„Kein Hindernis, daher keine Furcht“

Herz Sutra – „Kein Hindernis, daher keine Furcht“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 03.06.2021

Ein von den Hindernissen befreiter Geist , so sagt uns dieser Vers, kennt auch keine Furcht mehr. Wenn in den Diamant Sutra Stellen im letzten Beitrag die Erwachungswesen, die Bodhisattvas, in unserer Übersetzung als „großherzig“ bezeichnet werden, steht im Sanskrit hier das Wort „Bodhisattva -Mahasattva“. Wörtlich ist Mahasattva „großes Wesen“. Wie Red Pine/Bill Porter in seiner ausführlich kommentierten englischen Diamant Sutra Übersetzung aber anzumerken weiß, hat der Ausdruck in den indischen Texten dieser Zeit vor allem die Bedeutung „Löwe“, nämlich als mächtigstes Raubtier, daher furchtlos.  So übersetzt Red Pine geradewegs „fearless Bodhisattvas“.

Damit sind wir wieder bei unserem Vers: Den Bodhisattva zeichnet also Furchtlosigkeit aus. Viele Kommentare beziehen dies auch darauf, dass er nach seinen Gelübden keine Mühen und Anstrengungen scheut, an sein Ziel zu kommen. Eleganter noch ist die Deutung unseres Verses so, dass er aufgrund seines Einblicks in die Natur der Dinge, eben des Prajna, gar keine Furcht mehr empfinden kann.

Was ist das eigentlich für eine Furcht? Sind alle unerwachten Wesen wirklich von Furcht beherrscht? Schauen wir uns dazu zum Auftakt ein paar Verse aus den alten Texten an.

Einer der ältesten buddhistischen Texte, der heute noch bekannt ist, ist das Atthakavagga, das „Kapitel der Achtheiten“.[i] Er ist in der Pali Tradition als zweitletztes Kapitel der Lehrdichtungen Sutta Nipata und im Chinesischen als eigenständiges Werk (Chinesisch: 义足经 yi-zu-jing) erhalten geblieben. Am Anfang des Attadanda Sutta sieht der Ich-Erzähler, es ist der unerwachte Gautama in seinem früheren Leben, die verschiedenen Wesen „wie Fische in einer Pfütze mit zu wenig Wasser zappeln“. Die Feindseligkeit der Wesen zueinander bemerkend, überkommt dem Ich-Erzähler Furcht. Er setzt fort:

„Die Welt ist durchwegs substanzlos,
alle Richtungen im Tumult.
Sicherheit wünschend,
finde ich keinen Platz unbesetzt.“

„Diese Feindseligkeit am Ende beobachtend,
Ernüchterung überkam mich.
Dann bemerkte ich diesen Stachel hier,
schwer zu sehen, versenkt in das Herz.“

„Getroffen von diesem Stachel,
rennen die Wesen in alle Richtungen durcheinander.
Wurde der Stachel aber entfernt,
rennt man nicht, sinkt man nicht.“

So wurde also der gewöhnliche Zustand im Daseinskreislauf vom Bodhisattva Gautama vor seinem endgültigen Erwachen empfunden und beschrieben. Vielleicht sind noch ein paar Erklärungen aus dem Niddesa, dem antiken Kommentar zum Sutta Nipata, nützlich zum Verdeutlichen der Aussagen:

Die „Richtungen“ sind alle Phänomene in allen Himmelsrichtungen, und sie sind „im Tumult“, weil „angetrieben von Unbeständigkeit, begleitet von Geburt, überwältigt von Alter, besiegt von Krankheit, geschlagen vom Tod, auf Dukkha gebaut, ohne Schutz, ohne Zuflucht, keine Zuflucht gewährend“. Der Rezitator „findet keinen Platz unbesetzt“, weil „alle Jugend von Alter, alle Gesundheit von Krankheit, alles Leben von Tod, aller Gewinn von Verlust, aller Ruhm von Schmach, alles Lob von Tadel, aller Genuss von Schmerz besetzt ist“. Die negativen Teile derselben Aufzählung sind laut Niddesa mit „Diese Feindseligkeit am Ende“ gemeint. Denn alles aufgezählte Positive endet mit dem negativen Gegenstück. Der „Stachel im Herzen“ ist siebenfach: Gier, Hass, Verblendung, Einbildung, Ansichten, Kummer, Verwirrung. Wir haben also wieder eine Aufzählung von mentalen Phänomenen, die die Wesen quälen und im Daseinskreislauf herumtreiben. Darauf spielt das „Rennen“ an, das „Sinken“ auf das Versinken in den „Fluten von Sinnesgenüssen, Existenz, Ansichten, Fehlwissen“.

Das ist also eine unerfreuliche, aber realistische Beschreibung des Status Quo im Daseinskreislauf. Kein Wunder, dass der damals noch unerwachte Gautama, als er dies alles vor sich sah, von Furcht ergriffen wurde. Die in unserem Herz Sutra Vers erwähnte Furcht kann also als die Furcht vor dem Daseinskreislauf an sich verstanden werden. Diese Einsichten und nicht zuletzt das Mitleid mit den unzähligen Wesen, deren Nöte er so eindringlich empfand, trieben Gautama ja bekanntlich zu intensiven Bemühungen um einen Ausweg an, und führten zu seinem Erwachen.

Dies soweit zu der Furcht des Daseinskreislaufs, welche die großherzigen Erwachungswesen, die Bodhisattvas, dank des Prajna, von dem unser Herz Sutra handelt, losgeworden sind. Zu diesem Weg des Bodhisattvas sehen wir uns jetzt einen Mahayana-Text an.

Das Vimalakirti Sutra war ein gerade in der Zenschule im alten China sehr beliebter Mahayana-Text. Dies deswegen weil die titelgebende Hauptfigur, der reiche Händler Vimalakirti, eben auch als Laie eine tiefe Weisheit und Einsicht in die Natur der Dinge zeigt und hinter den als Mönchen praktizierenden Schülern Gautama Buddhas keineswegs zurücksteht. Dies ist die Einstellung des Chan (Zen), der betont, dass auch Laien im Alltag den Weg erfolgreich bewältigen können. Diese Einstellung ist gerade für eine dezidierte Laiengemeinschaft wie „der Weg der Einheit“ wesentlich.

Diese Auszüge aus dem 5. Kapitel handeln von der Einstellung eines Bodhisattva zum Daseinskreislauf und den Wesen in ihnen:

„Aus törichter Beharrlichkeit entstand die Liebe, sodass ich krank wurde. Seitdem alle Wesen krank sind, bin auch ich krank. Sind sie geheilt, bin auch ich geheilt. Und warum? Ein Bodhisattva tritt zum Wohle aller Wesen in das Entstehen und Vergehen ein; wo Geburt und Tod sind, da ist auch Krankheit. Wären alle Wesen frei von Krankheit, wäre auch der Bodhisattva frei davon. Wie wenn das einzige Kind erkrankt, dann erkranken auch seine Eltern aus Sorge um ihn. Und wenn er wieder gesund ist, dann werden auch die Eltern wieder gesund. Genauso ist es auch mit einem Bodhisattva – er liebt alle Wesen wie sein Kind, und solange alle Wesen krank sind, ist auch er krank; wenn sie gesunden, gesundet auch er. […] Die Krankheit eines Bodhisattva wird einzig und allein verursacht durch das große Mitfühl.“[ii]

Die beschriebene Haltung macht eigentlich weder zwischen einem Selbst und den anderen noch zwischen dem Daseinskreislauf und der Befreiung einen Unterschied. Sie ist also wirklich nichtdualistisch.

Auch auf eine andere Frage seines Gesprächspartners: „Wo ist die Erlösung aller Buddhas zu suchen?“ antwortete Vimalakirti aus dieser ungewöhnlichen nichtdualistischen Geisteshaltung heraus:

„In den Gestaltungen des Geistes aller Wesen. Alle bösen Geister und Irrwege sind meine Diener, und warum? Allen bösen Geistern gefällt Entstehen und Vergehen, und ein Bodhisattva gibt das Entstehen und Vergehen nicht auf. Allen Irrgängern gefallen die (durch geistige Hindernisse getrübten) Ansichten, und ein Bodhisattva bleibt bei allen Ansichten unerschüttert.“[iii]

Das Szenario dieses Gesprächs ist so, dass es im Zimmer des kranken Vimalakirti stattfindet. Daher die vielen Bezüge zum Thema Krankheit. Aber es geht wie in der „ärztlichen Diagnose“ der vier edlen Wahrheiten um den existentiellen Ist-Zustand der Wesen im Daseinskreislauf.

Die Frage: „Wie soll ein Bodhisattva einen anderen Bodhisattva, dem nicht wohl ist, trösten?“ wird wieder ganz im Sinne des mittleren Weges Buddhas, der alle Einseitigkeiten und Extreme meidet, beantwortet:

„Rede mit ihm über die Vergänglichkeit des Körpers, aber nicht über das widerwillige Aufgeben des Körpers; rede mit ihm über die Leiden des Körpers, aber nicht über das Verlangen nach dem Nirvana; rede mit ihm über das Nicht-Ich des Körpers, rede über das Lehren und Führen aller Wesen; rede mit ihm über die Leerheit des Körpers, aber nicht über die Vernichtung; sage ihm, dass er die begangenen Verfehlungen bereuen soll, aber beunruhige ihn nicht wegen der Vergangenheit; in seiner Krankheit soll er Erbarmen mit all denen haben, die ebenfalls krank sind. Er soll der Leiden der unzähligen Existenzen gedenken und danach verlangen, allen Wesen Hilfe und Vorteile zu bringen. Lasse ihn an vergangene gute Werke denken, lasse ihn nach einem reinen Leben verlangen, sodass keine Herzensbelastungen entstehen und er sich intensiv bemüht. Er soll ein König der Ärzte zur Rettung und Heilung aller Krankheiten werden. So soll ein Bodhisattva einen anderen Bodhisattva, der krank ist, ermutigen und mit Freuden erfüllen.“[iv]

Aus der non-dualistischen Sicht verfällt der Bodhisattva nicht in Extreme und Irrwege. Es ist für den Bodhisattvaweg daher von großer Bedeutung, diese rechte Sicht zu erlangen. Güte und Barmherzigkeit allein helfen dem Bodhisattva nicht, den anderen Wesen helfen zu können. Allerdings ist unerschütterliche Güte die Bedingung zur Entfaltung des Bodhicitta. Aus dem unerschütterlichen Geist des Erwachens entfaltet sich die vollkommene Weisheit. Durch die weise Sicht und das gütige, barmherzige Herz ist der Bodhisattva eben ohne Hindernis im Geist, daher ohne Furcht.

Dazu wieder ein Zitat vom Erhabenen Lehrer, Zhang Tianran (1889-1947):

Wie löst du schwierige Probleme? Wenn dein Geist unruhig ist, wird es schwierig sein. Bringe daher zuerst deinen Geist zur Ruhe. Sobald dein Geist zur Ruhe kommt, entfaltet sich die wundersame Weisheit von selbst. Diese Weisheit kann man nicht mit Geld kaufen. Sie entwickelt sich bei schwierigen Umständen. [Ausschlaggebend in jedem Augenblick ist,] ob du Einsicht und Klarsicht erlangen und gelassen bleiben kannst.  Wenn du in jedem Moment gewissenhaft deine Rollen ohne Erwartung erfüllst, dann wirst du bei jeder Sache, selbst vor einer Gefahr, ohne Furcht sein.

Ich hoffe, dass du im Leben nichts zu beklagen und zu bereuen hast. Erfülle einfach ordentlich deine Verpflichtungen! Ihr sprecht immer davon, die Welt zu verbessern, die Umwelt zu verbessern. Frage dich aber einmal, wie viel du dafür getan hast? Achtest du auch auf den Umweltschutz in deinem Geist? Wirfst du noch „Mist“ [aus deinem Geist] einfach hinaus und tobst dich bei den anderen Menschen aus? Übe daher deinen Geist zu beherrschen. Das ist auch eine [wichtige] Übung.

Was bedeutet „die wundersame Formation ohne Anhaftung“ oder „Ohne Anhaftung schlägt es keine Wellen im Geiste“? Wenn du geistig keine Anhaftungen hegst, gibt es keine Hindernisse, daher kommt es zu keiner „Wellenbildung“ im Geist. Diese Wellen sind Freude, Wut, Trauer, Lust, die sechs [Sinnen-]Stäube, die sieben Emotionen, die drei Geistesgifte [usw.] Diese können aufgehoben werden, durch den mittleren Weg, durch das Dao. Wenn dein Gemüt am Tiefpunkt ankommt und du zutiefst deprimiert bist, ist es wie der „Weltuntergang“ für dich. Dieser „Weltuntergang“ ist noch schrecklicher als der Tod, weil dein Geist gestorben ist. Ich hoffe, du wirst diesen nicht erleben. Fürchte dich auch nicht davor! Konfrontiere dich tapfer mit den Umständen, und es werden bessere Tage kommen. Wenn du nicht weiter tust, wirst du die besseren Tage nicht mehr erleben. Tust du nicht weiter, bleibt es wie es ist. Machst du weiter, kannst du die Welt verändern. Ich hoffe, dass du mit deinem Geist die Herzen anderer berührst. Nähere dich den Herzen anderer Menschen und stehe ihnen fürsorglich bei.  Du fürchtest dich vor dem „Weltuntergang“, vor einer Verschlechterung der Welt, aber hast du dich gefragt, ob du dich schon gebessert hast? [v]


[i] Sutta-Nipata, Lehr-Dichtungen, IV. Achter-Buch (Atthaka-Vagga), Vers 937-939

[ii] 维摩诘言:‘从痴有爱,则我病生;以一切众生病,是故我病;若一切众生得不病者,则我病灭。所以者何?菩萨为众生故入生死,有生死则有病;若众生得离病者,则菩萨无复病。譬如长者,唯有一子,其子得病,父母亦病。若子病愈,父母亦愈。菩萨如是,于诸众生,爱之若子;众生病则菩萨病,众生病愈,菩萨亦愈。又言是疾,何所因起?菩萨疾者,以大悲起。(维摩诘所说经 文殊师利问疾品第五)

[iii] 又问:‘诸佛解脱当于何求?’答曰:‘当于一切众生心行中求。又仁所问:何无侍者?一切众魔,及诸外道,皆吾侍也。所以者何?众魔者乐生死,菩萨于生死而不舍;外道者乐诸见,菩萨于诸见而不动。(维摩诘所说经 文殊师利问疾品第五)

[iv] 尔时,文殊师利问维摩诘言:‘菩萨应云何慰喻有疾菩萨?’维摩诘言:‘说身无常,不说厌离于身;说身有苦,不说乐于涅槃;说身无我,而说教导众生;说身空寂,不说毕竟寂灭;说悔先罪,而不说入于过去;以己之疾,愍于彼疾;当识宿世无数劫苦,当念饶益一切众生;忆所修福,念于净命,勿生忧恼,常起精进;当作医王,疗治众病。菩萨应如是慰喻有疾菩萨,令其欢喜。(维摩诘所说经 文殊师利问疾品第五)

[v] ◎遇到困難要如何解決?如果心浮氣躁,解決得了事情嗎?先要把心定下來、靜下來,這件事該如何解決?把心靜下來,許多妙智慧就自然產生。智慧非金錢能買,智慧乃在逆境中取得。◎是不是能看透,是不是能看清,是不是能灑脫,也是你目前所能做的。如果在每個當下都能做好,都能安份,都能盡心,都能守本份並且無所求,那麼即使你碰上任何事情,也都能臨危不懼。希望你的人生無怨無悔,好好盡你們的責任!◎你們常說要讓世界更好,要讓環境更好,但是要問一問自己,你做到多少?常說要做環保,你們的心環保了嗎?甚至再有垃圾的時候,竟向外面丟,向別人發洩。所以要好好掌握自己的心,這也是修行。◎什麼叫『妙行無住』、『應無所住而心無潮』?如果說心裡沒有什麼執著,沒有任何的罣礙牽絆的話,心就不會起浪潮。浪潮就是你的喜怒哀樂、六塵、七情、三毒,在這世間這些可以免除,就是中庸之道,也就是道。◎心情最低潮、最難過的時候,就是你的世界末日。這樣的世界末日比生死更可怕,因為你的心已經死了。希望你們不要有世界末日,也不要恐懼世界末日,而是更勇敢地去面對你當下的日子,因為未來還有更美好的日子,你不去做,它依然是這個樣子,如果你去做,這世界會因你而有所改變。◎希望你們能夠去感動別人的心,去貼近別人的心,更要去關懷別人的心,你們害怕世界末日,害怕這世界不好,但是你們有沒有想過自己做的好不好?[…]



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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