
Ein Zitat aus „Die Herzenslehre der Einheit“, einem Vortrag des Seniorobermeisters Gao Binkai vom 10.08.1999 im Hongtzong-Tao-Institut in Hsinchu (Taiwan), veröffentlicht in den monatlichen Ausgaben der Zeitschrift des Instituts – „Ping Jiang Magazine“ – ab März 2022
Wenn wir uns auf den geistigen Pfad begeben und dennoch das Gefühl haben, keinen festen inneren Halt zu finden, liegt die Ursache fast immer in unserer eigenen Gedankenwelt: Wir schauen nicht genau genug hin und durchdringen unsere Motive nicht bis auf den Grund. Schon Menzius lehrte vor über zweitausend Jahren, dass man zuerst das Wesentliche im Herzen verankern muss – das Wahre und Beständige –, damit das Vergängliche und Unbedeutende einen nicht mehr aus der Fassung bringen kann. Er empfing diese Weisheitslinie der Meister von Konfuzius über Zengzi und Zisi und verwirklichte sie so tief in sich selbst, dass er mit unerschütterlicher Klarheit und Herzensüberzeugung durch die Länder ziehen konnte, um den wahren Wert dieses erhabenen Weges (Dao) aufzuzeigen.[1]
In den alten Schriften heißt es: „Wenn Gefühle wie Freude, Zorn, Trauer oder Verlangen noch nicht ausgebrochen sind, verweilt das Bewusstsein in seiner reinen Mitte.“ Diesen Zustand innerer Ruhe und Ausgeglichenheit erstreben wir auf unserem Weg. Und doch tragen wir oft unbemerkt alte Geschichten, Kränkungen und Vorbehalte in uns herum und halten sie über Tage, Wochen oder Jahre fest. Man denke an die bekannte Begebenheit jenes Zen-Meisters, der mit seinem jungen Schüler Menschen über einen reißenden Fluss half. Als eine junge Frau das Ufer überqueren wollte, zögerte der Meister nicht, nahm sie auf den Rücken und trug sie hinüber. Der Schüler grübelte unablässig: „Wie konnte sein Meister, der doch so viele Jahre enthaltsam und diszipliniert gelebt hatte, eine fremde Frau auf die Schultern nehmen?“ Nach zehn Tagen hielt er es nicht mehr aus und stellte seinen Meister zur Rede. Der Meister antwortete schlicht: „Ich habe sie kaum zwei Minuten getragen und am anderen Ufer abgesetzt. Warum trägst du sie nach zehn Tagen noch immer mit dir herum?“
Genauso halten wir im Alltag oft an kleinen Kränkungen, Zweifeln, Argwohn oder verletztem Stolz fest, ohne zu bemerken, wie sehr sie uns innerlich belasten. Doch gerade im Verborgenen und Unscheinbaren entscheidet sich alles: Solange wir den Geist vollpacken mit Grübeleien, finden wir nicht in unsere innere Mitte zurück. Die Weisen vergangener Zeiten haben sich genau an diesen Punkten geschult – Schritt für Schritt. Sie blieben weder in der Vergangenheit hängen, noch sorgten sie sich krampfhaft um die Zukunft, sondern ließen beides los. Wer aus reinem Herzen Gutes tut, unterscheidet nicht nach Ansehen, Geschlecht oder Alter; er handelt einfach im Dienst des Nächsten. Lässt man jedoch auch nur einem einzigen Gedanken von Misstrauen, Eitelkeit oder Zorn freien Lauf, wachsen daraus augenblicklich unzählige innere Hindernisse und Verwirrungen. Wahre Praxis bedeutet daher, solche Anhaftungen rechtzeitig zu erkennen und loszulassen. Das ist keine leichte Aufgabe.
Im Geiste wahrhaft zu reifen, den Weg (Dao) zu bewahren und seinen tiefen Kern zu erfassen, erfordert echte Hingabe. Wenn wir vor unseren Weggefährten über Weisheit und Lehre sprechen, dürfen wir uns darauf nichts einbilden, nur weil wir beredte Worte finden. Wahre Tiefe entsteht nicht durch Reden. Ein alter Grundsatz besagt: „Bevor der Himmel einem Menschen eine wahrhaft große Bestimmung anvertraut, stählt er zuerst dessen Geist durch Prüfungen, fordert seine physischen Kräfte bis an die Grenzen und lässt ihn Entbehrungen durchleben.“ Erst wenn wir selbst durch solche Mühen und persönliche Herausforderungen gegangen sind und unser ganzes Herzblut rückhaltlos dafür einsetzen, anderen beizustehen und ihnen auf ihrem Weg zu helfen, begreifen wir, was dieser Pfad in Wahrheit bedeutet.
Ohne diese eigene gelebte Erfahrung bleibt jede Lehre hohle Theorie. Es geht nicht darum, wohlfeile Ratschläge zu verteilen oder oberflächlich zu wirken. Erst wer den Menschen uneigennützig beisteht, wer für ihr Wohl persönliche Entbehrungen auf sich nimmt und durch Sturm und Regen geht, empfindet eine unerschütterliche Gewissheit über die Kostbarkeit dieses Weges (Dao) und die erhabene Größe des Auftrags, der Himmel und Erde berührt. Geistige Reifung und Charakterbildung sind kein Geschenk von außen – es ist ein Weg, den jeder für sich selbst gehen und durchschreiten muss. Erst wer alle Höhen und Tiefen, alles Bittere und Süße des Lebens am eigenen Leib erfahren hat, erkennt den wahren, unverfälschten Geschmack und den unschätzbaren Sinn dieses Weges (Dao).
—— Aus: „Die Herzenslehre der Einheit“, Zeitschrift „Ping Jiang Magazine“, Ausgabe 200, Jänner 2023, Seite 1-3
[1] Im Konfuzianismus und im Weg der Einheit (I Kuan Tao) bildet die Übertragungslinie von Konfuzius (551–479 v. Chr.) über dessen Schüler Zengzi und dessen Enkel Zisi bis hin zu Menzius (ca. 372–289 v. Chr.) die orthodoxe Kette der Weisheitsweitergabe (Daotong, 道統). Menzius gilt als der Vollender dieser frühen klassischen Phase, der die Lehre über die angeborene Güte des Menschen und die Ausrichtung an der kosmischen Ordnung gegen konkurrierende Denkschulen verteidigte.
Originaler Text auf Chinesisch:
我們學道,我們自己在道上立不起來,立不起來最主要的就是自己的心念問題,心念看不夠徹底,看不清楚,像方才那一句,先立乎大,一切小者不可奪也,那麼事實上在二千多年前,戰國時代,孟子他自己從孔老夫子學道,孔子傳給曾子、子思,子思以後,才傳給孟子,孟子才感覺到,哦,我現在得到這個大道,所以他才能在各國每一個地方,能夠開闊的去展開他的辯才,開闊的來顯露這個聖人之道的偉大。
就像剛才說的,喜怒哀樂未發謂之中,這是我們學道的人應該要有的,可是心裏頭還是常常會隱藏著這些個東西,就會放很久很久,像這個,我們平常都在說,過去有一個禪師,他向一個小徒弟說:「走呀!我們今天去做一件好事。」他就帶著小徒弟去揹河,就是揹人過溪,已經揹了一些人過溪後,最後有一個很年輕,十七、八歲的女孩也要過河,禪師說:「我揹!」他就把她揹過去。徒弟一直在想:「師父,你修道修這麼久,怎麼對一個年輕的女孩也揹她過河?」他到了有一天,十來天以後,一直就這個念頭跑不掉,他問師父:「師父你,我真不懂!」師父說:「唉呀!我當時揹河沒有二分鐘就揹過去了,我二分鐘過去就好,就沒有了,你呢?放了十天。」這就是隱藏了十天,我們每個人的悟質,像這些個小事,我們都感覺到這那有什麼,可是心裏頭隱藏著不知道,所以莫見乎隱,莫顯乎微,也都在這些個小地方,我們心裏頭抓住了很多東西,疑惑、猜忌、不甘願,就是這些個東西,你就沒有辦法回到「中」的那個點上,回不到那個「中」,因為心裏頭抓了很多東西。
像這些個都是聖人當初學道,就從這個地方一步一步的走過來,是這樣子的。弟子學道也是一步一步,不看這些個事,而是看到過去就算了,所以叫做未來心,過去心。未來心,過去心不存,而是把它拔除了。一段時間以後師父告訴他:「我們做好事不分男和女,也不分老和少,沒有這些想法,你怎麼會有這麼多的這些想法?」就像這個念頭,就是一個念頭,所以就猜忌心、傲慢的心或是憤高的心都會出來,就是這麼的厲害。因此我們學道的人,要學著看破,很多都是將這些小事擱到心裏邊就抓住了,一時怒心,百魔丈生,就是這麼樣子,所以我們大家要了解,我們修道不容易呀!
我們修道要往上提升,真的不容易,護道不容易,能夠得到道的真諦更不簡單,明白道的真諦在哪裡更不容易。所以我們講道嘛!在外面對道親,不要因為我們能講一些道理給人家聽,我們就感覺到沾沾自喜,不要這樣子!應該要知道,真正對道能深入,什麼才叫能深入呢?我們學道要能深入道的裏邊,不是講幾句話給人家聽,不是!自己要受過天降大任於斯人也,必先苦其心志,勞其筋骨,餓其體膚,空乏其身,我們真是經過這些個苦難,從這裏邊而去為了道、為了眾生,我們真是把心血、把生命都放到裏邊,這樣子你才能夠了解,哦,道是真正一個這樣的東西,如此才能真正了解道的真諦。
沒有經過這樣的話,不會了解,真的不會了解道的真義。不是講幾句話給人家聽,我們渡渡人,不是這樣子,是自己確實能在渡眾生、辦眾生的事,真是勞其筋骨,餓其體膚,真是櫛風沐雨,確實在這裏邊出來過的人,你對道才會更肯定,對天命,上天派祖師的天命,這麼樣的偉大,這麼樣的光亮,這麼樣的驚動三曹,這才是對道的寶貴,所以對這一點上,我們自己要經過,真是要勞其筋骨,餓其體膚,空乏其身,真是要經過這些個磨鍊,才能夠叫做修心鍊性,從這裏邊才能走出來,路是自己走的,要走出來,裏邊的酸甜苦辣才有味道,才是有真正的味道。
——《厚德心語 一貫心法 萍江竹刊 第200期 2023年1月 第一至三頁》
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Kategorien:Zitate des Seniorobermeisters
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