Fazit zum Herzsutra: Der Schlüssel zum Erwachen

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Fazit zum Herzsutra: Der Schlüssel zum Erwachen

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 28.07.2021

Ein Jahr lang haben wir jetzt das Herzsutra in unseren Retreats abgehandelt. Was für eine Schlussfolgerung können wir daraus ziehen? Das „Herz“ der Lehre ist also das Sehen der Leerheit durch die vollkommene Weisheit, wodurch das endgültige Erwachen erlangt werden kann. Das klingt für viele noch sehr abstrakt. Die vollkommene Weisheit ist also das unmittelbare Begreifen der Leerheit. Dieses Begreifen ist keine Theorie, sondern reale Praxis und Erfahrung. Man erlangt es nicht lediglich durchs Philosophieren oder Nachdenken. Letztlich hat man es nur im Zuge realer Lebenserfahrungen zu erproben. Was soll denn leer sein? Man könnte sich dabei ins Unermessliche von „ich bin leer“, „das Universum ist leer“, „Gott ist leer“ etc. verzetteln, ohne sich geistig wirklich weiterzuentwickeln. Die Buddhalehre ist, wie es auch für andere alte Weisheitslehren gilt, in erster Linie als „Heilmittel für Krankheiten“ zu verstehen. Es geht dabei nicht um fixe Doktrinen. Eine ultimative Welterklärung ist nicht das primäre Ziel. Das geistige Erwachen und die Vervollkommnung des Geistes sind das eigentliche Ziel. Deshalb beschreibt das Herzsutra zu Beginn schon das Resultat des Sehens der Leerheit: Das löst alles Leiden. Zum Ende wiederholt es nochmals: Es kann alles Leiden erlösen, es ist wahr ohne Täuschung. Ob es wahr ist, kann nur jeder selbst durch reale Erfahrung bestätigen. Das Sehen der Leerheit soll das Loslassen aller Hindernisse im Geiste bewirken. Die geistige Befreiung wirkt sich unmittelbar auf den Gemütszustand und die Handlungen im Alltag aus.

Erinnern wir uns an die Anekdote über den chinesischen Gelehrten, der derart von seinem Meditationszustand überzeugt war, sodass er behauptete: „Die „acht Stürme“ können mein Gemüt nicht mehr erschüttern.“ Die „acht Stürme“ sind: Lob, Preisung, Verhöhnung, Verleumdung, Erfolg, Misserfolg, Leiden und Glück. Er verfasste dazu ein Gedicht und ließ dieses zu einem Zen-Meister ins Kloster am anderen Ufer des Flusses bringen. Der Meister schrieb seine Antwort auf das Blatt: „Ein Furz.“ Als der Gelehrte dies las, war er auf Anhieb vollkommen außer sich und überquerte den Fluss, um den Zen-Meister zur Rede zu stellen. Als er ankam, sah er am Tor des Klosters ein Blatt hängen, worauf stand: „Die „acht Stürme“ können dich nicht berühren, aber „ein Furz“ schoss dich über den Fluss.“ Dieser Gelehrte hat die wahre Leerheit nicht begriffen. Diese basiert auf wahrer Geistesstabilität, was das wahre Loslassen bewirkt. Nur dann kann man von der wahren Realisierung der Leerheit und des Nicht-Ichs sprechen. Die wahre Leerheit ist somit nicht mit Gedanken und der Sprache erfassbar. Sie kann aber, wie gesagt, von jedem selbst erfahren und im Alltagsleben erprobt werden.

Des Weiteren beschreibt das Herzsutra diese Leerheit mit der Verneinung von allen wesentlichen buddhistischen Konzepten wie „die vier edlen Wahrheiten“, „die 12-gliedrigen Kausalketten“, „die 18 Daseinsbereiche“. Widerlegt das Herzsutra etwa die Lehren Buddhas? Wohl nicht. Es bringt genau die wahre Aussage der Buddhalehre zum Punkt: An keiner Lehre darf man anhaften. Jede Anhaftung bringt Hindernisse im Geiste mit sich. Denn jedes Sein bringt sein Gegensatz mit sich. Die ultimative Leerheit ist daher keines dieser Gegensätze. Sucht man das Erwachen, hängt man an der Verblendung, sucht man das Glück, hängt man am Leiden. Diese Gegensätze sind dualistisch, die Buddhalehre jedoch ist non-dualistisch. Mit jeder Fixierung landet man daher auf einer Einseitigkeit. Der Buddha lehrte seine Schüler situationsbezogen. Jeder seiner Lehrinhalte bezweckt daher nur die Lösung geistiger Hindernisse. Hat man diese Hindernisse überwunden, dann hat man auch die Lehren loszulassen. Dieses Loslassen ist ein augenblickliches Aufgehen von rechter Sicht und eine Wandlung des Gemüts. Dies ist auch die wahre Bedeutung von Chan oder Zen. Deshalb nennen die Zen-Meister ihre Lehre die „Schule des plötzlichen Erwachens“.  Man denkt dabei womöglich gleich an ein einmaliges vollständiges Erwachen, aber Erfahrungen der Zen-Meister wie Huineng zeigen uns, dass es sich hierbei um einen fließenden Prozess handelt. Jedes augenblickliche Loslassen ist schon ein Erwachen. Dieses tritt plötzlich ein und ist nicht von einem starren Übungssystem. Die Buddhalehre ist wie ein Floss zum Übersetzen ans andere Ufer. Ist man am Ufer angelangt, kann das Floss liegen gelassen werden.

Was ist der Schlüssel zu diesem plötzlichen Erwachen, welchen uns das Herzsutra anbietet? Dieser Schlüssel, die Essenz der buddhistischen Praxis, besteht aus:

  • Geistesstabilität (Samadhi): Achte auf dein Gemüt!
  • Weisheit (Prajna): Achte auf deine Gedanken!
  • Liebe (Bodhicitta, Metta): Setze die obigen im Alltag um!

„Achte auf dein Gemüt“ heißt zu erkennen, was dein Gemüt erregt. Erkennt man es, kann man es erst loslassen und das Gemüt nachhaltig ausgleichen und stabilisieren. Mit ständigem Erkennen und Loslassen können die tieferen Ursachen der Gemütsregungen verarbeitet werden. Das unerschütterliche Gemüt kann eintreten.

„Achte auf deine Gedanken“ heißt zu erkennen, was die Motive deiner Handlungen sind. Erkennt man die verblendeten Motive, ist es möglich, nicht danach zu handeln. Durch diese Nichtbefolgung verlieren sie an Kraft. Die Klarheit des Geistes kann eintreten.  

Liebe im buddhistischen Sinn heißt, sich selbst und die Mitwesen gemeinsam vom Leiden zu befreien. Die Ursache des Leidens liegt im verblendeten Geist, in der falschen Sicht und in den falschen Zu- und Abneigungen. Den Mitwesen zu helfen darf daher nicht aus einer verblendeten Sicht kommen. D. h. man soll nicht das Mittel zum Ziel machen und des Helfens wegen helfen. Deshalb ist die Übung der Liebe in diesem Sinn die Umsetzung der Geistesstabilität und Weisheit im Alltag. Durch den Umgang mit Menschen erkennt man erst, was das Gemüt aus der Ruhe bringt und welche Gedanken zu welchen Handlungen drängen. So erkennt man effizient die eigenen Probleme. Es ist daher Hilfe und Selbsthilfe in einem. Dabei wandelt man die verblendeten Zu- und Abneigungen zu Mitgefühl, Güte, Freude und Gleichmut. Man erkennt falsche Ansichten und erlangt Weisheit. Durch die Reibungen mit den Mitwesen erlangen wir Großmut: Man lässt das falsche, kleine Ich los und erlangt das wahre, große Ich, das nicht vom verblendeten Karma erzeugt wird, sondern von der Ansammlung der tugendhaften Verdienste. Das erlöst wahrhaftig alles Leiden.

Abschließend eine Anekdote:

Zwei Brüder wohnen zusammen auf dem 80. Stockwerk eines Hochhauses. Eines Tages war der Aufzug außer Betrieb. So mussten sie über die Treppen hinauf. Beim 20. Stockwerk waren sie schon sehr überlastet. Sie entschieden daher, ihre Taschen abzulegen und sie später abzuholen. Ab dem 40. Stockwerk stieg langsam Unmut hoch und sie begannen alles zu verfluchen und allen möglichen Menschen und Sachen die Schuld zu geben. Schließlich kamen sie total erschöpft am 60. Stockwerk an. Es fehlte ihnen jetzt auch schon die Kraft zu fluchen. Am liebsten würden sie nicht mehr weiter gehen, aber es blieb ihnen nichts anders übrig. Sie schleppten sich mit letzter Kraft weiter. Endlich erreichten sie das 80. Stockwerk. Dann aber entdeckten sie, dass sie den Schlüssel in der Tasche am 20. Stockwerk liegen gelassen haben!

Diese Anekdote beschreibt den Lebensweg eines Menschen. Viele Menschen haben die besten Kräfte und Motivationen fürs Leben in den jungen Jahren liegen gelassen und schleppen sich gezwungener maßen durchs Leben. Am Ende des Lebens stehen sie verwirrt vor dem Tor des Todes. Egal ob 20 oder 80, der Schlüssel für den Erfolg ist immer gleich. Es liegt an uns selbst, ob wir diesen immer mit uns tragen oder irgendwann liegen lassen.

Mögen die Praktizierenden den Schlüssel, den sie von dem Herzsutra bekommen haben, nicht irgendwo beiseitelegen, sondern ihn sich immer vor Augen halten!



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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