„Erlangen durch vollkommene Weisheit unübertroffenes vollständiges Erwachen“

Herz Sutra – „Erlangen durch vollkommene Weisheit unübertroffenes vollständiges Erwachen“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 30.06.2021

Die vollkommene Weisheit (Prajna Paramita) ist ein Begriff, den wir ja schon im Verlauf des Herz Sutras wiederholt vorgestellt haben. Die ganze Textgattung, zu der das Herz Sutra zählt, wird nach diesem Begriff benannt. Unser jetziger Vers handelt vom unübertroffenen vollständigen Erwachen (Sanskrit: anuttara samyak sambodhi), welches durch die vollkommene Weisheit erlangt wird.

Zunächst einmal: Wieso wird das Erwachen (Bodhi) mit den Adjektiven „unübertroffen, vollständig“ umrissen? Weil der Begriff „Erwachen“ mehrere Bedeutungen umfassen kann, er ist also etwas ungenau definiert. Es geht hier eben um Erfahrungen, bei denen die Sprache schnell an Grenzen stößt. Jedenfalls sieht man immer wieder, dass Erwachen ein Sammelbegriff für eine ganze Gruppe von Ereignissen oder Erlebnissen zu sein scheint.

Zum einen wird mit diesem Begriff der Status eines Geheilten, eines Arhats, als frei von mentalen Hindernissen und karmischen Lasten definiert. Dies ist die Erfahrung von Nirvana. Und zwar „mit Rückstand“ zu Lebzeiten, denn in seiner restlichen Lebenszeit ist sein konkreter menschlicher Körper noch eben dieser karmische Rückstand. Erinnern wir uns daran, dass auf der Ebene der „absoluten Wahrheit“ in der Buddhalehre die Umwelt und so auch der Körper leer sind. Anders gesagt sind sie „nur“ geistige Tatsachen, die aufgrund karmischer Bindungen wahrgenommen (und das im Wortsinn, eben „für wahr genommen“) werden. Die Wahrnehmung „mein Körper“ ist gewiss korrekt, aber in der Buddhalehre eben als nur „konventionelle Wahrheit“ klassifiziert. Geht dieses in zahllosen Vergangenheiten gewirkte Karma zu Ende, dann erwirkt sich ein Arhat auch kein neues mehr. Mit dem Ablegen dieses alten Körpers, mit dem Tod, gibt es für ihn kein neues karmisch verursachtes Werden mehr. Und das ist dann folgerichtig das Nirvana „ohne Rückstand“. Dann ist er ein Befreiter, und er kann sagen (in den Worten der Lehrreden): „Versiegt ist die Geburt, erfüllt der heilige Wandel, getan ist, was zu tun war, nichts weiteres gibt es mehr zu tun nach diesem hier.“ (Anguttara Nikaya 4.198, übersetzt von Nyanatiloka)

Dies ist das Erwachen eines Arhats. Ist dies aber wirklich identisch mit dem oben genannten „unübertroffenen vollständigen Erwachen“? Wir können uns immerhin an die Aussagen der diversen alten Traditionslinien halten und schauen, wie sie zusammenpassen. Die Mahayana-Schulen qualifizieren dieses Nirvana eines Arhats zusammen mit den eines Einzelerwachten klar als etwas anderes als das Anuttara-Samyak-Sambodhi eines Buddha und streben nur letzteres an. Für das Buddhatum werden tatsächlich ein wenig andere Worte verwendet. In der Lehrrede „Die Vertrauenerweckende“ (DN 28) zum Beispiel spricht Sariputra über die Gründe seines festen Vertrauens in die Buddhalehre. Für ihn ist völlig klar:

Wer auch immer in den vergangenen Zeiten Heilige, vollkommen Erwachte waren, alle diese Erhabenen haben die fünf Hemmungen, die das Gemüt beflecken, die Weisheit schwächen, vernichtet, […] haben so die höchste vollkommene Erwachung verwirklicht.

„Heilige, vollkommen Erwachte“ heißt es da also. Diese Standardbeschreibung eines Buddha enthält natürlich auch den Begriff Arhat (= geheilt, von daher die Übersetzung Heiliger), bleibt aber nicht dabei stehen. Man darf davon ausgehen, dass diese Lehrtexte sorgfältig zusammengestellt und geprüft wurden, die Formulierungen und Ausdrücke also eine exakte Terminologie darstellen. So haben wir also „Heilige“ und daneben „Heilige, vollkommen Erwachte“. Wichtig ist dazu noch zu bemerken, dass Gautama Buddha wiederholt betont, dass seine Schüler ihm in allem gleichkommen können. Wer nach seiner Anleitung aufrichtig praktiziert, kann ihm gleich werden.

Schauen wir uns einmal an, wie der Dalai Lama den Begriff „Erwachen“ (Bodhi) in seinen Vorträgen aus der tibetischen Tradition heraus erläutert. Das tibetische Mahayana definiert Bodhi als einen Zustand, in dem alle Beeinträchtigungen und Befleckungen des Geistes abgelegt und alle exzellenten Qualitäten vollendet wurden. Die Grundlage dafür, dass dies möglich ist, ist die letztlich reine Natur des Geistes, anders gesagt: die natürliche Reinheit des Geistes, die in jedem einzelnen Wesen schon angelegt ist. Ist unsere reine Natur des Geistes verdunkelt von den Hemmungen und Hindernissen, sind wir nicht erwacht. Haben wir diese Hemmungen und Hindernisse mitsamt ihren Samen und Anlagen bereinigt, erwachen wir. Bodhi ist nicht etwas, das uns von außen her überkommt, sondern es hat mit der Natur unseres Geistes zu tun.

In manchen Prajna Paramita Sutren wird diese ursprüngliche reine Natur des Geistes „natürliches Nirvana“ genannt. Hier finden wir auch die Aussage „der Geist ist leer von Geist, denn die Natur des Geistes ist klares Licht“. Diese Aussagen implizieren,  dass der Natur des Geistes keine Eigenexistenz zukommt. Der Geist gewöhnlicher Wesen wurde nicht von Befleckungen bereinigt, während die Natur des Geistes eines Buddha völlig rein und klar ist.

Im „Dharmadathu-Stava“ von Meister Nagarjuna lautet ein Vers:

„Wenn das, welches die Ursachen allen Kreisens im Samsara ist, bereinigt ist, ist diese Reinheit selbst Nirvana, und eben dies ist auch der Dharmakaya.“

Hier wird Nirvana, das Thema unseres letzten Beitrags, direkt als der „Wahrheitskörper“ (Dharmakaya) eines Buddha charakterisiert. Und wie ist dieser wiederum zu verstehen? Als die letztendliche endgültige Befreiung und die Leerheit des perfekt gereinigten Geistes. Dies ist die Bedeutung des Wortes „Erwachen“.

Die Geistesverfassung bestimmt das Ergebnis. Wesentlich für eine zielführende Praxis ist es zu begreifen, welche Einstellung zu welchem Ergebnis führt.

Viele Übende hegen oft ein Hängen an, ein Streben nach dem Erwachen. Damit legt man sich selbst Blockaden auf. Dies kann zwei Fallen verursachen. Entweder man merkt, man ist nicht erwacht, zweifelt daraufhin an der Möglichkeit des Erwachens überhaupt, fühlt sich unsicher und fragt sich, ob man überhaupt richtig praktiziert. Oder man erlebt manche mystische Erfahrungen in der Versenkung und ist daraufhin fest überzeugt, dass man schon erwacht ist. Einmal setzt man also das Erwachenserlebnis zu hoch an und hält es für unerreichbar, im anderen Fall setzt man es zu niedrig an und verwendet den Begriff inflationär für Erlebnisse, die nichts weiter an sich haben. Im ersten Fall leidet die Motivation zu praktizieren und vor allem, die Lehre mit anderen zu teilen. Der Zweifel wird zum Hindernis. Im zweiten Fall liegt die Gefahr des Dünkels vor, etwas zu beanspruchen, das man nicht erreicht hat.

Im beiden Fällen herrscht somit das Unwissen. Die Vorstellung „ich bin nicht erwacht“ oder „ich bin erwacht“ sind beide gleichermaßen Trugbilder. Sie beide hat Buddha Gautama als hinderlich für das Erreichen des vollkommenen Erwachens definiert. Im Diamant Sutra lesen wir: Der Arhat, der den Gedanken „ich habe die Arhatschaft erlangt“ hegt, verfällt in die Trugbilder von „Ich“, „Mensch“, „gewöhnlichen Wesen“ und „Sterblichen“. Dieser Satz trifft genau den Wesenskern der Buddhalehre: Wenn eines der drei grundlegenden Merkmale oder Siegel der Lehre das Nicht-selbst (Anatta) ist, wer erlangt dann irgend etwas? Wer also noch ein Ich fühlt, das besser oder schlechter als andere ist, oder einen Mensch anhand seinen menschlichen Merkmalen beurteilt, oder gewöhnliche und heilige Wesen differenziert betrachtet und zwischen sterblich und unsterblich unterscheidet, kann also nicht wirklich den Zustand des Erwachens verwirklichen.

Die Sicht des Chan (Zen) macht es einfach. Huineng sagte im Podium Sutra: „Ist der Geist in diesem Moment aufrichtig, ist es Erwachen, ist er im nächsten Moment getrübt, ist er verblendet.“ Verblendung, das zeigt sich in all den Ab – und Zuneigungen des Gemüts. In dem Moment ist der Geist von der falschen Sicht der Dinge geprägt. Im nächsten Moment kann der Geist diese Trübungen schon nicht mehr haben – dann ist er erwacht. So gesehen, haben bereits viele Menschen in ihrem Leben schon öfters das Erwachen erlebt, ohne sich darüber bewusst zu sein. Man geht fehl, wenn man sich das Erwachen zu mystisch oder abgehoben oder unerreichbar vorstellt. Die ganze Praxis also am einfachsten ausgedrückt: Erkenne den erwachten Zustand und bewahre ihn! Kommt es zu einer Trübung: Bemerke sie, hänge dich nicht daran auf und kehre wieder zum erwachten Zustand zurück!

Was mögen denn die Gründe dafür sein, dass man das Erwachen als mystisch oder abgehoben sieht? Hierzu einige grundsätzliche Reflexionen:

Zum einen klingen alle diese Beschreibungen in den Überlieferungen der Buddhalehre für uns unweigerlich exotisch und fremd. Die große kulturelle Kluft darf nicht unterschätzt werden, übrigens nicht nur zu unserer industrialisierten Welt heute, sondern auch zwischen dem antiken Indien Gautamas, dem späteren Indien der Mahayana-Meister, dem mittelalterlichen Tibet, China, Japan untereinander. Dennoch denkt man wohl, man müsse den gleichen Weg gehen wie Gautama Buddha und seine Mönchsschüler? Schließlich möchte man doch die Methode des Lehrers befolgen und wagt es nicht, selbst einen Weg zu erfinden. Oder? Das ist verständlich und gerechtfertigt. Allerdings hat man eben auch zu bedenken, welche kulturellen Verhältnisse damals in den jeweiligen asiatischen Ländern herrschten und welche Ziele Buddha und die diversen Bodhisattvas verfolgten. Man muss sich daher fragen: Lebe ich in ähnlichen kulturellen Verhältnissen? Wohl kaum. Und verfolge ich die gleichen Ziele? Das ist schon eine genauere Betrachtung wert. Der Buddhismus entfaltete im Laufe der Zeit ja gerade deshalb verschiedene Schulrichtungen, weil die Praktizierenden sich diese Fragen gestellt haben und die Buddhalehre an die jeweiligen Verhältnisse und Ziele angepasst haben, damit sie ihren Sinn erfüllen kann. Es ist daher wichtig, eben diesen Sinn richtig zu begreifen, um für sich den richtigen Weg zu finden. Vorgefundene Wege blind zu kopieren und zu verfolgen, könnte zu Schwierigkeiten führen, da unterschiedliche Menschen und Kulturen unterschiedliche Hindernisse zu überwinden haben.

So hat sich in der Institution „Buddhismus“ das Mönchstum so breit etabliert und durchgesetzt, dass man oft schon die Begriffe „Buddhist“ und „Mönch“ gleichsetzt. Dass die Buddhalehre 2500 Jahre überlebt hat, ist gewiss das Verdienst der Mönchsorden. Gleichzeitig hat diese Überlieferung durch ordinierte Mönche aber den Ton und die  Färbung insofern beeinflusst, als dass die Laienpraxis abgewertet wurde. Historisch gab es Zeiten, zu denen die Laien gar nicht mehr als Nachfolger gezählt wurden. „Erwachen wäre nur als ordinierter Mönch möglich, Laien sollen froh sein, wenn sie dem Kloster spenden können, denn das ist guter Verdienst.“ Damit haben die guten Leute halt Gautama Buddha selbst direkt widersprochen, den Dharma beschädigt und sogar noch die Sangha gespalten.

Denn eine Evaluierung der ursprünglichen Lehrreden zeigt, dass die Zahl derjenigen Gesprächspartner Gautamas, die zu ihm Vertrauen fassen, Zuflucht nehmen und dann ganz selbstverständlich ihr Leben weiterführen die Zahl derer, die unter ihm Bhikkhus werden, weit übersteigt. Von Gautama selbst wird die Sangha immer vierfach unterteilt beschrieben: Mönche und Nonnen, männliche und weibliche Laien. Die Laienpraxis geht in einer mönchslastigen Überlieferung völlig unter, dabei hat Gautama bei „Laien“ andere Übungsschwerpunkte gesetzt als bei Bhikkhus. Wenn in der heutigen Gesellschaft diese Unterschiede verwischt werden und man halb nach Mönchsregeln leben und üben will, macht man es sich schwer und kompliziert statt einfach. Fortschritt wird sich kaum einstellen, und man schlägt dazu auch noch die Anleitungen Gautama Buddhas in den Wind.

In gleicher Weise untergegangen ist die von Gautama gewünschte Herangehensweise an seine Lehre durch Neulinge. Zu manchen seiner Zeitgenossen, die Streitereien zwischen Weltanschauungen und Sekten zur Genüge miterlebt haben und ihm gegenüber skeptisch sind, sagt er:

„Geht … nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters.“ (Anguttara Nikaya 3.66)

Sondern? Was bleibt denn da übrig außer Nihilismus? Die Antwort ist eigentlich einfach. Der Kandidat soll bei sich selbst anfangen und prüfen:

„Wenn ihr selbst erkennt: Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zum Segen und Wohl – dann mögt ihr sie euch zu eigen machen.“ (Anguttara Nikaya 3.66)

Ich kenne keine einzige Stelle in den Lehrreden, in denen Gautama von sich aus zu Hauslosigkeit und Askese, also den Mönchsweg, auffordert. Er lehrt einfach den Dharma, unterschiedslos zu allen, die hören möchten. Und wer selbst dazu bereit ist und den Wunsch dazu äußert, nur den ordiniert er als Mönch. Welche Praxis legt er den Laien (Die Pali Wörter upasaka oder upasika bedeutet Haushälter/-in, der/die eben ein Haus = Familie hat, im Sinne auch von Bürger, Mitglieder der Gesellschaft) nahe? Unsere Lehrrede fährt so fort, dass er den versammelten Anwesenden die Übung und Entfaltung der vier „göttlichen Verweilungen“ als diese „heilsamen, untadeligen Dinge, die zu Segen und Wohl führen“ lehrt: Güte, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut. Durch die Betonung der Mönchsorden im Laufe der Geschichte wurde also die ganze Präsentation der Buddhalehre verzerrt in Richtung Hauslosigkeit und Askese.

Mit dem Aufkommen des Bodhisattva-Ideals in späteren Jahrhunderten lässt sich das alles aber auch anders verstehen. Richtig verstanden, steht dieser Bodhisattvaweg fest auf den Grundlagen der Aussagen und Lehren Gautama Buddhas. Dieser vermeidet viele Fallen, die sich durch ein verändertes kulturelles Umfeld und die einseitige Betonung von Hauslosigkeit und Mönchstum auftun können und die Praxis erschweren. Es war z. B. in Indien gang und gäbe, an den Kreislauf von Wiedergeburten zu glauben. Die Motivation des jungen Siddharta Gautama, in die Hauslosigkeit zu gehen und als Asket zu praktizieren, lag in der Erlösung vom Leid. So teilen es uns die antiken Texte mit. Gesetzt nun, er hat sein Ziel erreicht, und wünscht, auch andere zu diesem Ziel anzuleiten, dann machte es in seinem kulturellen Umfeld Sinn für ihn, zu verkünden: Das Erwachen kann den Kreislauf der Wiedergeburten beenden.

Spricht das viele Menschen heute an? Wieviele praktizieren eigentlich in der heutigen Gesellschaft, um den Kreislauf der Wiedergeburten zu beenden? Dies sind vermutlich nicht viele. Sehr leicht gelangen wir, wenn wir an den Worten anhaften, zu folgender geläufigen Zusammenfassung der Buddhalehre: Um den Daseinskreislauf zu beenden, geben die buddhistischen Mönche ihre Familie, ihren Beruf auf, um zurückgezogen (in Askese) die Sinnesbegierden zu löschen. Sie üben tagtäglich die Versenkung, um das körperliche Sein zu überwinden. Letztlich müssen sie auch noch ihr Bewusstsein überwinden, um auch nicht in den formlosen Welten zu existieren. Sie geben alles auf, weil sie denken, dass alle diese Existenzen Leiden bringen.

Das wäre ein Streben, nämlich nach dem „Nirvana ohne Rückstand“. So weit so gut, es wirkt oberflächlich auch ganz stimmig, aber mit dem „Streben nach Erlöschung“ hapert es schon. Denn so hätte es Gautama in den Lehrreden auch nie ausgedrückt. Er hätte in etwa gesagt: „Bringe jedes Streben zum Erlöschen.“ Das wäre korrekter, und das ist übrigens in der Pali-Sprache eben fast wörtlich „Nirvana“.

Für die authentischen Meister des Mahayana, des Bodhisattva-Fahrzeugs, ist die obige Zusammenfassung der Buddhalehre eindeutig das, was sie Hinayana nennen. Die Unterschiede mögen klein erscheinen, aber dieses Verständnis ist das „geringere/mindere Fahrzeug“. Was der spätere Sanskrit-Buddhismus Hinayana nennt, hat Gautama in den Lehrreden bei seinen Schülern als Vernichtungsglaube oder Nihilismus, also als „extreme Ansicht“ und falsches Lehrverständnis getadelt.

Überlegen wir uns einmal, was die Fallstricke eines solchen mangelhaften Verständnisses der Lehre sind. Ist man dem Sinnlichem, Körperlichem oder Geistigem mehr geneigt als man vielleicht selber meint und strebt dennoch im obigen Sinn nach Erlöschung, nach Aufhören, nach Nirvana, dann ist die Gefahr, auf Abwege oder in Extreme zu geraten, unvermeidlich. Womöglich trennt man sich durch unausgewogene, übereifrige Askese von den Wurzeln der sinnlichen, emotionalen und ja sogar gedanklichen Ebenen. Gelingt es einem solchen Praktizierenden nicht, zur Befreiung zu gelangen, dann verfällt er stattdessen womöglich immer mehr in unsoziale, gefühls- und gedankenarme Daseinsweisen. Karmische Beziehungen, die er vermeintlich, aber nicht wirklich, aufgegeben hat, gestalten sich wohl in noch kompliziertere, schwierigere Formen um. All das sind dann keine günstigen Bedingungen mehr für eine weitere effektive Praxis. Schafft er es aber an sein Ziel, also vermeintlich „das Nirvana zu erlangen“, wie sieht seine Errungenschaft dann aus? Da sein Wille von Anfang an auf die eigene Befreiung von Samsara fokussiert war, entspricht diese Errungenschaft eben auch genau diesem Willen. Der Geist bestimmt das Produkt, oder in anderen Worten: Der Gegenstand des Willens und der Motivation zur Praxis bestimmt Weg und Ziel.

In diesem Zusammenhang kennt die Sanskrit-Tradition drei Begriffe, in die die Wege zum Erwachen eingeteilt werden. Da sind zunächst der Sravaka und der Pratyekabuddha. Ersteres bedeutet „Hörer“, nämlich Hörer der Worte Buddhas, letzteres ist ein Einzelerwachter. Er hat es also auf eigene Faust geschafft zu erwachen, ist aber nicht imstande, zu lehren. In den Lehrreden ist dies auch alles, was dazu gesagt wird, unabhängig von ihrem Lehrverständnis. In den Sanskrit Schriften wurden diese Begriffe weiter entwickelt. Hier heißt es vom Sravaka, er wurde durch das Erwägen der vier edlen Wahrheiten zum Weg motiviert, während der Pratyekabuddha von Betrachtungen über die Bedingungskette angezogen wurde. Hier klingt auch wieder durch, dass die beiden von einem Wunsch nach Leidesüberwindung angetrieben wurden, und einer klaren dualistischen Vorstellung von Samsara („das will ich nicht“) und Nirvana („ja, das will ich“). Wenn sie aber eine solche Denkweise haben, bedeutet das doch, dass sie an der Vorstellung eines Nirvana hängen? Leider ist dies aber eindeutig eine Anhaftung, und als solche gehört es immer noch zur falschen Sicht.

Der dritte Begriff ist der des Bodhisattva. Dieser Begriff ist mit seinen verschiedenen Bedeutungsnuancen bereits besprochen worden, daher können wir uns jetzt auf den entsprechenden Weg und die Motivation konzentrieren. Er wird von Weisheit und Mitgefühl bewegt. Dies ist seine Motivation zur Praxis. Weisheit und Mitgefühl machen das Wesen des Bodhicitta aus, des „Geistes des Erwachens“. Die Verwandtschaft zu den vier Verweilungen ist offensichtlich sehr eng. Die Geisteshaltung eines Bodhisattva wurde in diesen vier „großen Willensbekundungen“ ausgedrückt:

[Ich] Gelobe, die Lebewesen, zahllos, im Geiste zu befreien.
[Ich] Gelobe, die Trübungen im Geiste restlos auszulöschen.
[Ich] Gelobe, die Lehre im Geiste endlos zu studieren.
[Ich] Gelobe, im Geiste das allerhöchste Buddhawesen zu erlangen.[1]

Der Spezifische Zusatz „im Geiste“ ist eigentlich nur eine Verdeutlichung des Gemeinten, oft wird sie weggelassen. Eben da geht es nur um die rechte Sicht. Man könnte damit aber auch eine falsche Sicht herbeiführen, nämlich dass es ohnehin nur um die Innenwelt geht und man sich nicht um die Außenwelt kümmern braucht. Das wäre erst recht wieder das Hinayana. Im Podium Sutra fügt sie Chan-Meister Huineng in seinem öffentlichen Lehrvortrag ganz betont hinzu, nachdem er die Eide zuvor ohne den Zusatz vom Publikum sprechen ließ. Warum dies? Mit diesem Griff hat er „im Geiste“ noch mehr betont. Mit der richtigen Sicht ist einem ja bewusst, dass alle Dinge vom Geist bewegt werden. Dann klingt das wie überflüssig. Rutscht man aber von dieser Sichtweise wieder ab und denkt dualistisch an eine Welt da draußen, hat man alles verdreht. Zum Beispiel zu geloben, alle Wesen zu befreien, ist dann plötzlich Größenwahn und Hochmut, wenn doch die Buddhas selbst nach eigener Aussage nur anleiten können und Wegbereiter sind. Diese Gelübde macht man aus wahrem Mitgefühl heraus. Hegt man dieses, dann ist es kein Hochmut oder Größenwahn, sondern ein Herzenswunsch. Hält man sich zurück oder wagt man es nicht zu äußern, so kann sich das Bodhicitta nicht vollständig entfalten. Es geht darum, ob man bereit ist, alles zu geben, um das Unmögliche zu ermöglichen. Dabei vollzieht sich erst der Prozess des vollständigen Loslassens im Geiste.

So kann man alles falsch auffassen, wenn man nur die Worte anschaut, ohne sich auf den Sinnzusammenhang einzulassen. Der Geist wird von der Sorge um das eigene Selbst und dem anhaftenden Denken an eine stille Erlöschung weggebracht, und das Gemüt öffnet sich für die ganze Welt in ihren schillernden Facetten. Meint man es mit dieser Willensbekundung oder auch Einstellung ernst, sprießen Fähigkeiten wie Mitgefühl, Güte und Weisheit schon in diesem alltäglichen Leben mit wenig Mühe und Anstrengung, fast von selbst. Zuerst nur unscheinbar, in ganz kleinen Begebenheiten, fällt es einem langsam selbst auf. Man darf sich nicht mit gewaltigen Ansprüchen an sich überfordern, es ist ein ganz natürlicher Prozess. Und doch gilt auch für winzige, unscheinbare Zuwächse an Weisheit und Mitgefühl: Ein unvorstellbar langer Praxisweg als Bodhisattva bricht an. Bodhisattvas sollten nicht als übernatürliche Superhelden missverstanden werden. Das wäre schade um ihre Funktion als bodenständiges Vorbild. Alle solche Begriffe sind beweglich und fließen in der Bedeutung. Das eine Extrem ist, jeden Bodhisattva zu nennen, der einer alten Dame die Einkäufe die Treppe hoch trägt, das andere, den Begriff kaum noch von dem eines Buddhas zu unterscheiden. Man kann die Messlatte zu niedrig und zu hoch ansetzen, beides mal blockiert man sich selbst.

Alle diese Ausführungen kommen immer wieder auf die Wandlung des Geistes zurück, diese ist „der Weisheit letzter Schluss“. Kreist alles um das eigene Selbst, oder nimmt vielmehr das ganze Universum die Stelle des eigenen Selbst ein? Das klingt unmöglich und vermessen, aber damit ist eben Bodhicitta auf den Punkt gebracht. Verwirklicht man dies, ist es dann das „unübertreffliche vollkommene Erwachen durch die vollkomme Weisheit“.

Obwohl der ganze heutige institutionelle Buddhismus, auch die dezidierten Mahayana Schulen, real viel zu kloster- und mönchslastig ist, haben wir schon gesehen, dass das weder der eigenen Absicht Gautamas und noch viel weniger dem Bodhisattva-Ideal entspricht. Die eigentliche tiefe Buddhalehre ist immer die eine gleiche (Buddhayana). Wenn wir uns nochmals an die drei Praxiswege erinnern, scheint der letzte, der Bodhisattvaweg, doch wie gemacht für im normalen Leben stehende Laien.

Legt man den Fokus von den vier edlen Wahrheiten und der 12-fachen Bedingungskette weg und dafür auf Weisheit und Mitgefühl, dann klingt die Lehre überhaupt nicht mehr pessimistisch, nihilistisch oder asketisch. Und wenn man als Laie wohl unterscheidet, wie Buddha Gautama die Mönche (das sind die meisten Anweisungen und Übungen) und die Laien (das sind wenige Texte, aber das ist eben bedingt durch den Filter der klösterlichen Überlieferung) auf ihrem jeweiligen Weg anleitete, und sich an letzteren orientiert, kann man sich einer soliden Basis sicher sein, muss keine Bedenken vor Abwegen und Extremen haben. Und es gibt keinen Grund, sich gegenüber dem Mönchsweg zweitrangig zu fühlen. 

Dazu ein Zitat vom Erhabenen Lehrer:

Liebe Schüler, schlaft nicht weiter. Zigtausende Jahre schon geträumt, es ist Zeit aufzuwachen. Der Weg, sich selbst zu wecken, ist zwar weit, aber die Richtung und Geschwindigkeit des Fortschritts kann von euch selbst bestimmt werden. Die einzige Hoffnung für das Geistwesen besteht darin, sich weiterzuentwickeln. Im ganzen Leben erleben und entfalten wir uns selbst. Sämtliche Umstände des Lebens, alle Geschmäcker – sauer, süß, bitter, scharf – sind eure eigene Wahl. Die Selbstnatur kann sich durch diese von Körper und Geist angenommenen Geschmäcker und schmerzhaften, traurige Ereignisse weiter entwickeln. Diese Schmerzen und Trauer sind nur Einbildung des Körpers und des Geistes. In der Tat freut sich die Selbstnatur, sich dadurch selbst zu verwirklichen.

Die Reise des Lebens ist eine Reise der Schöpfung. Die Bedürfnisse der Selbstnatur, des Geistes und des Körpers sind unterschiedlich. Jeder hat in jedem Leben bestimmte Lektionen zu lernen. Lernt er diese in diesem Leben nicht oder nicht tiefgründig, wird er sie im nächsten Leben weiter studieren, bis er sie begriffen hat. Das ultimative Ziel jeder Lektion ist es zu lernen, die Liebe zu entfalten, um zu zeigen, wer dieses Ich ist. Begreift das Leben (den Sinn des Lebens), erkennt das ursprüngliche Sein, d. h. den Geist klären und das natürliche Wesen sehen. Die Bodhi-Selbstnatur ist an sich erwacht, klar und rein. Verwirkliche mit diesem Geist direkt das Buddhatum. Für die Dao-Praxis ist der richtige Geist wesentlich. Dadurch ist man sich über die Richtung im Klaren. Erlöse die eigene Natur vom klaren, reinen Urgeist aus. Erfahre dieses wahre Selbst in der Soheit: ein Teil des Universums, des großen Ichs.

Diese Selbstnatur ist bei jedem gleich und eine Einheit. Selbst erwachen und andere wecken, so dass sowohl das Erwachen als auch die Handlung die höchste Vollkommenheit erreichen. Ich hoffe, dass die Schüler auf der Reise des Lebens sich selbst erfahren und weiter entwickeln sowie anhand einer Reihe von Geschmäckern des Lebens Wahrheit und Illusion begreifen. Wenn du das gegenwärtige Selbst vollständig akzeptieren kannst, wirst du feststellen, dass diese schweren Belastungen am Herzen aus der Vergangenheit auf einmal wie verschwunden und Körper und Geist um ein Vielfaches erleichtert sind.[2]


[1] 众生无边誓愿度,烦恼无边誓愿断,法门无尽誓愿学,无上佛道誓愿成。

[2] 徒儿啊,该醒来了吧,别再睡了,六万年来的梦,也是该醒来的时候,唤醒自己这一条路,虽然路途遥远,但前进的方向和速度,全由自己决定,灵性唯一的希望,是向前演化,我们这一生,都在体验自己、创造自己。人生境遇的、酸、甜、苦、辣,全由自己选择,自性藉着自己身心所认为的、酸、甜、苦、辣、来体验不同的滋味,与提升自己那些痛苦与悲哀的事,只是身心认为他很痛苦,很悲哀而已,实际上『自性却觉得喜悦』因为全都是在成就自己。生命的旅程,是一个创造的旅程、性、心、身、三者的所需皆不同,每个人每一世,都有属于自己必须学习的功课,这一世学不会、学不透澈,下辈子还是会继续,来学习这一项功课,直到学会为止,每项功课的最终目的,也都是在学习爱,为了表现出我就是谁。清楚明白自己的生命,悟出自己本来的面目,也就是明心见性。菩提自性,本来清净,但用此心,直了成佛,修道必须用对心,清楚心灵的运作方向,从清净的本心当中,自性自度,体验如如本是的真正自己,是大我宇宙的一部份。这点自性,人人平等,同是一体,觉己而后觉他,达到觉行圆满的最高境界,希望徒儿能在人生旅程中,体验自己、创造自己,从一连串的人生滋味中,了悟真相及幻象,当你对当下的自我,完全接受时,就会发现过去心中,那些沉重的包袱,好像一下子就消失了,身心顿时轻松许多。(活佛师尊慈语)



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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