„Keine Sinnesgrundlagen, keine Sinnesfelder…“

Herz Sutra – „…kein „Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist“, kein „Form, Ton, Geruch, Geschmack, Berührung, Phänomen (Dharma)“.“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 30.01.2021

Diese ganze Aufzählung im Anschluss an die Skandhas wird mit dem buddhistischen Begriff der „Ayatanas“ bezeichnet. Sie sind also sozusagen die Werkzeuge, mit denen die Außenwelt vermeintlich wahrgenommen wird. Vermeintlich deswegen, weil sie vielmehr der Grund, die Bedingung für die Wahrnehmungen sind, die in einer „objektiven Außenwelt“ buchstäblich nur erscheinen. Wir haben ja schon wiederholt bemerkt, dass die Lehre des Buddha zu jenen Geistesströmungen gezählt werden kann, die den Sinnen (und dem „gesunden Menschenverstand“) eher weniger Vertrauen schenken. Sie hinterfragen die Art und Weise, wie sich das menschliche Bewusstsein sein Bild von der „Welt da draußen“ macht, und legen also mehr Wert auf das Geistige als auf das Materielle. Im ewigen Zwiespalt zwischen Idealismus einerseits und Realismus andererseits liegt die Buddhalehre also eher auf Seite des ersteren.

Deutsche Übersetzungen verwenden für die Ayatanas die Worte Sinnesgrundlagen, Sinnesfelder, Erlebnisspannungsfelder usw. Letzteres von Fritz Schäfer gefällt mir persönlich am besten. Wenngleich Schäfers Wortwahl sicherlich gewöhnungsbedürftig ist, hat er dafür die Bedeutung der altindischen buddhistischen Begriffe sorgfältig durchdacht und war bestrebt, sie im Deutschen nachzubilden. Sein Gedankengang bei dieser Wortwahl war folgender:

Die ersten sechs Begriffe werden als die inneren, die folgenden sechs als die äußeren Ayatanas bezeichnet. Alles, was wir als Menschen erleben, spielt sich quasi im „Spannungsfeld“ zwischen Inneren und Äußeren Ayatanas (das heißt wörtlich „Feld“) ab. Hier sei auch an einen tiefsinnigen Ausspruch erinnert, in dem verschiedene Philosophen und Wissenschaftler in den letzten Jahrhunderten, unabhängig voneinander, ihre Erkenntnisse auf den Punkt gebracht haben: Leben ist Erleben.

Es ist nicht unwichtig für das korrekte Verständnis zu erwähnen, dass mit Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper nicht die materiellen Organe an sich gemeint sind, wie man sie sehen und sezieren kann, sondern die geistige Fähigkeit jeweils zum Sehen, Hören usw. Dieser mentale Anteil am Vorgang des Wahrnehmens ist bei den originalen indischen Ausdrücken präzise gemeint: Also statt Cakkhu (= Auge) nennen es die Texte Cakkhayatana (wörtlich Augenfeld) und so  weiter bei allen inneren Ayatanas.

Also, diese Inneren Felder sind für uns die Basis, um Formen, Töne, Gerüche, Geschmack, Berührung und Dharmas erfahren zu können. Die sehr gute Frage, ob diese letzteren überhaupt existieren, wenn niemand sie wahrnimmt, würde uns wohl sehr weit vom Erklären des Herz Sutras wegführen. Hier würde es sehr differenziert philosophisch werden. Kurz gesagt ist es aber so, dass die idealistischen Denkrichtungen der Menschheitsgeschichte dies tendenziell eher verneinen würden. Das „eher“ deswegen, weil es natürlich auf den Kontext ankommt. Es kommt darauf an, wie der Sinn der Frage gemeint ist.

Doch wir kommen jetzt lieber noch auf den praktischen Aspekt unserer Textstelle zu sprechen. Dazu schauen wir uns wieder einen Auszug aus Hanshan Deqings Kommentar zum Herz Sutra an:

„Diese ausführliche Erläuterung zu Prajna will mit allen Irrtümern aufräumen. Die wahre Leere von Prajna kann alle Irrtümer beseitigen, weil sie rein und klar ist und nicht ein einziges Ding enthält. Denn es gibt in ihr keine Spuren von den fünf Skandhas, den sechs Sinnesorganen, den sechs Sinnesobjekten oder den sechs Bewusstseinsarten. Der Bereich der sechs Sinnesorgane mit Gefühlsobjekten und Bewusstseinsarten ist der Dharma der Weltlinge. Solche Dinge haben keinen Platz in der absoluten Leere von Prajna. Der Buddha sagte darum, dass all diese Dinge nicht in der absoluten Leere sind.“ [i]

Die hier erwähnten sechs Bewusstseinsarten besprechen im nächsten Beitrag, welcher den folgenden Halbsatz des Herz Sutra behandeln wird:

„Keine „Augenwelt“, bis hin zu keiner „Bewusstseinswelt“.“

Abschließend wieder ein Zitat vom Erhabenen Lehrer für die alltägliche Praxis:

Du sollst die drei Karma(-schienen: Gedanken, Sprache und Taten) tadellos und die sechs Sinnesgrundlagen (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper und Geist) rein und ruhig halten. Nur dann kannst du tadellos in Ruhe und Reinheit praktizieren. [ii]

Nur wenn du dich selbst ernsthaft korrigierst, wirst du deine blinden Flecken entdecken. Nur wenn du Verantwortung trägst und die Reibungen mit den Menschen erträgst, erfährst du, wie reif du bist. Wenn du vor der Realität flüchtest, vor Schwierigkeiten zurückschreckst, wirst du trotz der Dao-Initiation ständig im Kreislauf des Leidens verweilen. Lieber Schüler, wann trägst du endlich Selbstverantwortung und beginnst dich wahrhaftig zu kultivieren?! [iii] 

[Es heißt] die „Dinge [im Herzen]“ zu verarbeiten, warum? Es gibt ursprünglich eigentlich kein Ding. Wenn ihr es begriffen habt, dass das erwachte eigene Wesen an sich klar und ruhig ist, dann gibt es auch nichts zum Verarbeiten. Aber ihr habt jetzt in der Tat Dinge im Herzen, die euch blockieren, sodass ihr nicht zur Ruhe kommen könnt. Diese Dinge zu beseitigen heißt die „Verarbeitung der Dinge“. Der Lehrer fragt euch nun: Habt ihr seit der Dao-Initiation euch mit den Dingen im Herzen auseinander gesetzt und diese wirklich beseitigen können? Wenn ihr nicht begriffen habt, dass ihr von Natur aus klar und ruhig seid, dann werdet ihr ständig nur das Spiel der Selbstkorrektur, der „Verarbeitung der Dinge“ wiederholen, aber es wird euch nicht gelingen, diesem zu entkommen. Es gilt daher: Nicht verweilen aber auch nicht verlassen, ständig agieren aber stets ruhen! Dies ist  wundersam, dies ist wahres Sein! Wenn du dich selbst loslassen kannst, dann wirst du dieses himmlisch (natürliche) Sein erkennen. [iv]


[i] Übersetzung von Guido Keller, Anglor Verlag; Chinesisch: 此乃通釋般若所以離過之意。謂般若真空所以永離諸過者。以此中清淨無物。故無五蘊之跡。不但無五蘊。亦無六根。不但無六根。亦無六塵。不但無六塵。亦無六識。斯則根塵識界。皆凡夫法。般若真空。總皆離之。故都云無。此則離凡夫法也。

[ii] 修行人要三业身、口、意无亏,六根眼、耳、鼻、舌、身、意清静,你无亏、清静了,才算是个清静的修行人。(活佛师尊慈语)

[iii] 你用心在修改自己了,才知道自己的盲点在那里;你承担了责任,受人事的琢磨,才知道火候有几分。如果你逃避现实,遇困难退却了,虽名得道,实是轮回道上的常客啊!徒啊,你要到什么时候才肯对自己负责,面对自己,进入真修实炼的地步呢?(活佛师尊慈语)

[iv] 为什么要「格物」?其实本来无一物,何须格,你如果悟透了,菩提自性,本来清静,那又有什么好格的,但你现在的确有了种种的心物,遮障得你不得清静,所以才说要格物。为师要问徒儿,你从懂得要修道以来,格物格了这么久,真格了什么吗?如果你不彻悟清静的本能与妙意,任你怎么格,都是在演一场反复修改、格物的戏,很难跳得出来,因此说『不即不离是妙境,常应常静是真机』,你把自己给放下了,便会发现这个天机。(活佛师尊慈语)

<–„Daher ist in der Leerheit keine „Form“, kein „Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung, Bewusstsein“, …“



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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