
Man erzählt sich, die größte Not des modernen Menschen sei nicht der Mangel, sondern die Fülle…
Einst stiegen zwei Männer einen hohen Berg hinauf. Zwischen grauen Felsen und schmalen Pfaden, dort, wo die Luft dünn und die Welt still wird, suchten sie nach kostbaren Steinen, die seit Jahrhunderten im Schoß des Berges verborgen lagen.
Der erste Mann war von einer eigentümlichen Unruhe beseelt.
Sobald er einen Stein im Licht glitzern sah, bückte er sich danach. Ein roter. Ein blauer. Einer mit goldenen Adern. Manche waren groß, manche klein, manche kaum mehr als ein unscheinbarer Splitter.
Doch jeder schien ihm etwas zu versprechen.
„Vielleicht ist gerade dieser der wertvollste“, dachte er.
Und so legte er einen nach dem anderen in seinen Korb.
Bald war sein Korb schwer.
Doch das bemerkte er kaum.
Er war berauscht von seiner Fülle. Mit jedem neuen Stein wuchs in ihm das Gefühl, reicher zu werden. Nicht zu wissen, was wertvoll war, erschien ihm beinahe wie ein Beweis dafür, dass alles wertvoll sein musste.
Der zweite Mann ging langsamer.
Auch er blieb immer wieder stehen. Er hob einen Stein auf, drehte ihn in der Hand, betrachtete seine Farbe, seine Form, die feinen Linien, die das Licht durchzogen.
Manchmal legte er ihn in seinen Korb.
Meistens legte er ihn zurück.
Gegen Mittag fand er schließlich einen kleinen Kristall.
Er war weder der größte noch der auffälligste Stein, den sie an diesem Tag gesehen hatten. Doch als die Sonne durch eine schmale Wolkenlücke brach, fiel ein stiller Lichtstrahl auf ihn.
Der Mann nahm ihn in die Hand.
Er betrachtete ihn lange.
Dann lächelte er.
Er legte den Kristall in seinen Korb und stand auf.
„Das genügt“, sagte er.
Am Nachmittag begann der Abstieg.
Der Berg, der ihnen beim Aufstieg wie ein Versprechen erschienen war, zeigte nun sein anderes Gesicht.
Der Weg wurde steiler. Die Felsen waren glatt. Jeder Schritt verlangte Aufmerksamkeit.
Der zweite Mann ging ruhig voran.
Der erste aber begann zurückzubleiben.
Sein Korb zog an seinen Schultern. Die Riemen schnitten in die Haut. Mit jedem Schritt wurde das Gewicht spürbarer.
Was am Morgen wie Reichtum ausgesehen hatte, fühlte sich nun wie eine Last an.
Er blieb stehen.
Er rang nach Atem.
Dann öffnete er seinen Korb.
Zum ersten Mal musste er sich entscheiden.
Er nahm einen Stein heraus.
„Nur diesen“, sagte er.
Und warf ihn in die Tiefe.
Der Korb wurde leichter.
Doch nur für eine Weile.
Bald musste er wieder stehen bleiben.
Wieder öffnete er den Korb.
Wieder musste er wählen.
Und nun begann etwas, das ihm schwerer fiel als jeder Aufstieg:
Er musste sich von Dingen trennen, die er selbst ausgewählt hatte.
Stein für Stein verschwand im Abgrund.
Manche warf er ohne Zögern fort.
Bei anderen hielt er lange inne.
„Diesen könnte ich vielleicht noch brauchen.“
„Dieser ist doch wunderschön.“
„Vielleicht ist gerade er der wertvollste.“
Doch der Berg stellte keine Fragen.
Die Schwerkraft verhandelte nicht.
Und so musste er weiterwerfen.
Mit jedem Stein wurde sein Korb leichter – und sein Herz schwerer.
Als die Sonne hinter den Gipfeln verschwand, erreichte er schließlich den Fuß des Berges.
Er war erschöpft.
Seine Schultern schmerzten. Seine Hände waren wund. Langsam stellte er den Korb auf den Boden.
Er öffnete ihn.
Darin lag nur noch ein einziger Stein.
Genau jener Stein, den er am Ende ohnehin behalten hatte.
Er sah noch einmal zurück zum Berg.
Tief unten im Tal lagen seine verworfenen Steine verstreut zwischen den Felsen.
Und zum ersten Mal fragte er sich nicht, welchen davon er hätte behalten sollen.
Sondern:
Wie viele Dinge hatte er in seinem Leben getragen, nur weil er nie gelernt hatte, sie zurückzulassen?
Bild von TimeTravelerAl auf Pixabay
Kategorien:Anekdoten
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