——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus
Der Buddhismus kam laut schriftlicher Aufzeichnungen etwa im 1. Jh. n. Chr. nach China, zur Zeit der Han-Dynastie. Bis zur Tang-Dynastie, also etwa im 7. Jh und 8. Jh. n. Chr., in welcher Zeit unsere Koans zu den Gründern des Zen- oder Chan-Buddhismus entstanden, hatte der chinesische Buddhismus bereits eine Entwicklung von mehr als einem halben Jahrtausend hinter sich. Die buddhistische Lehre hat aufgrund ihrer vielen Schriften auch viele Schulen hervorgebracht, die unterschiedliche Schwerpunkte in Lehre und Praxis aufweisen.
Während sich die meisten Schulen jeweils auf bestimmte Schriften beziehen und ihre Praxis danach ausrichten, sorgten die Vertreter der zen- oder chan-buddhistischen Schulen mit der Aussage für Aufsehen, die Buddha-Lehre habe nichts mit Schriften zu tun. Sie lehrten von Lehrer zu Schüler persönlich, flexibel und individuell und hielten sich an keinem bestimmten Konzept. Die Lehrer zielten darauf ab, von Geist zu Geist zu lehren und die Schüler zu unmittelbaren Erkenntnissen zu führen. Deshalb bezeichneten sie sich als die Schule des plötzlichen Erwachens. Im Kontrast dazu nennen sie alle Wege, die sich durch diszipliniertes Studium und Übungen fortwährend weiterentwickeln, die Schule der allmählichen Kultivierung.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden liegt im Ausgangspunkt ihrer Lehre: Während die Schule des plötzlichen Erwachens davon ausgeht, dass jedes Wesen die Buddhanatur besitzt und beim Erblicken derselben direkt zum Erwachen kommen und Buddha werden kann, ist es die Ansicht der Schule der allmählichen Kultivierung, dass man die Frucht des Erwachens und des Buddhatums durch unaufhörliche Übungen, Studien und Verdienste erlangen kann, welche den Abbau von Fesselungen und die Vervollkommnung des Geistes bewirken. Letztere beziehen sich auf Schriften, die von der stufenweisen Verwirklichung von Versenkungs- und Erwachensstufen sprechen und diese beschreiben.
Des Weiteren herrschte Uneinigkeit über die Bedeutung der Leerheit, die das Kernkonzept der buddhistischen Lehre darstellt: Ist alles leer und nicht existent? Es gab rege Diskussionen zwischen den Vertretern der Schulen. Ein Konzept, das dabei immer wieder aufgegriffen wird, ist die sogenannte „mittlere Betrachtung“. Diese spricht von zwei „Wahrheiten“, der „weltlichen“ und der „heiligen“. Die weltliche Wahrheit bezeichnet alles, was existiert, die heilige Wahrheit nennt das leere Wesen aller Existenzen und Phänomene. Uneins war man über ihre Bedeutung für die Praxis. In den Gesprächen der Koans prüften die Protagonisten einander, welche Sicht sie diesbezüglich hegten. Für Außenstehende waren diese Koans schwer verständlich, da sie einerseits den tiefsten Bereich der Lehre betrafen und andererseits die Protagonisten ihre Sicht völlig losgelöst von den konventionellen Begriffen und Methoden intuitiv und unmittelbar situationsbezogen darlegten.
Dies führte auch zu unterschiedlichen Lehrstilen auch unter den Vertretern der zen- oder chan-buddhistischen Schule, die wiederum zu verschiedenen Schulen führten. Fünf davon übten den weitreichsten und längsten Einfluss aus. Zwei davon, nämlich die Lingji- (Rinzai-) und Guiyang-Schule, haben wir bereits vorgestellt. Infolgedessen kommen wir zu den anderen drei: der Caodong- (Soto-), Yunmen- und Fayan-Schule. (Ein Organigramm der Genealogie zu den Gründern des Zen- oder Chan-Buddhismus findet ihr unten.) Wie bereits in früheren Beiträgen erwähnt, führen diese fünf Schulen auf zwei Schüler des 6. Ahnlehrers Huineng zurück, nämlich Nanyue Huairang (677-744), wörtlich „der Nachsichtige vom Südberg“, und Qingyuan Xingsi (671-740), wörtlich „der Nachdenkliche vom grünen Plateau“. Die drei Schulen, die wir im Folgenden behandeln werden, stammen vom „Nachdenklichen vom grünen Plateau“.
Wer alle Beiträge bis jetzt verfolgt hat, muss jetzt geistig vom 10. Jahrhundert zurück ins 7. Jahrhundert reisen. Wir kommen wieder zum 6. Ahnlehrer Huineng, zu seinem Baolin-Kloster am Ort Caoxi in der südlichsten Präfektur des Kaiserreichs – Shaozhou (heute Provinz Guangdong). Das Kaiserreich befand sich noch in seiner Hochblütezeit und war sowohl politisch als auch kulturell eine Weltmacht. Die Schule des plötzlichen Erwachens war noch auf das Baolin-Kloster in Caoxi beschränkt. Huinengs Ruf als erwachter Lehrer mit dem Mandat vom 5. Ahnlehrer Hongren hatte sich bereits verbreitet. Immer mehr Praktizierende und Suchende beehrten ihn mit ihrem Besuch. Viele davon blieben und wurden seine Schüler. Darunter war einer, der nach dem ersten Gespräch mit dem Lehrer schon von ihm so sehr geschätzt wurde, dass er ihn gleich zum Vorsitzenden aller Schüler, sprich zum Vertreter des Lehrers, machte. Dieser war der „Nachdenkliche vom grünen Plateau“. Nennen wir ihn einfach „der Nachdenkliche“.
Vom Leben des Nachdenklichen ist wenig überliefert. Er war der Sohn der Familie Liu. Manche Quellen setzen ihn mit der Kaiserfamilie Liu von der Han-Dynastie in Verbindung. Schon in jungen Jahren wurde er zum Mönch ordiniert. Er war bei den Diskussionsrunden stets schweigsam. Als er vom 6. Ahnlehrer Huineng hörte, besuchte er ihn. Bei ihrem ersten Treffen entwickelte sich das folgende Gespräch:
Der Nachdenkliche fragte: „Wie soll man praktizieren, um nicht in Stufen zu verfallen?“
Der Ahnlehrer erwiderte: „Was hast du bisher getan?“
Der Nachdenkliche antwortete: „Selbst die heilige Wahrheit tue ich nicht.“
Der Ahnlehrer griff die ursprüngliche Frage des jungen Schülers auf: „Welche Stufe ist das?“
Der Schüler antwortete: „Wenn selbst die heilige Wahrheit nicht getan wird, wie soll es noch Stufen geben?“
Der Ahnlehrer schätzte ihn sehr und förderte ihn zum Obersten seiner Schülergemeinde.[1]
Eines Tages sprach der Ahnlehrer zu ihm: „Bis jetzt haben die Vorgänger immer die Lehre und die Robe zugleich vermittelt. Die Robe diente als Beweis. Die Lehre besiegelte den Geist. Ich hab keine Bedenken, dass man dir nicht glaubt. Seit ich diese Robe erhielt, hatte ich viel Unheil wegen ihr. Um Streitigkeiten künftig zu vermeiden, behalte ich die Robe hier bei mir. Du kannst dann in einem anderen Gebiet die Lehre verbreiten, sodass sie nicht abbricht.“
Nach dem Erhalt der Lehre zog der Nachdenkliche zum Jing-An-Kloster am Berg des grünen Plateaus. [2]
Die gleiche Anweisung zur Übermittlung der Lehre und die Anweisung zu deren Weitergabe und Verbreitung hatten die Ahnlehrer bei der Übergabe der Lehre an den Nachfolger immer gemacht. Allerdings ist keine Ernennung eines 7. Ahnlehrers bekannt. Mit der obigen Anweisung sahen viele in der Tat den Nachdenklichen als den 7. Ahnlehrer an. Allerdings wurde der Nachdenkliche erst durch seinen Nachfolger Shitou Xiqian, wörtlich „Der seltene Wandel vom Felsen“, erst richtig bekannt. Wer war dieser „seltene Wandel“? Um ihn geht es im nächsten Beitrag.
Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen
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Die Koans zum Shitou Xiqian>>>
[1] 青原行思禪師參祖。問曰。當何所務即不落階級。祖曰。汝曾作什麼來。曰聖諦亦不為。祖曰。落何階級。曰聖諦尚不為。何階級之有。祖深器之。令首眾 ——《指月錄卷之四東土祖師六祖慧能大師》
[2] 一日祖謂師曰。從上衣法雙行師資遞授。衣以表信。法乃印心。吾今得人何患不信。吾受衣以來遭此多難。況乎後代爭競必多。衣即留鎮山門。汝當分化一方無令斷絕。師既得法。住吉州青原山靜居寺。——《景德傳燈錄卷第五 第三十三祖慧能大師法嗣四十三人》
Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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