Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 1-9)

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 14.11.2019

Als Anschluss zum vorherigen Blogbeitrag setzen wir nun mit dem folgenden Text aus dem Sutra fort:

Nach dem Abschied vom Ahnlehrer wanderte Huineng eifrig nach Süden. Zwei Monate später erreichte er das Dayu Gebirge. Mehrere Hundert Widersacher jagten (Huineng) nach, um (ihm) die Robe und die Schale zu entreißen.[i]

Bei der Anreise hat Huineng für 1200 km nur 1 Monat gebraucht. Nun brauchte er für die Hälfte der Strecke doppelt so lang. Vermutlich machte ihm die Verfolgung den Weg schwer. Woher haben aber seine Rivalen gewusst, dass er Robe und Schale bekommen hat und wohin er gegangen ist? Dazu gibt es die folgende Textstelle den Hinweis:

Als der fünfte Ahnlehrer zurückkehrte, begab er sich mehrere Tage lang nicht in die Lehrhalle. Die Schüler machten sich Sorgen, sie suchten den Ahnlehrer auf und fragten: „Ist der Meister ein wenig erkrankt oder besorgt?“ Der Ahnlehrer antwortete: „Krank bin ich nicht, aber das Dharma ist nach Süden (transferiert).“ (Die Schüler) fragten: „Wem wurde diese vermittelt?“ (Der Ahnlehrer) antwortete: „Der „Fähige“ (Chinesisch: Neng) hat es bekommen.“ Alle wussten dann Bescheid.[ii]  

Offensichtlich hat Hongren versucht, Huineng einen zeitlichen Vorsprung zu verschaffen, dass er weit flüchten kann. Warum er aber nicht einfach normal wie sonst seine Lehrtätigkeit fortsetzt könnte zweierlei Gründe haben: Erstens, bei einem Auftritt vor der Schülerschaft müsste er die Robe (als Zeichen) anhaben. Zweitens, er möchte auf dieser Art verkünden, dass er nicht mehr der aktuell berufene Nachfolger der Lehre ist und daher nicht mehr lehrt. Die an der Lehre interessierten sollen ab jetzt zum neuen Lehrer gehen. Deshalb verkündete er auf Nachfrage die Übermittlung des Dharmas und der Robe an Huineng und gab bekannt, wohin er gegangen ist. Unter Huinengs Verfolgern gab es gewiss genug, die ihm  Robe und die Schale einfach wieder entreißen möchten. Aber andere wiederum waren durchaus an der Lehre interessiert. Im Text heißt es weiter:

Darunter war ein Mönch dessen Familienname (im Weltlichen) hieß Chen, sein Vorname Huiming. Vor seiner Ordinierung war er ein General vierten Ranges, rau und impulsiv in Charakter und  Benehmen. Er war höchst bestrebt (Huineng) zu finden und holte ihn schneller als alle anderen ein. Huineng legte Robe und Schale auf einen Stein und sagte: „Diese Robe ist das Zeichen (des Dharmas), das kann man wohl nicht mit roher Gewalt entwenden!“ Dann versteckte er sich im Gebüsch. Huiming kam an, konnte aber (die Robe und die Schale) nicht heben, worauf er ausrief: „Praktiker! Praktiker! Ich komme des Dharmas wegen, nicht der Robe wegen!“[iii]

Die Beamtenschaft im alten China gliedert sich in neun Rängen. Ein General vierten Ranges ist daher schon ein hoher Grad. Dieser Huiming wird als ehemaliger erfolgreicher Berufssoldat wohl ein kräftiger Mann gewesen sein. Dennoch konnte er Robe und Schale nicht bewegen. Diese Stelle klingt  etwas märchenhaft, als wäre die Robe vom Spruch des Huinengs verzaubert. Von übernatürlichen Fähigkeiten Huinengs wird eigentlich nicht berichtet. Es kommt im Sutra zwar ein paar Mal vor, dass er Geschehnisse voraussehen kann, aber nichts weiter. Im Buddhismus gibt es den Glauben, dass ernsthaft Praktizierende unter besonderem Schutz stehen. Das gilt auch für alle, die stille Meditation oder die Übung zur Herzenswandlung im Alltag praktizieren. Diese Beschützer werden als „Heilige Gesetzeshüter“ bezeichnet. Dies ist auch der Grund, warum sich das „Energiefeld“ bei einem Praktizierenden mit der Zeit immer mehr zum Positiven wandelt. Der Chan-Buddhismus legt wenig Wert auf Übernatürliches, dennoch kommen auch hier solche Begebenheiten vor.

Dieser Akt machte eben Huiming stutzig. Es ist ungewiss, ob er der Robe wegen gekommen ist oder nicht. Auf alle Fälle ist es ihm in dem Moment klar, dass es ihm nicht um die Robe gehen kann. Er nennt Huineng „den Praktiker“, eine Bezeichnung für Laienanhänger, die im Kloster aushelfen. Es ist einmalig, dass ein solcher Praktiker plötzlich der Ahnlehrer wurde. Das bereitete den Weg, dass Huineng den Buddhismus als Laienpraxis begründete und ihn noch mehr mit der chinesischen Kultur harmonisierte. Die Überbewertung der Mönchsordinierung war lange Zeit den chinesischen Konfuzianern ein Dorn im Auge. Die chinesische Tradition legte großen Wert auf die Familienwerte und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft. Sie verpönten daher die Mönche, die keine Familie gründen und von den Almosen anderer leben. Das war ein Hindernis für die Etablierung des Buddhismus in China. Huineng war der erste Ahnlehrer aus dem Laienstand und lehrte anfangs vorwiegend Nichtmönche. Er legte auch einen Praxisleitfaden für Laienanhänger fest und versöhnte die Buddha-Lehre mit den konfuzianischen Werten.

Es ist ungewöhnlich, dass ein ordinierter Mönch wie Huiming, einen Laien um Belehrung bittet. Man kann davon ausgehen, dass seine Unfähigkeit die Robe zu heben in ihm die Überzeugung weckte, dass Huineng tatsächlich der Dharma-Nachfolger ist. Nun erfolgt die erste Lehrtätigkeit von Huineng. Dies wurde im Text wie folgt beschrieben:

Huineng kam daraufhin heraus und setzte sich auf einen Stein. Huiming ehrte ihm rituell und sagte: „(Ich) Bitte den Praktiker mich das Dharma zu lehren.“ Huineng sagte: „Wenn du des Dharmas wegen gekommen bist, dann kannst du alle (karmischen) Anhaftungen zur Stille kommen lassen , sodass kein einziger Gedanke mehr entsteht. Dann erkläre ich es dir.“ Huiming (tat es), lange Zeit (ist vergangen).

Huineng sagte: „Denke nicht Gutes, auch nicht Schlechtes, gerade jetzt in diesem Augenblick, welches ist das ursprüngliche Angesicht des Geehrten Ming?“

Bei diesem Worten erwachte Huiming auf Anhieb.[iv]

 

Huiming

 

Es ist eine Tradition, dass ein Schüler, seinen Lehrer mit einem entsprechenden Ritual verehrt. In dem Moment der authentischen Ehrung des Lehrers hat man sein Ego losgelassen und somit die Ich-Anhaftung durchbrochen. In diesem Augenblick kommt das natürliche Wesen zum Vorschein und der natürliche Sinn entfaltet sich frei. Huimings zwei Monate lange Fokussierung auf die Verfolgung Huinengs wirkte wie eine lange Meditation. Das verschaffte ihm eine gute Basis zum Durchbruch. Nun sehen wir, wie Huineng lehrt:

Als erstes verlangt er von Huiming, alle karmischen Verstrickungen zu stoppen, sodass kein einziger Gedanke entsteht. Eigentlich hat er ihm damit eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt! Es ist im Text nicht beschrieben, wie lange es gedauert hat. Ist in dieser Zeit mehr passiert, als dass Huiming nur im Stillen verweilte? Jener Satz, der Huiming letztendlich zum Durchbruch verhalf, wurde später zu einem bekannten Spruch, der von vielen Chan-Meistern immer wieder zitiert wurde. „Denke nicht Gutes und auch nicht Schlechtes“ drückt den undifferenzierten Sinn aus, der „nicht geboren und nicht erloschen“ ist. Wir vergleichen nun diesen Satz mit dem Gedicht vom 5. Ahnlehrer Hongren, welches er an Huineng bei der Übermittlung des Dharmas gab:

Säht man mit Gefühlen die Samen,
wachsen aus jener Erde die Früchte;
Ohne Gefühle gibt es keine Samen,
somit auch kein Wesen und keine Geburt.   

Wir haben gesagt, „mit Gefühlen“ kann als „Mit-Tun“ und „ohne Gefühle“ mit „Ohne-Tun“ oder „Nichts-Tun“ gedeutet werden. Das „Tun“ bedeutet hier alle Handlungen basierend auf Willens- und Bewusstseinsimpulse, die Neigungen oder Abneigungen hervorrufen und somit Karma produzieren. Das Ziel der Praxis gilt daher, vom „Mit-Tun“ zum „Ohne-Tun“ oder „Nichts-Tun“ zu kommen. In jener Zustand ist man nicht mehr gefesselt von den Anhaftungen an die Sinnen und daher unabhängig vom Karma. „Mit-Tun“ säht Samen, die zur Früchte reifen. „Ohne Tun“ hat keine Samen, somit „wesenlos“ und schafft keine Verstrickungen über die Sinnen. In dem Moment, wo Huiming im Zustand des „Nichts-Tuns“ verweilt, fragt ihn der Lehrer, „welches ist denn das ursprüngliche Angesichts“ von ihm selbst ist.

Der Fragende erwartet eigentlich bei solcher Frage keine Antwort. Diese gibt nur den Schüler einen Anstoß zur Erkenntnis. Gerade weil zu dieser Frage keine denkbare Antwort möglich ist, bringt er den Schüler auf den Gipfel seiner geistigen Sammlung und erschlägt jede Möglichkeit des Denkens: zum richtigen Moment manifestiert sich nun das absolute Sein. Man erkennt schon die Methode Huinengs, die seine Schule des „plötzlichen Erwachens“ charakterisiert. Erinnert man sich an die vielen Koans von seinen Schülern: Sie alle wenden die gleiche Methode an, welche die sog. „Schule des plötzlichen Erwachens“ kennzeichnet. Für unsere Übung können wir immer wieder diesen Satz von Huineng ins Gedächtnis rufen: „Denke nicht Gutes und nicht Schlechtes. Gerade jetzt in diesem Augenblick, welches ist (mein) ursprüngliches Angesicht?“ Wenn das im Moment noch nicht viel sagt, dann denke einfach: Übe das „Nichts-Tun“!

Dazu eine heitere Anekdote:

In einem Tempel in China beten tagtäglich massenweise Menschen den Buddha an, dass dieser ihnen die Wünsche erfüllen soll. Ein Mann beobachtete dies und sagte zum Buddha: „Wie schaffst du es denn, so viele Wünsche zu erfüllen?“ Plötzlich erhielt er eine Antwort vom Buddha: „Wenn du willst, kannst du für eine Zeit meinen Platz einnehmen, dann wirst du es herausfinden. Aber du muss mir eines versprechen: du darfst niemals den Betenden irgendetwas sagen.“ Der Mann willigte ein und nahm den Platz von Buddha ein. Dann kam ein reicher Mann und betete: „Ich habe schon viel. Ich möchte nur noch ein tugendhafter Mann werden.“ Nach dem Gebet ist er gegangen. Aber er verlor seine Geldtasche beim Gebetspolster. Dann kam ein armer Mann und betete: „Bitte hilf mir, mein Kind ist schwer krank, aber ich habe nicht genug Geld, die Behandlung zu bezahlen.“ Dann entdeckte er die Geldtasche und bedankte sich für die Segnung. Der Mann am Buddhas Platz wollte es ihm sagen, dass diese Tasche jemandem anderen gehört. Aber ihm fiel ein, dass er versprochen hat, nichts zu  sagen. Dann kam ein Fischer und betete: „Ich werde gleich aufs Meer hinaus. Bitte beschütze mich und verschone mich vor Unwetter.“ In dem Moment kam der reiche Mann und packte ihn und will seine Geldtasche wieder haben. Die beiden fangen zum Streiten an. Der Mann an Buddhas Stelle konnte sich nicht mehr zurückhalten und sagten es ihnen, was genau los war. Der reiche Mann holte daraufhin den Armen ein und nahm ihm die Geldtasche wieder ab. Der Fischer eilte aufs Meer hinaus. Der Streitschlichter war zufrieden, Buddha aber sprach zu ihm: „Ich hätte alle drei ihre Wünsche erfüllt. Nun jetzt geht kein einziger in Erfüllung. Der reiche Mann hätte freiwillig nichts hergegeben. In dem er die Tasche an den Armen verliert, erfülle ich ihn den Wunsch, Tugendhaftes zu tun. Der Arme hätte Geld gehabt, sein Kind behandeln zu lassen. Der Fischer würde vorm bevorstehenden Unwetter verschont geblieben, wenn der reiche Mann ihn aufgehalten hat. Da du ja es nicht schaffen kannst, nichts zu sagen, hast alles vermasselt.“

 

 

 

[i] “惠能辞违祖已,发足南行。两月中间,至大庾岭。逐后数百人来,欲夺衣钵。

“huì néng cí wéi zǔ yǐ ,fā zú nán háng 。liǎng yuè zhōng jiān ,zhì dà yǔ lǐng 。zhú hòu shù bǎi rén lái ,yù duó yī bō 。

[ii] 五祖归,数日不上堂。众疑,诣问曰:‘和尚少病少恼否?’曰:‘病即无。衣法已南矣。’问:‘谁人传授?’曰:‘能者得之。’众乃知焉。

wǔ zǔ guī ,shù rì bù shàng táng 。zhòng yí ,yì wèn yuē :‘hé shàng shǎo bìng shǎo nǎo fǒu ?’yuē :‘bìng jí wú 。yī fǎ yǐ nán yǐ 。’wèn :‘shuí rén chuán shòu ?’yuē :‘néng zhě dé zhī 。’zhòng nǎi zhī yān 。

[iii] 一僧俗姓陈,名惠明,先是四品将军,性行粗慥,极意参寻。为众人先,趁及惠能。惠能掷下衣钵于石上,云:‘此衣表信,可力争耶?’能隐草莽中。惠明至,提掇不动,乃唤云:‘行者!行者!我为法来,不为衣来。’

yī sēng sú xìng chén ,míng huì míng ,xiān shì sì pǐn jiāng jūn ,xìng háng cū zào ,jí yì cān xún 。wéi zhòng rén xiān ,chèn jí huì néng 。huì néng zhì xià yī bō yú shí shàng ,yún :‘cǐ yī biǎo xìn ,kě lì zhēng yē ?’néng yǐn cǎo mǎng zhōng 。huì míng zhì ,tí duō bù dòng ,nǎi huàn yún :‘háng zhě !háng zhě !wǒ wéi fǎ lái ,bù wéi yī lái 。’

[iv] 惠能遂出,坐盘石上。惠明作礼云:‘望行者为我说法。’惠能云:‘汝既为法而来,可屏息诸缘,勿生一念。吾为汝说。’明良久。惠能云:‘不思善,不思恶,正与么时,那个是明上座本来面目?’惠明言下大悟。

huì néng suí chū ,zuò pán shí shàng 。huì míng zuò lǐ yún :‘wàng háng zhě wéi wǒ shuō fǎ 。’huì néng yún :‘rǔ jì wéi fǎ ér lái ,kě píng xī zhū yuán ,wù shēng yī niàn 。wú wéi rǔ shuō 。’míng liáng jiǔ 。huì néng yún :‘bù sī shàn ,bù sī è ,zhèng yǔ me shí ,nà gè shì míng shàng zuò běn lái miàn mù ?’huì míng yán xià dà wù 。

 

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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