
Der Wind strich leise durch das Tal, als es an das Hoftor klopfte.
Draußen stand eine Fremde. Ihre Erscheinung glich dem ersten warmen Licht der Morgensonne über den Hügeln. Ihre Augen bargen eine heitere Güte, und die Steine an ihren Gewändern glitzerten wie Tauperlen im Gras.
Der Hausherr trat vor die Schwelle, spürte das Sehnen in seiner Brust und fragte: »Wer bist du, dass die Welt um dich plötzlich so weit und reich erscheint?«
»Die Menschen geben mir viele Namen«, sprach die Frau mit einer Stimme, die wie ein fernes Versprechen klang. »Sie nennen mich die Fülle, das Gelingen, das lichte Glück. Wo ich verweile, weicht der Mangel. Ich fülle die Hände mit Gaben und die Tage mit Glanz.«
Ein tiefes Aufatmen ging durch den Mann. »Lange habe ich auf ein Zeichen wie dieses gewartet«, sagte er leise. Er öffnete die Pforte weit, entzündete duftendes Holz und hieß das Licht in seinen Räumen willkommen.
Doch als er sich noch einmal umwandte, um das Tor zu verriegeln, bemerkte er eine zweite Gestalt, die reglos im Schatten der Zypresse wartete. Ihre Kleider waren vom Staub langer Straßen gezeichnet, ihre Wangen rau wie getrockneter Lehm, und ihr Blick trug die Kälte einer mondlosen Nacht.
Der Mann spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Die Hand unwillkürlich am Riegel, fragte er: »Und welcher Wind weht dich an meine Schwelle?«
»Mein Name ist der Schatten«, erwiderte sie ohne Bitterkeit. »Ich bin die Leere nach dem Fest. Die Kälte des Winters. Der Schmerz des Vergehens. Wo ich eintrete, rinnt das Erworbene durch die Finger wie feiner Sand.«
Eine Welle von Furcht erfasste ihn – die uralte Angst des Menschen, das Gefundene wieder zu verlieren. »Zieh weiter«, rief er mit scharfer Stimme. »In diesem Haus ist kein Platz für den Verfall. Verschwinde, ehe ich dich mit Gewalt vertreibe!«
Die Wanderin im Schatten lächelte traurig. »Du kennst das Gesetz der Reise noch nicht. Die Gefährtin, der du soeben dein Tor geöffnet hast, ist meine Schwester. Wir teilen denselben Atem. Niemand hat je gelernt, ihre Schritte von den meinen zu trennen. Wenn du mich in die Nacht jagst, wirst du auch sie wieder freigeben müssen.«
Verunsichert kehrte der Mann in sein Haus zurück. Die schöne Gestalt saß am Kamin, doch ihr Schein schien plötzlich mit den Schatten an der Wand zu tanzen.
»Draußen steht eine Fremde«, sagte er leise. »Sie behauptet, deine Schwester zu sein und dass ihr euch niemals trennt.«
Die Botin des Lichts blickte ruhig in die Glut. »Sie spricht die Wahrheit. Wir sind zwei Fäden desselben Gewebes. Ich bringe das Entstehen, sie bringt das Vergehen. Du kannst den Tag nicht festhalten, ohne die Nacht mit einzuladen. Wenn du mich liebst, musst du lernen, auch ihre Anwesenheit zu ertragen.«
Der Mann schwieg lange. Er blickte auf das wärmende Feuer und hinaus in die dämmernde Dunkelheit. In diesem Augenblick spürte er, dass er an einer Wegkreuzung stand, an der zwei Wahrheiten aufeinandertrafen.
Er trat einen Schritt zurück, neigte leicht das Haupt und sprach: »Wenn das Licht nicht ohne den Schatten sein kann, dann lasse ich beides weiterziehen. Ich suche einen Frieden, der nicht vergeht. Geht eurer Wege.«
Lautlos erhob sich die lichte Gestalt, trat hinaus zu ihrer Schwester, und Hand in Hand verschwanden ihre Silhouetten im Nebel der Dämmerung. An der Schwelle blieb der Mann allein zurück – umgeben von einer tiefen Stille, die jenseits von Gewinn und Verlust lag.
Einige Meilen weiter, in einer kleinen Hütte am Waldrand, öffnete in derselben Nacht ein anderer Mann die Tür. Er sah die beiden Gestalten im Zwielicht stehen, blickte in das strahlende Gesicht der einen und in die tiefen Furchen der anderen.
Er trat beiseite, lächelte und sprach mit offener Stimme: »Tretet beide ein. Wärmt euch an meinem Herd. Wenn dies das Leben ist, will ich die Wunden tragen, solange ich das Leuchten spüren darf. Ich nehme alles, was ihr bringt.«
Die Schwestern blickten einander an, traten gemeinsam über seine Schwelle und füllten das Haus mit Wärme und Wehmut zugleich.
Draußen zog der Wind über die Dächer der Welt. Er strich über die Stille des einen Hauses und über das pulsierende Leben des anderen.
Bild von Cao135 auf Pixabay
Kategorien:Anekdoten
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