Anekdote: Die Last der zwei Äpfel

Nahaufnahme reifer roter Äpfel, die an einem Baum hängen, umgeben von grünen Blättern.

Ein Suchender kam einst zu einem abgelegenen Bergkloster, getrieben von einer Frage, die ihn schon lange begleitete:

„Meister, was genau ist eigentlich unser menschliches Verlangen?“

Der Zen-Meister blickte ihn ruhig an und erwiderte schlicht:

„Geh für heute zurück. Komm morgen zur Mittagszeit wieder. Doch iss bis dahin nichts und trinke keinen Tropfen Wasser.“

Verwundert, aber entschlossen, folgte der Mann den Worten. Als er am nächsten Tag in der sengenden Mittagshitze erneut vor dem Meister stand, brannten seine Lippen, und sein Magen krampfte vor Leere.

„Hast du Hunger und Durst?“, fragte der Meister.

„Ich könnte einen ganzen Ochsen verschlingen und einen See leertrinken“, antwortete der Suchende mit heiserer Stimme.

Der Meister lächelte sanft: „Komm mit.“

Gemeinsam gingen sie einen langen, staubigen Pfad entlang, bis sie an einen weiten Obstgarten gelangten. Die Äste bogen sich unter reifen, saftigen Früchten. Der Meister reichte dem Mann einen riesigen Leinensack:

„Pflücke so viele dieser Früchte, wie du tragen kannst. Aber du darfst sie erst essen, wenn du sie zurück ins Kloster getragen hast.“ Mit diesen Worten kehrte der Meister um.

Als die Abendsonne lange Schatten über die Hänge warf, schleppte sich der Suchende zurück zum Kloster. Schweißgetränkt, den Rücken gekrümmt unter dem enormen Gewicht des prall gefüllten Sacks, brach er fast vor den Stufen zusammen.

„Nun nimm dir, was du brauchst“, sagte der Meister einladend.

Ohne zu zögern griff der Mann nach zwei großen Äpfeln und aß sie hastig auf. Der süße Saft stillte den Durst, die Früchte füllten den leeren Magen. Schon nach wenigen Augenblicken strich er sich über den vollen Bauch, hielt inne und sah den Meister ratlos an.

„Bist du immer noch hungrig?“, fragte der Meister sanft.

„Nein… ich bringe keinen einzigen Bissen mehr hinunter.“

Der Meister deutete auf den riesigen Sack, der noch immer randvoll mit Früchten war:

„Und wozu hast du all diese Früchte unter Qualen den ganzen Weg hierher geschleppt, wenn du sie gar nicht brauchst?“

Es wurde ganz still im Innenhof des Klosters. Nur der Abendwind strich leise durch die Wipfel der Bäume.

Bild von grom900 auf Pixabay



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