„Es kann alles Leiden beseitigen. Es ist wahr, keine Täuschung“

Herz Sutra – „Es kann alles Leiden beseitigen. Es ist wahr, keine Täuschung“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 14.07.2021

Vordergründig ergibt sich aus dem Zusammenhang des Textes, dass mit dem „Es“, welches alles Leiden beseitigen könne, erst einmal das Mantra gemeint ist. Des Weiteren haben wir dann ja festgestellt, dass das gesprochene Mantra (welches im nächsten Vers vorgestellt wird) nichts anderes als die konzentrierte Zusammenfassung der Aussagen der Prajna Paramita Texte, also der vollkommenen Weisheit, in Versform ist. Nach unseren Betrachtungen über Dukkha, über die vier edlen Wahrheiten und über das Erwachen wird es nicht mehr überraschen, wenn jetzt gesagt wird, dass es diese vollkommene Weisheit ist, die Dukkha aufzulösen vermag.

Im ganzen Verlauf des Herz Sutras, so haben wir gesehen, wurde die eigenständige Existenz aller möglichen Kategorien der Buddhalehre zurückgewiesen. Das bedeutet nicht, einfach wieder ins andere Extrem zu fallen und sie komplett zu verneinen. Sie existieren durchaus, aber als relative Wahrheiten, also abhängig von anderen Phänomenen und abhängig von Bedingungen und Kontexten. So gibt es ganz gewiss Dukkha in der Welt, aber als subjektive Wahrheit, d. h. eben wahrnehmbar für das Wesen, das Leiden verspürt. Wie sollte es aber eine objektive, unabhängige Realität sein, die empirisch feststellbar und gemessen werden kann? Wäre das der Fall, käme ihm eine eigenständige Existenz zu. Und das wiederum wäre eine schlechte Nachricht, denn wie könnte es dann überwunden werden? Aber es kann beseitigt werden, eben weil es „nur“ abhängig von Bedingungen existiert, und diese können verändert werden. Das ist die positive Grundbotschaft der Buddhalehre: Weil die Phänomene leer von einer Eigenexistenz sind (ihnen nur relative Wahrheit zukommt), ist Befreiung (ein Ende des Leidens) möglich.

Danach bekräftigt unser Vers, dass diese Aussage wahr ist, es sich nicht um eine Täuschung handelt.

Wahrheit und Täuschung sind wohl eines der größten Themen in der Menschheitsgeschichte.

„Was ist Wahrheit“ antwortete Pontius Pilatus, der römische Prokurator von Judäa, dem vor ihm stehenden Angeklagten Jesus von Nazareth auf dessen Aussage, er sei in die Welt gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen. Damit bewies er Intelligenz und Kenntnisse in der zeitgenössischen antiken Philosophie. Diese seine Frage oder besser sein Einwand gegen diese ganzen hitzigen religiösen Debatten, die den Rabbi Jesus vor seine Anklagebank brachten, ist in den Evangelien leider souverän ignoriert worden.

400 Jahre vorher war es Sokrates im alten Athen, der seine selbstgefälligen Diskussionspartner mit seinem beharrlichen Nachfragen verrückt machte. Die Seiten in Platons Dialogen, in denen die Gespräche über eben diese  Frage „Was ist Wahrheit“ dargestellt werden, haben etwas Komödienhaftes, nicht zuletzt wenn der argumentativ in die Enge getriebene Gesprächspartner die Nerven verliert und Fußtritte verteilt.

In unserem Zusammenhang jedenfalls will der Vers „Es ist wahr, keine Täuschung“ versichern, dass all das, was bisher vom Herz Sutra gesagt wurde, vertrauenswürdig ist. Ein Text, der selbst sagt, dass man ihm trauen kann, nun ja. Das hat was von einem treuherzigen „Nicht doch, ich lüg dich doch nicht an“ und steht allein also eher schwach da. Zum Glück ist die Aussage im buddhistischen Kontext eben nicht allein. Man kann es durch Ausprobieren der dazugehörigen Praxis selbst an sich prüfen. Stellt sich heraus, dass die Texte innerhalb der eigenen Erfahrung liegen, sie also „Wahrheit, keine Täuschung“ erzählen, dann stellt sich Vertrauen ein. Warum sollte es dann bei Inhalten, die man selbst nicht nachvollziehen kann, anders sein? Dieser Vers kann also so gelesen werden: „Komm selbst und prüfe meine Aussagen so gut du kannst“. Tatsächlich fordert Gautama Buddha in den Lehrreden wiederholt nachdrücklich dazu auf.[1]

Im spirituellen, religiösen oder esoterischen Kontext ist Wahrheit und Täuschung ein besonders akutes Problem. Wahrscheinlich sind in diesem Bereich wissentlich schon die haarsträubendsten Dinge gesagt worden. Dies liegt auch am Thema. Der Mensch ist mehr als seine materielle Umgebung und hat ein Bedürfnis nach dem Geistigen oder Absoluten, ob bewusst oder unbewusst. Doch wie will er über Dinge sprechen, die seinen Alltag und seine gewohnte Sprache übersteigen? Er nimmt symbolische, gleichnishafte Rede, mythische und philosophische Sprache zur Hilfe. Doch der Absturz in tiefe Täuschung und Verwirrung ist immer nahe. Das muss nicht einmal böse Absicht sein, die Schwierigkeit der Inhalte bringt es schon mit sich. Daher wird in der jüdischen Kabbalistik gesagt, dass der Unterschied zwischen Engelswort und dämonischer Einflüsterung so schmal wie ein einziges Blatt Papier ist.

Wie sollst du üben, um dich von der Aussage des Herz Sutras zu überzeugen?

Dazu ein Zitat vom Erhabenen Lehrer:

Wir können mal tiefgründig nachdenken, warum es den Kreislauf von Geburt und Tod gibt? Was hat denn dazu geführt? Nicht viele stellen sich diese Frage. Wenn du tiefgründig darüber nachdenkst, wirst du plötzlich begreifen: Er kommt von der Ich-Anhaftung.

Denn wenn du an dem Ich anhaftest, gibt es Geistestrübungen (Begehren, Sorgen etc.). Diese führen zu Unzulänglichkeiten, welche wiederum den Reinkarnationskreislauf verursachen. Wie sollen wir praktizieren, damit wir nicht in den Abgrund des Leidens fallen, von welchem wir nicht entkommen können? Wir haben uns dem Problem zu stellen, um es lösen zu können.

Das Diamant Sutra sagt: „Wenn ein Bodhisattva die Vorstellung vom Ich, von einer Person, von verblendeten  oder von sterblichen Wesen hegt, so ist er kein Bodhisattva.“ Wenn du bei der Dao-Praxis noch die Vorstellung von einem „Ich“ hegst, dann haftest du eben an diesen erwähnten vier Vorstellungen an. Deshalb sollten wir bei unserer Praxis bescheidener sein. Demut ist eine Tugend. Je bescheidener du wirst, desto mehr senkst du dein Haupt und desto höher wird deine Tugend.

Sei toleranter, trage weniger nach und tu mehr für andere. Durch Mitgefühl und Güte wird man tolerant. Durch die Toleranz lässt man los. Durch das Loslassen erlangt man Befreiung. Bei der Dao-Praxis geht es nicht darum, wie lang du schon praktizierst. Das Wichtigste ist, den anhaftenden und trügerisch leeren Geist loslassen zu können. Lass diesen Geist zügig los. Schaffst du es, bist du ein Buddha. Gelingt es dir nicht, bist du ein gewöhnliches Lebewesen.

Die gewöhnlichen Lebewesen haften stets am falschen Selbst des formhaften Körpers fest. Ihre Anhaftungen sind viel zu stark. Deshalb lehrt uns die himmlische Mutter (die Buddhanatur), durch den Weg „Tun im Nichtstun“ sich selbst zum „anderen Ufer zu befördern“, um in den Strom einzutreten. Ohne die Ich-Anhaftung zu überwinden kann man schwer das heilige Dasein erreichen. Wir üben das Tun im Nichtstun, um die Ich-Anhaftung zu überwinden. Die meisten Menschen handeln aus dem egoistischen Geist. Bei der Dao-Praxis blockieren wir uns eben durch dieses Unwissen selbst.

Die gewöhnlichen Lebewesen haften am Ich. Die Bodhisattvas haben kein Selbst. Die gewöhnlichen Lebewesen tun das Tun (mit Anhaftung am Ich). Bodhisattvas tun das Nichtstun (ohne Anhaftung am Ich). Hast du nach Jahrzehnten der Dao-Kultivierung die Ich-Anhaftung nicht losgelassen, dann bleibst du nach wie vor im Kreislauf von Geburt und Tod. Ist die Ich-Anhaftung nicht beseitigt, sind die trügerischen Gedanken nicht überwunden, wird das Dao schwer zu verwirklichen sein. Gibt es noch das Ich, kann man nicht tugendhaft sein, ohne dieses Ich ist es erst der heilige Weg. Der Geist ist der Ursprung aller Phänomene, das Urwesen ist die Quelle alles Seins, nicht wahr? [2]


[1] Wie z. B. in Majjhima Nikaya 35, 60, 77, Digha Nikaya 1

[2] 我们可以深思维反省看看,人为什么会有生死轮回,人的生死轮回是从哪里来的,很少人想过这个问题,用心思维你会恍然大悟,啊原来人有生死轮回是来自于有我。因为有我就有烦恼,有烦恼你就有痛苦,有痛苦你就会有生死轮回,我们到底要如何来修持,才不至于坠落我相的痛苦深渊里面而无法解脱,这是要面对问题,才能解决问题。经云:菩萨有我相,人相,众生相,寿者相,即非菩萨,修道一但执着我相,你就着了四相,即是我人众生寿者是也。所以咱们修道要谦虚一点,谦虚是一种美德,你越谦虚头越底,你的德性才会越高。凡事要多包容,少计较,多付出,人因慈悲而宽容,因宽容而放下,因放下而解脱,修道:不是在论道龄多久,最重要的是要能够放下你执着的心,放下虚妄的心,心要赶快放下来,放下心来,即成佛,放不下心来,即众生。因为众生还执着色身的假我念念不忘,这是众生的执情太重,所以老母娘才告诉我们以无为法自度入流就是这个意思,我相不除难入圣域贤关,我们是借无为法来破除我相,大凡的人都是我我不断私心用事,所以咱修道是被自己无明障碍住。众生有我菩萨无我,众生有为菩萨无为,修了几十年的道,我相不灭,生死轮回还是照样跟随着你不放,我相不除,妄念不去,修道想成道难啊?有我不成贤,无我圣贤道,心是一切万法之本,性是一切万法之源不是吗?(活佛师尊慈语)



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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