Religion vertikal verstehen?

Religion vertikal verstehen? – Gedanken zum Weg der Einheit

Was ist die beste Herangehensweise an den „Weg der Einheit“? Anders gefragt, stellt man sich darunter am besten einfach eine neue Religion (oder gar Sekte) vor? Ist es eine der zahlreichen in luftiger Höhe schwebenden esoterischen Heilsversprechen für „eh alles“? Dieser Beitrag soll in lockerer, unsystematischer Weise ein paar Gedanken dazu vorstellen.

Wie immer im Leben ist hier schon viel gewonnen, wenn die Gesprächspartner unter den in der Rede gebrauchten Begriffen dasselbe verstehen. Was ist also eigentlich eine „Religion“?

Viele werden die Beantwortung der Frage sehr leicht finden: Es gibt offensichtlich diverse Religionen in der Welt, darunter bekannte Weltreligionen. Und Leute glauben daran oder auch nicht, sie sind also religiös oder nicht. „Das war’s, dumme Frage klug beantwortet“ werden sie wohl sagen.

Vielleicht aber hat man dann die Frage noch nicht mal verstanden, geschweige denn beantwortet?  Offensichtlich setzt man hier „Religion“ mit Meinungen und Überzeugungen gleich, die man halt hat, die man nicht hinterfragt. Also redet man eigentlich von Weltanschauungen, von Ideologien, zu denen man sich aus den unterschiedlichsten Beweggründen bekennt. Dann zählt z. B. der Atheismus aber auch zu den Weltreligionen, mit Fundamentalisten und Eiferern unter seinen Anhängern. Weltanschauungen stehen oft inhaltlich konträr zueinander, aber die seelische Verfasstheit vieler Anhänger ist oft erstaunlich gleich. Versuchen wir diese in der ersten Person darzustellen, dann klänge das etwa so:

„Selbstverständlich ist meine Weltanschauung die alleine richtige. Jeder normale Mensch kann das sehen. Darüber denke ich doch gar nicht ernsthaft nach. Denken ist sowieso anrüchig, da kommt doch nichts dabei raus. Andersgläubige sind unrettbar verloren. (Atheistische Version davon: Gläubige haben generell und ausnahmslos einen Dachschaden. Am besten wäre es, die sperrt man alle ein.) Ich jedenfalls bin zum Glück fest in der Wahrheit verankert. Schließlich hat man mir die schon in der Kindheit beigebracht, und daran halte ich mich unbedingt.“

Klingt unsympathisch, nicht? Mit solchen Leuten will man eher nichts zu tun haben. Eigentlich findet man so was ja auch zum Glück eher selten – Das ist aber nur so, weil ich zur Veranschaulichung etwas übertrieben habe. In unserer heutigen Zivilisation reden nur wenige wirklich so. Unterschwellig, verborgen, teilweise den Leuten richtig unbewusst, haben aber laut Studien ungefähr 70% der Weltbevölkerung Anteile dieser Mentalität in sich.

Laut den Modellen mancher Entwicklungspsychologen und, auf ihnen basierend, dem Schriftsteller Ken Wilber entstand diese Einstellung zuallererst vor etwa 8000 Jahren, zusammen mit dem Ackerbau, der Viehzucht und den ersten stadtähnlichen Siedlungen. Und sie kam richtig in Schwung mit der Errichtung großer, straff autoritär gelenkter Reiche. Wir Menschen sind eben auch geprägt von unserer Geschichte, und buchstäblich Jahrtausende lang „du musst um jeden Preis an XY glauben, sonst … na warte!“ eingeprägt zu bekommen, wird man nicht so schnell los. Spuren davon trägt wohl jeder von uns noch in seinem Geist. Dies sei gesagt, um Verständnis eben auch für solche Menschen aufkommen zu lassen, die noch sehr stark von diesen mentalen Einstellungen gefesselt sind. Sie können oft nicht anders, als so zu sein, wie sie eben sind. Tief verwurzelte Gewohnheiten und mentale Muster ziehen sich, einmal eingeprägt, eben durch die Jahrtausende und sind schwer loszuwerden.

Und genau hier tut sich uns aber ein ganz anderer Aspekt von Religion auf. Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Bisher haben wir ja Religion immer sozusagen „horizontal“ als „alle möglichen Weltanschauungen“ verstanden. Wir haben sozusagen von außen auf die jeweiligen Anhänger geschaut und ihr Verhalten betrachtet. Wir sahen: einfach jeden „-ismus“ kann man völlig gläubig und mit Begeisterung verehren und als „die Wahrheit“ absolut setzen.

Man kann sich den Begriff „Religion“ aber auch „vertikal“ vorstellen: als das spirituelle Bedürfnis der Menschen nach „oben“, nach größeren Zusammenhängen. Nennen wir es die Frage nach dem Sinn des Lebens. Unter dem Wort Religion versteht man also oft auch eine Art „Rückverbindung“, nämlich nach dem Urgrund, dem Seinsgrund, dem wesentlichen. Man bedenke, dass die ältesten Artefakte von Menschen, die die Paläontologie identifizieren kann, neben Waffen eben auch Spuren religiöser Zeremonien sind. Das gehört also ganz wesentlich zu uns. In diesem Sinne ist Religion etwas Inneres, etwas recht Intimes in der Psyche des einzelnen. Und verkümmert dieser „spirituelle Instinkt“ im Menschen, ist dies gewiss ein herber Verlust.

Wie ist da jetzt der Zusammenhang zwischen den oben beschriebenen „horizontalen“ äußeren Religionen (also eigentlich Ideologien) und dieser „vertikalen“ inneren Religiosität? Kann man etwa sagen, dass äußerliche Religion so was wie ein Abfallprodukt wahrer Spiritualität ist, nämlich dass Sie ein Produkt des Abfalls der Psyche von der ersehnten Verbindung mit dem Sinn ist? Denn es fällt schon auf, das besonders engagierte und eifrige Vertreter von Religionen (im Sinne von Ideologien) so gar nicht weise oder authentisch oder spirituell wirken. Vielmehr scheint es, sie überspielen ihre eigene Unsicherheit und klammern sich an bloße Konzepte. Diese können aber immer nur Hilfsmittel und Werkzeuge sein.

Es stellt sich uns jetzt also womöglich so dar: Der religiöse Fundamentalist und der eingefleischte Materialist haben beide etwas gemeinsam, was sie selbst gar nicht sehen können: Ihnen beiden fehlt eine gesund entfaltete Spiritualität in ihrem Leben. Also eine Übung, eine Arbeit an sich selbst, die die beschriebene „Rückverbindung “ ermöglicht und das „kleine Ego“ transzendiert.

Wir leben heute also in einer schwierigen Situation, denn:

Die Tragik von traditionsverhafteter, unreflektiert übernommener äußerer Religion ist, dass sie heutzutage die Möglichkeit einer spiritueller Entwicklung behindert und Ideologie, also eigentlich Ablenkung vom eigenen wahren Sein, verbreitet. Andererseits bietet sie einfachen Menschen Geborgenheit und das Gefühl, nicht ganz verloren in der Welt dazustehen.

Und die Tragik von Atheismus und Religionsfeindschaft ist, dass sie durch die Gleichsetzung von „vertikaler“ und „horizontaler“ Religion jedes spirituelle Bedürfnis abwürgen und damit ebenso jede Möglichkeit spiritueller Entwicklung verhindert. Andererseits brechen Sie verkrustete und abgestorbene Strukturen auf, stellen Vorurteile bloß und stellen die richtigen Fragen, denen sich jeder, der sich selbst weiterentwickeln will, stellen sollte.

In dieser Zwickmühle sind wir heute, man möchte sagen, als Menschheit insgesamt. Wie soll es nun weitergehen? Es wäre sicherlich angebracht, die jeweiligen üblen Seiten beider Protagonisten beiseitezulegen und die jeweils nützlichen, heilsamen umzusetzen und zu pflegen. Dazu gibt es keine fertigen Rezepte, die man nur nachzumalen braucht. Fertige Rezepte dafür arten allzu leicht nur wieder in neue Konzepte aus, die dann tot herumliegen und den Weg blockieren.

Nun, vielleicht ist genau dies, was die Selbstbeschreibung des Weges der Einheit ausdrücken will:

„Keine Religion wie alle anderen, aber doch der eigentliche Kern aller Religionen zu sein.“  

Es ist leicht, dies falsch zu verstehen und zu sagen: „Ah, ihr glaubt also, alles besser zu wissen und allen anderen ihre eigene Lehre erklären zu müssen“. Leider ist man dann ins „Hängen an Ansichten“, also an Worten und Konzepten, verstrickt. So kann man den Weg der Einheit nur „horizontal“ als eine weitere tote Ideologie, die man in die Köpfe füllen kann, verstehen. Es geht bei der Dao-Praxis aber eben gerade darum, den Menschen zum „vertikalen“ Verständnis ihrer je eigenen Weltanschauungen zu verhelfen, nicht darum, Konzepte durch Konzepte zu ersetzen. Eher soll ihre Einstellung zu ihren eigenen Konzepten weich und lebendig, oder auch hell und klar werden. Man sagt dazu gerne „die Herzen auftauen“, also eine wirkliche innere psychische Entwicklung zum Besseren hin anzuregen und zu fördern. Dies ist der Sinn der Dao-Einführung: das Erkennen der eigenen Selbstnatur, wie sie immer schon war. Dies ist etwas Intimes, Inneres in der Psyche des einzelnen, und noch „vertikaler“ zurück oder hinauf zum Urgrund geht ja gar nicht – die direkte Abkürzung zum tieferen Sinn von Religion überhaupt also, das will der Weg der Einheit sein.

Und die Lehrer sagen schon seit es die Gemeinschaft in der heutigen Form gibt, seit dem 19. Jahrhundert also, dass die Zeit drängt! Heute ist wegen den oben beschriebenen Erscheinungen doch recht klar, weshalb – alte Traditionen genügen in dieser Phase der Menschheitsgeschichte nicht mehr, und neue sind noch nicht richtig verwurzelt.

Inzwischen verkümmern die spirituellen, die „religiösen“ Anteile und Neigungen vieler Menschen. Was aber in der Psyche nicht gepflegt wird, verkümmert und nimmt ganz üble Gestaltungen an. Das Gemüt verhärtet sich immer mehr. Unter der Oberfläche brodeln fixe Ideen, einseitiges, versessenes Denken, negative Emotionen.  Wird dem überhaupt nicht gegengesteuert, kann dies gar unsere ganze Zivilisation in den Abgrund reißen: Große Katastrophen kommen nicht als übernatürliches Verhängnis über uns, sondern sind, durch Ursache und Wirkung, selbst herbeigeführt. Und dies muss nicht äußerlich gemeint sein: Man kann als einzelner und sogar als ganze Gesellschaft ein durchaus normales Leben führen und dabei innerlich in einer grauen, freudlosen Gespensterwelt, gar in einer Hölle, leben.

Die Zeit drängt also. Man übt nicht für sich alleine: Jeder einzelne, der es schafft, sein Gemüt zu wandeln, der zum Dao, der zu seinem Urgrund zurückfindet, hilft alleine dadurch schon sozusagen der ganzen Menschheit. Erst recht, wenn er nicht gemütlich auf dem Sofa der Erleuchtung liegen bleiben will, sondern aufsteht und mitten ins pralle Leben einbringen will, was er da in sich entdeckt und erreicht hat. Jede noch so winzig erscheinende positive Veränderung, wo auch immer, hat auch einen ungeahnten Effekt auf das Ganze und kann wiederum weitere ungeahnte Wurzeln schlagen. Es sind oft nur unscheinbare Dinge, die durch den „Schmetterlingseffekt“ große Abläufe prägen.



Kategorien:Der Weg der Einheit

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