieren. So ist es die Praxis von Prajna. Ein törichter (verblendeter) Gedanke unterbricht Prajna, ein weiser Gedanke bringt es (wieder) hervor. … Prajna hat keine Formen, die weisen Gedanken stellen es dar. [4]

Der An allen Orten, zu allen Zeiten, keinen törichten Gedanken haben und stets die Weisheit praktizieren kann als Leitsatz unserer Übung dienen. Allerdings könnte man sich die Frage stellen: „Was ist ein törichter und was ist ein weiser Gedanke?“ Diese erkennen zu können macht die Praxis aus. Grundsätzlich gilt es: ein törichter Gedanke schafft eine Anhaftung und verstärkt diese, er produziert Folgegedanken und damit noch mehr Karma. Ein weiser Gedanke ist die Manifestation des natürlichen Wesens und basiert auf keiner Anhaftung. Im Gegenteil: Dieser ermöglicht des Erkennen der Anhaftung und hilft diese loszulassen, es produziert keine Folgegedanken, und man erlöst sich vom Karma.

Was heißt Paramita? Das ist Sanskrit, im Chinesisch heißt es „Übersetzen zum anderen Ufer“, und bedeutet die Erlösung von Entstehen und Vergehen. Haftet man an den Zuständen an, ist es wie das Wasser, das Wellen schlägt. Das nennt man „das diesseitige Ufer“; lässt man die Anhaftungen los, gibt es kein Entstehen und Vergehen. Es ist wie das Wasser, dass ungehindert fließt. Das nennt man „das andere Ufer“, deshalb bezeichnet man es als Paramita. [5]

So einfach kann das Ziel der buddhistischen Praxis erklärt sein. Es geht also um die Erlösung von Entstehen und Vergehen. Das ist der Fall, wenn man an keinen Zuständen angehaftet bleibt. Tut man dies, steht man auf diesem Ufer. Lässt man die Anhaftung los, ist man schon an dem anderen Ufer. Das Boot, das einen dorthin übersetzt, ist also Prajna, die Weisheit. Die Weisheit ist somit die Fähigkeit, eine Anhaftung erkennen und loslassen zu können. Gelingt dies einem nicht, dann schlägt das Wasser Wellen, d. h. der Geist ist getrübt. Lässt man es los, ist das Wasser ohne Blockade und fließt ungehindert im natürlichen Lauf. Das Erwachen ist somit keine leblose Stille, sondern lebendige, natürliche Entfaltung der Weisheit. Geistestrübung oder Weisheit, Verblendung und Erwachen hängen einfach davon ab. Dazu sagt wieder Huineng:

Edle Gefährten, der weltliche Mensch ist gleich den Buddha, die „Geistestrübungen“ (Sanskrit: Kleshas) sind gleich das Erwachen. In einem Gedanken verblendet ist man ein weltlicher Mensch, im Nächsten erwacht ist man ein Buddha. In einem Gedanken an den Zuständen angehaftet ist es die „Geistestrübung“, im Nächsten diese losgelassen ist es das Erwachen. [6]

Ein verblendeter Gedanke verursacht Karma, ein erwachter Gedanke kann dieses wieder ausgleichen. Jeder erwachte Gedanke ist daher Maha Prajna Paramita. Die Übung gilt eben dem Herzen (oder dem Geiste)! Zur Erläuterung der alltäglichen Praxis ziehen wir einen Text des Erhabenen Lehrers (vom Weg der Einheit), Tianran Zhang (1889-1947), über Samadhi und Prajna heran:

Die Weisheit des Prajna kommt nicht von selbst. Sie entfaltet sich dann, wenn ihr, in Übereinstimmung mit eurem Urwesen, alle Sachen ganz natürlich angeht. Das Leben ist voller Veränderungen. Wer die vielen Prüfungen des Lebens durchgemacht hat, der ist wie ein Kompendium, das unzählige Perlen der Weisheit enthält. Manche Menschen wachsen durch Prüfungen, andere wiederum schrecken davor zurück. Wer sich nicht vor den mannigfachen Abhärtungen und Abschleifungen fürchtet, der kann  unbegrenzte Weisheit entfalten. Ihr sollt im Alltag stets den natürlichen Geist beachten und beleuchten: Nur wenn ihr diesen immer erkennen könnt, ist es möglich zur eigenen Natur, zur eigenen Quelle zurückzukehren. Diese Weisheit ist aber nicht die weltliche Klugheit!

Bei der Dao-Praxis ist Wert darauf zu legen, zu jeder Sekunde – in jedem Augenblick – achtsam das Herz  zu kultivieren und Samen für gute Früchte zu sähen. Dies kann das eigene Urwesen zur Erleuchtung führen! [7]

Podium Sutra und Herz Sutra sprechen beide über die vollkommene Weisheit (Prajna Paramita). Der kurze Text des Herz Sutras beschreibt schließlich die Erfahrung vom Prajna Paramita, der Sechste der 6 Paramitas, und wie durch sie die Wahrnehmung und das Weltverständnis des Sprechers, des Bodhisattva Avalokiteshvara, verändert wird. Avalokiteshvara trifft Aussagen aus einer „höchsten Sichtweise“ heraus, die für den Alltagsverstand zunächst einmal paradox klingen mögen. Bevor wir zum Text übergehen, lernen wir noch kurz die oben erwähnten sechs Paramitas kennen.


[1] 何名摩诃?摩诃是大,心量广大,犹如虚空,无有边畔,亦无方圆大小,亦非青黄赤白,亦无上下长短,亦无嗔无喜,无是无非,无善无恶,无有头尾,诸佛刹土,尽同虚空。世人妙性本空,无有一法可得。自性真空,亦复如是。《六祖坛经 般若品》

[2] 善知识,世界虚空,能含万物色像,……, 世人性空,亦复如是。《六祖坛经 般若品》

[3] 善知识,自性能含万法是大,万法在诸人性中,若见一切人恶之与善尽皆不取不舍,亦不染著,心如虚空,名之为大。故曰摩诃。《六祖坛经 般若品》

[4] 何名般若?般若者,唐言智慧也。一切处所,一切时中,念念不愚,常行智慧,即是般若行。一念愚即般若绝;一念智即般若生。…… 般若无形相,智慧心即是。《六祖坛经 般若品》

[5] 何名波罗蜜?此是西国语,唐言到彼岸,解义离生灭。著境生灭起,如水有波浪,即名为此岸;离境无生灭,如水常通流,即名为彼岸,故号波罗蜜。《六祖坛经 般若品》

[6] 善知识,凡夫即佛,烦恼即菩提。前念迷即凡夫,后念悟即佛。前念著境即烦恼,后念离境即菩提。

[7] 活佛师尊:般若智慧不是凭空而来,而是当你率出本性,自然去做时产生的。生命充满了变数,历练过的生命就像本百科全书,记载著无数智慧的结晶。有人在变数中成长,也有人在变数中退却,能不惧千锤百炼的人,便能创造源源不断的智慧。咱们在日常生活中,要懂得关照本心,能识自本心,才有机会达本还源。此时的智慧并不是世俗所谓的聪明啊。

修道贵于分分秒秒、时时刻刻去专心修这颗心,去种善因,可以使自性光明。

<– Nagarjuna und die Prajana Paramita Sutren

–> Die sechs Paramitas



Kategorien:Herzsutra 心经

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