Die zehn Fesseln Teil 2 – Die fünf höheren Fesseln

Herz Sutra – „Der Bodhisattva, durch vollkommene Weisheit ohne Hindernis im Geist“ – Teil 3

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 26.05.2021

Fortsetzung vom Beitrag „Die zehn Fesseln Teil 1 – Die fünf niederen Fesseln„

Die 5 höheren Fesseln

Der Nichtwiederkehrer hat somit noch die fünf höhere Fesseln zu überwinden, um das Nirvana zu erlangen. Was bedeuten nun die fünf höheren Fesseln?

Diese „fünf oberen Fesseln“ fesseln die oben aufgezählten Heilsgänger an Daseinsbereiche, die wir uns als Menschen nur schwer vorstellen können, die aber dennoch zum Daseinskreislauf (Samsara) gehören:

Reiz an der Form (Pali: rupa-raga; Chinesisch: 色爱 se-ai)

Was ist der Unterschied zu Sinnesreizen? Rupa „Form, Bild“ ist viel umfassender als „Körper“. Es ist für uns Menschen ziemlich alles, was wir uns vorstellen können, noch „Form“. Das Dasein in den unteren Götterbereichen stellen uns die Texte als zwar die Sinnesreize überwunden habend, aber noch an Formen Gefallen findend dar. In den Lehrreden spricht man hier von den vier Vertiefungen, die einem ermöglicht, die Sinneswelten zu verlassen und in die formhafte Welten aufzusteigen. Die vier Vertiefungen sind:

  1. Verzückung und Glückseligkeit, die aus der (geistigen) Abgeschiedenheit entstanden sind
  2. Verzückung und Glückseligkeit, die aus der Konzentration (Geistesstabilität) entstanden sind
  3. In der Glückseligkeit verweilend, voll Gleichmut und Achtsamkeit
  4. In Gleichmut verweilend, hat Weder-Schmerzhaftes-noch-Angenehmes und Reinheit der Achtsamkeit in sich

Reiz am Formlosen (Pali: arupa-raga; Chinesisch: 无色爱 wu-se-ai)

Aber es ist wirklich nicht einfach. Unbedingt von Formen loskommen wollend, fällt man auf dem Weg zur Befreiung leicht in die nächste Grube: vor lauter „weg mit Formen!“ findet man eben Gefallen und Reiz am Formlosen. Damit, sagen die Texte, hat man irrtümlich eine Eintrittskarte für die oberen Götterbereiche gelöst und bleibt wieder äonenlang gefangen im Samsara. Die Lehrrede Buddhas spricht hier von weiteren vier Vertiefungen, die den Eintritt in die formlosen Welten ermöglichen:

  1. Vergegenwärtigung von „Raum ist unendlich“
  2. Vergegenwärtigung von „Bewusstsein ist unendlich“
  3. Vergegenwärtigung von „da ist nichts“
  4. Vergegenwärtigung von „Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung“

(Ich-)Dünkel, Vermeinen (Pali: mana; Chinesisch: 我慢 wo-man)

Dies gehört zum Menschen wie nur irgendwas, und doch oder gerade deshalb fesselt es uns an Samsara. Sehr hübsch ist übrigens, dass Mana genau das Vorarlberger Dialektwort für „Meinen“ ist, und das ist auch die Bedeutung in der Pali Sprache. Wer etwas meint, hat nicht vollständig losgelassen. Die chinesischen Zeichen bedeuten Selbstüberschätzung. In den Sutren spricht man von jenen fortgeschrittenen Wesen, die die Vertiefungsstufen erlangt haben und aufgrund des Ich-Dünkels sich abgehoben von den unteren Wesen fühlen. Dieser Ich-Dünkel fesselt sie an die jeweiligen Zustände, solange sie nicht die Weisheit entfalten, die diese durchbricht. Gelingt ihnen das nicht, dann führt der Ich-Dünkel beim Nachlassen der Vertiefungszustände wiederum zu Zweifel, Hass, Verwirrung usw. im Geiste, was wiederum Karma produziert und sie in die unteren Sinneswelten abstürzen lässt. Diejenigen, die selbst alle Vertiefungen der formhaften und formlosen Welten erlangt haben, könnten noch tief fallen. Das Gefühl, schlechter als die anderen zu sein, ist auch als Ich-Dünkel zu verstehen. Der Durchbruch vom Ich-Dünkel geht nur mit der Weisheit, von welcher das Prajna Paramita Sutra die ganze Zeit spricht.

Unruhe, Aufgeregtheit, Rastlosigkeit (Pali: uddhacca; 悼举 dao-ju)

Kennen wir ebenfalls von besprochenen fünf Hemmungen her. Der Unterschied zwischen Hemmung und Fessel liegt nur im Blickwinkel, in der Perspektive. Dasselbe mentale Phänomen, das mich im Alltag hemmt, fesselt mich auf einer allgemeineren Ebene überhaupt an den Daseinskreislauf. Man könnte sich fragen, haben nicht auch Anfänger diese Hemmung? Als höhere Fessel spricht man hier schon von sehr feinen Regungen im Geiste. Man darf nicht denken, dass diese höheren Hemmungen nur auftreten, wenn man in diesen höheren Welten wiedergeboren wird. Alle diese Hemmungen existieren bei allen Wesen in allen Welten. Man beachte daher das Hier und Jetzt, wie man durch die Übung sich zuerst von den Sinnesreizen befreit, dann die gröberen Gedanken beschwichtigt und schließlich mit den sonst nicht realisierten feinen Gedanken umzugehen hat. Hat man diese Hemmungen nicht überwunden, würden beim Vergehen der Vertiefungszustände diese inhärenten Gedanken wiederum zu Unruhe und Verwirrung führen, welche weitere unheilsame Bedingungen verursachen würden.

Unwissen, Fehlwissen (Pali: avijja; Chinesisch: 无明 wu-ming)

Und das mentale Phänomen, das das erste Glied des Bedingungskette ist, fesselt mich natürlich auch eben an den Daseinskreislauf. Die Buddhalehre ist ein lebendiges Ganzes und hat in sich ständige Querverweise und Bezüge, die einmal schon Besprochenes nochmal anders beleuchten. Das falsche Auffassen des Daseins und das Anhaften daran führt zur differenzierten Betrachtung von „Ich und die anderen“, „Ich und die Welten“, „Ich und die Phänomene“ usw. Diese Ich-Vorstellung macht eben erst den Ich-Dünkel möglich, welcher die unheilsamen Bedingungen produziert und zum Kreislauf im Samsara führt. Die richtige Ansicht, also die Weisheit, ist letztendlich der Weg, der dieses falsche Wissen überwinden kann.

Eine grafische Darstellung soll eine Übersicht über die zehn Fesseln verschaffen:

In den Lehrreden spricht Buddha Gautama von der Erlösung durch Gemüts- und Weisheitsbefreiung:

„Was für eine Art von Person ist einer, der auf beide Arten befreit ist? Da nimmt eine bestimmte Person mit dem Körper Kontakt mit jenen Erlösungen auf, die friedvoll und formlos sind und Formen transzendieren, und verweilt darin, und ihre Triebe sind vernichtet, dadurch, dass sie mit Weisheit sieht. Diese Art von Person nennt man einen, der auf beide Arten befreit ist.“

„Was für eine Art von Person ist einer, der durch Weisheit befreit ist? Da nimmt eine bestimmte Person nicht mit dem Körper Kontakt mit jenen Erlösungen auf, die friedvoll und formlos sind und Formen transzendieren, und verweilt nicht darin, aber ihre Triebe sind vernichtet, dadurch, dass sie mit Weisheit sieht. Diese Art von Person nennt man einen, der durch Weisheit befreit ist.“[i]

Bei beiden ist es ausschlaggebend, dass man „mit Weisheit sieht“. Der Unterschied liegt nur darin, dass beim Zweiten man „nicht mit dem Körper Kontakt mit jenen Erlösungen“ aufnimmt, die „friedvoll und formlos sind und Formen transzendieren“. Das heißt eine Befreiung ist nicht auf die formhaften und formlosen Welten beschränkt. Gemäß dem Leitsatz „Alles ist Geist“ findet die Befreiung unabhängig von Zeit und Ort statt.

Keine Fesseln in der Leerheit

Für alle zehn Fesseln gilt, dass sie fesseln, insofern und weil sie eben nicht durchschaut und losgelassen werden. Sie dürfen nicht mit ihrem äußeren Anschein verwechselt werden: Die Überwindung der Zweifels-Fessel etwa heißt nicht, jedem Menschen auf der Straße alles zu glauben. Die Überwindung der Vermeinens-Fessel heißt nicht, keine Gedanken und Meinungen mehr zu haben. Das wäre ja wie einen Gehirnschlag zu bekommen und nur noch dahin zu vegetieren. Hier sehen wir wieder das Hauptanliegen des Herz Sutras – die Leerheit. Auch die Hindernisse im Geist dürfen nicht als ein feststehendes Eigenwesen besitzend verstanden werden. In diesem Sinn ist für die Überwindung dieser Hindernisse die rechte Sicht ausschlaggebend. Eine dualistische Betrachtung von „Fessel und Befreiung“ führt wiederum zum Hindernis: eine Abneigung gegen die Fesseln und eine Zuneigung zur Befreiung haften an verblendeten Vorstellungen von „Leiden und Glück“, „Samsara und Nirvana“, „Weltliche und Heilige“ etc. Das folgende Gespräch zwischen Buddha Gautama und seinem Schüler Subhuti aus dem Diamant Sutra sagt dazu aus Sicht der Prajna Paramita:  

Was denkst Du, Subhuti, kann ein in den Strom Eingetretener diesen Gedanken haben: „Von mir ist die Frucht des Stromeintritts erlangt worden“?

Subhuti sagte: „In der Tat nein, Weltgeehrter. Und warum? Weil Stromeingetretener jemand genannt wird, der in den Strom (zum Erwachen) eingetreten ist, doch tatsächlich ist er nirgendwo eingetreten. Er ist weder eingetreten in Formen, Geräusche, Gerüche, Geschmack, Berührungen noch in Dharmas. Deshalb wird er Stromeingetretener genannt.

Was denkst Du, Subhuti, kann ein Einmalwiederkehrer diesen Gedanken haben: „Von mir ist die Frucht, nur noch einmal wiederkehren zu müssen, erlangt worden“?

Subhuti sagte: „In der Tat nein, Weltgeehrter. Und warum? Weil Einmalwiederkehrer jemand genannt wird, der nur einmal geht und zurückkehrt, doch tatsächlich gibt es kein Gehen-und-Zurückkehren. Deshalb wird er Einmalwiederkehrer genannt.“

Was denkst Du, Subhuti, kann ein Nichtwiederkehrer diesen Gedanken haben: „Von mir ist die Frucht, nie mehr in den Sinneswelten zu erscheinen, erlangt worden“?

Subhuti sagte: „In der Tat nein, Weltgeehrter. Und warum? Weil Nichtwiederkehrer jemand genannt wird, der nicht zurückkehrt, doch tatsächlich gibt es kein Nicht-Zurückkehren. Deshalb wird er Nichtwiederkehrer genannt.“

Was denkst Du, Subhuti, kann ein Heiliger diesen Gedanken haben: „Von mir ist das Heil erlangt worden“?

Subhuti sagte: „In der Tat nein, Weltgeehrter. Und warum? Weil es tatsächlich kein Phänomen gibt, das heilig genannt werden kann. Weltgeehrter, wenn ein Heiliger den Gedanken haben sollte: „Von mir ist das Heil erreicht worden“, dann würde er ein Selbst, eine Person, ein fühlendes Wesen und eine Lebensspanne ergreifen.“

Subhuti wird in den Lehrreden in einer Aufzählung der Schüler Gautama Buddhas als „derjenige, der in Streitlosigkeit“ sowie „derjenige, der am meisten der Gaben würdig ist“ bezeichnet. Das Diamant Sutra besteht eben aus Gesprächen zwischen ihm und dem Buddha Gautama und vermittelt uns die Sicht der Leerheit: die non-dualistische Sicht oder die Sicht ohne Anhaftung. Aus dieser Perspektive heraus hegen diejenigen welche die vier Früchte erlangt oder die zehn Fesseln überwunden haben, nicht die Sicht, dass sie etwas erlangt oder überwunden haben. Da sie das negieren, haften sie nicht an diesen Zuständen an, aber diese Nicht-Anhaftung ermöglicht erst ihre Errungenschaften. Die Nicht-Anhaftung basiert auf dem Sehen der Leerheit. Diese Sicht kann zweierlei betrachtet werden:

  • Alles sinnliche, formhafte und formlose Dasein ist nicht dauerhaft, führt zu Leiden und ist daher leer, ohne festes Eigenwesen [Die drei Daseinsmerkmale]. Mit dieser Sicht neigt man der (geistigen) Abgeschiedenheit zu und schafft damit die Bedingung für die Überwindung der 10 Fesseln.

  • Wenn alles Dasein leer ist, so sind auch die Fesseln ohne Eigenwesen und leer. Sucht man sie zu überwinden, haftet man wiederum an Vorstellungen von Fesseln. Diese Vorstellungen von Fesseln und Befreiung, von Leid und Glück, von Weltlichen und Heiligen zeigen wiederum, dass man nicht alles als leer sieht und Neigungen im Geiste bestehen. Erst die non-dualistische Sicht ermöglicht die endgültige Sicht der Leerheit: alles ist ohne Entstehen und Vergehen, nicht schmutzig und nicht rein, ohne Vermehren und Vermindern.

Diese zwei Aspekte stehen im Zusammenhang mit zwei Formen der Ich-Anhaftung: die Ich-Persönlichkeit-Sicht (人我执 ren-wo-zhi) und die Ich-Phänomene-Sicht (法我执 fa-wo-zhi). Erstere ist die Anhaftung an einem Ich als feste Entität (Körper, Seele), diese verursacht das Begehren und die Fesselung an Samsara. Ein Streben nach Erlösung führt im Idealfall zur Heiligkeit, im schlechteren Fall aber zum Vernichtungsglauben. Als Heiliger hat man sich zwar vom Begehren befreit, jedoch sind Gemüt und Wissen eingeschränkt, da die Praxis in der Abgeschiedenheit und das Streben nach Reinheit die Möglichkeiten zur Sicht- und Gemütserweiterung einschränken. Diese eingeschränkte Praxis und kleine Frucht wurzelt eben in der „Ich-Phänomene-Sicht“: die Anhaftung an den Phänomenen oder an Vorstellungen wie Leiden und Glück, Samsara und Nirvana, Weltlicher und Heiliger, Geistestrübung und Erwachen, Fesseln und Befreiung etc.

Man strebt also aus Abneigung zu den Fesseln nach Befreiung. Schon die Überwindung der niederen Fesseln lässt das Dasein in den Sinneswelten hinter sich. Ein Verweilen im reinen himmlischen Bereich, also das Fehlen von mit den Sinnen verbundenem Leiden und Geistestrübungen lässt nur schwer das Bodhicitta aufkommen, d. h. die Güte und das Mitgefühl für andere Wesen zu haben und anderen helfen zu wollen. Deshalb wird das menschliche Dasein in den Lehrreden als die Welt mit den besten Bedingungen für das Erlangen des höchsten vollkommenen Erwachens bezeichnet. Daher sprechen die Texte auch immer davon, wie schwierig und wertvoll es ist, als Mensch wiedergeboren zu sein. Das Dilemma ist aber: mit der Überwindung der niederen Fesseln kommt man nicht mehr in die Sinneswelten inkl. die Menschenwelt zurück. Überwindet man sie hingegen nicht, ist man aber geistig getrübt und produziert Karma und erlangt keine Befreiung vom Leiden.

Die Lösung dazu ist die Entfaltung der Bodhicitta und somit der Weg des Bodhisattva. Diese Erwachungswesen haben die Lehre begriffen und die rechte Sicht erlangt: in der Leerheit gibt es weder Leiden noch Glück, weder Fessel noch Befreiung, weder Trübung noch Erwachen, weder Samsara noch Nirvana. In der Leerheit streben sie daher nicht nach dem Verlassen vom Samsara, sondern entfalten den Geist des Erwachens und geloben, den anderen Wesen zu helfen. Sie nehmen das Leiden und das Karma auf sich, besinnen nicht rasch zu erwachen bzw. ins Nirvana zu gehen, praktizieren symbolisch als „die Lotusblüte“ im „Feuer“. Die Lotusblüte wächst aus unreinem Schlamm, ist aber schön und rein. Sie gehen durchs „Feuer“, werden aber nicht verbrannt, sondern veredelt. Sie erlangen dadurch die Gemütsbefreiung durch unermessliche, unerschütterliche Güte, Barmherzigkeit, Mitfreude und Gleichmut. Durch den Kontakt mit allen möglichen Wesen lernen sie alle möglichen Geistestrübungen und karmischen Bedingungen kennen und erlangen durch den Umgang mit ihnen die vollkommene Weisheit. Die Voraussetzung für diesen Weg ist die rechte Sicht zur Leerheit und Formlosigkeit sowie die Praxis der Nicht-Anhaftung. Ohne die Absicht die Fesseln zu lösen, lösen sie mit der Güte und Weisheit doch von selbst alle Fesseln und können durch die Kraft ihrer Gelübde immer wieder in die Sinneswelten kommen, gehen immer wieder durch den „Schlamm“ und bringen immer schönere, größere „Lotusblüten“ hervor.

Diesen Weg wird im Diamant Sutra explizit behandelt. Buddha Gautama selbst beschreibt das Diamant Sutra als Lehrrede für diejenigen, die den Geist des höchsten Fahrzeuges (Weges) entfaltet haben. Ein wichtiges Anliegen dieser Gespräche stellt die Frage dar, wie denn jemand, der von jenem Willen (Bodhicitta) durchdrungen ist, das höchst unübertreffbare Erwachen zu erlangen, seinen Geist zu kultivieren hat. Dazu zitieren wir hier noch zweimal das Diamant Sutra zum Thema Weg des Bodhisattva. Im 3. Kapitel lehrt Gautama Buddha zu Subhuti:

Alle große Bodhisattvas sollten so ihren Geist bezwingen: „Alle Arten und Gattungen von existierenden fühlenden Wesen […] werde ich in das rückstandslose Nirvana führen und sie [von allen Leiden] befreien. Selbst wenn unermesslich, unzählbar und unbegrenzt viele fühlende Wesen so befreit worden sind, ist in der Tat gar kein fühlendes Wesen befreit worden. Und warum? Subhuti, wenn ein Bodhisattva die Vorstellung vom Ich, von einer Person, von verblendeten oder sterblichen Wesen hat, so ist er kein Bodhisattva.“

Wenn ein Bodhisattva nur den Sinn hegen würde, dass er den anderen hilft, hegt er doch die Vorstellung „Ich und die Anderen“. Aus der Sicht der Leerheit gibt es nicht die Differenzierung zwischen ich und der anderen Person, verblendeten und erwachten Wesen, Samsara (begrenzte Lebensspanne) und Nirvana (Ewigkeit), somit gibt es auch keine Fesseln und Befreiung. Deshalb gibt er sein Bestes zu helfen, ohne aber die Absicht zu helfen, und er hegt auch nicht die Sicht, jemanden geholfen zu haben. So das Wasser alles nährt, ohne aber die Absicht dies zu tun, und es erwägt auch keine Erwartung einer Rückvergütung. Die unermessliche Güte und Barmherzigkeit sind eben genauso natürlich wie das Wasser.

Und weiters sagt er im Kapitel 4 zum rechten Praxis des Bodhisattvaweges:

„Überdies, Subhuti, sollte ein Bodhisattva an keinem Phänomen anhaften und milde Gabe ausüben; das heißt er sollte milde Gabe ausüben, ohne an Formen zu haften, und ohne an Geräuschen, Gerüchen, Geschmack, Berührungen oder Phänomenen zu haften. So sollte ein Bodhisattva die milde Gabe ausüben.[…] Und warum? Wenn ein Bodhisattva milde Gabe ohne Anhaftung an den Formen ausüben würde, wäre sein gesegnetes Verdienst unerdenklich und unermesslich.“

Unter milder Gabe ist hier nicht nur materielles gemeint, sondern alles geben, was anderen zur Erlösung helfen könnten. Im weiteren Verlauf des Sutras wird insbesondere das Vermitteln der rechten Lehre wertvoller als die materielle Spende gesehen. Die wichtigste Bedingung dabei ist die Nicht-Anhaftung an Phänomen. Einfacher gesagt ist es genau oben beschrieben: natürlich sein ohne Absicht und Erwartung. Dies ist die Übung des unerschütterlichen Gemüts, welches das Podium Sutra explizit behandelt. Dazu ein Zitat von Huineng aus dem Podiumsutra:

Die ursprüngliche Weisheit des Prajna, ist nicht anders bei einem großen Weisen. Warum erwacht man nicht beim Anhören des Dharmas? Dies ist eben wegen der stark blockierenden falschen Ansichten und der tief verwurzelten Geistestrübungen. Diese sind wie starke Wolken, die die Sonne bedecken. Ohne vom Wind verweht zu werden, zeigt sich nicht das Licht der Sonne. Bei der Weisheit des Prajna gibt es kein Groß oder Klein. Den Unterschied macht nur die Verblendung und das Erwachen des Geistes der Lebewesen aus. Der verblendete Geist blickt nach außen, sucht den Buddha durch die Kultivierung, hat das eigene Wesen nicht begriffen und ist somit von kleiner Basis. Wenn man in der plötzlichen Lehre erwacht ist und nicht mehr in die äußere Kultivierung verharrt, und im eigenen Geist entfalten sich ständig rechte Ansichten, und die Geistestrübungen und Staubbelastungen können einen nicht beflecken, dies ist das Erblicken des eigenen (natürlichen) Wesens. Edle Gefährten, haftet im Inneren und Äußeren an nichts an, seid frei im Kommen und Gehen, seid imstande die Anhaftungen im Geiste aufzulösen und fließend ohne Blockaden! [ii]

Abschließend wieder ein Zitat vom Erhabenen Lehrer zur alltäglichen Praxis:

Öffne das Tor des Herzens, schiebe die Dinge nicht nach außen, prüfe dich selbst zuerst. Hast du die Dinge auf dich nehmen können, so sollst du auch imstande sein, sie wieder loszulassen. Nachdem dem du ein Problem hinter sich gebracht hast, so schöpfe daraus Kraft und Motivation, aber keine Belastung. Sobald du deine Verantwortung erfüllt hast, wird es keine Hindernisse geben. Befreie dich von den Hindernissen und lebe gelassen. Es liegt an dir selbst, die Belastungen loszuwerden!

Wie können wir erwachen? Einfach tatkräftig praktizieren und den Worten Taten folgen lassen. Wenn du ständig das Erwachen suchst, wird es noch zu deinem Hindernis. Praktiziere daher stets so: Ohne zu verweilen entsteht der Sinn. Befolge den mittleren Weg. Dieser ist unser natürliches Wesen. Das natürliche Wesen ist mittig und aufrichtig. Wo liegt dein aufrichtiger Geist? Dieser ist allerorts und überall! Damit du aber ihn begreifen kannst, habe ich euch einen Anhaltspunkt gezeigt. „Mittig“ und „Aufrichtig“ ist stets unser unerschütterliches Prinzip.[iii]


[i] Majjhimanikaya, 70

[ii] 元有般若之智,与大智人更无差别,因何闻法不自开悟?缘邪见障重,烦恼根深,犹如大云覆盖于日,不得风吹,日光不现。般若之智亦无大小,为一切众生自心迷悟不同,迷心外见,修行觅佛,未悟自性,即是小根。若开悟顿教,不执外修,但于自心常起正见,烦恼尘劳,常不能染,即是见性。善知识,内外不住,去来自由,能除执心,通达无碍,能修此行,与般若经本无差别。

[iii] ◎ 心门打开,勿把事情推给外在,先要求自己。提的起要放的下,遇到事情,解决之后,要化为精神,不要化为负担。只要把责任尽好,就什么罣碍都没有了。让自己没有牵绊,让自己活的更自在,挥掉烦恼,要靠自己啊!◎如何才能明心见性?只要身体力行去修即可。如果一直求明心见性,反会被这四个字限制,无法超脱。因此,明心见性要行无所住而生其心。要依附中道,中庸之道是我们的本性,我们的本性就是中正。你们的真心在哪里呢?真心无所不在,但现在为了让你们明白,所以指了一个所在,「中正」才是我们始终不移的原则。(活佛师尊慈语)



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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