Vorweihnachtliche Besinnungen (1): „Ein seltsamer Zimmermann“



„Und als es Sabbat geworden war, begann er in der Synagoge zu lehren und viele Hörende waren vor den Kopf gestoßen, sprechend: Woher ist diesem dieses? Und welches ist die Weisheit, die diesem gegebene – und solche Machttaten, durch seine Hände geschehend? Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und Bruder von Jakobus und Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm.“

Von merkwürdigen Begebenheiten im Judäa und Galiläa, vor 2000 Jahren, erfahren wir hier aus dem Markusevangelium. Dem Protagonisten ist kurz zuvor etwas ungewöhnliches passiert: Er lässt sich wie unzählige andere von einem seltsamen Asketen namens Johannes im Jordan rituell eintauchen „zur Ablassung von Verfehlungen“. Dann geschah folgendes:

„Und geradewegs, als er aus dem Wasser herausstieg, sah er, dass sich die Himmel spalteten und dass der Geist wie eine Taube herabstieg auf ihn. Und eine Stimme geschah in den Himmeln: Du bist mein Sohn, der geliebte. An dir habe ich nur Gutes gefunden. Und sofort wirft ihn der Geist in die Einöde hinaus.“

Was passierte denn da? Dieser Zimmermann namens Jeschuah, auf Griechisch Iesous, auf lateinisch Jesus, aus der Kleinstadt Nazareth, lebte zuvor ungefähr 30 Jahre lang ein vollkommen unauffälliges Leben. Wir hören absolut nichts von religiösen Studien, nichts von Gelehrsamkeit, von irgendwelchen asketischen Übungen oder Meditationsübungen. Aber nach dem oben beschriebenen Ereignis im Jordan geht es plötzlich rund:

„Und entlangziehend am Meer Galiläas sah er Simon und Andreas, den Bruder Simons, Netze auswerfend auf dem Meer. Sie waren nämlich Fischer. Und es sagte ihnen Jesus: Hierher! Hinter mir her! Und ich werde machen, dass ihr Fischer von Menschen werdet! Und sofort die Netze verlassend folgten Sie ihm.“

Ohne formale religiöse Ausbildung, also eigentlich ohne offizielle Berechtigung geht der Protagonist mit seinen neugewonnenen Schülern sodann direkt in die umliegenden Synagogen, um Lehrvorträge zu halten:

„Und sie waren vor den Kopf gestoßen wegen seiner Lehre. Er war nämlich sie lehrend wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftkundigen. Und sofort war in ihrer Synagoge ein Mensch in unreinem Geist, und er begann aufzuschreien, sprechend: „Was ist zwischen uns und dir, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich kenne dich, ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes.“ Und es wies ihn Jesus in die Schranken, sprechend: Verstumme und geh aus ihm heraus! Und ihn hin und her reißend und mit lauter Stimme rufend ging der unreine Geist aus ihm heraus. Und sie wurden alle von Schrecken ergriffen, so, dass sie miteinander Erklärung suchten, sprechend: Was ist das? Eine neue Lehre gemäß Vollmacht?“

„…und nicht wie die Schriftkundigen.“ Markus gestattet sich hier einen Seitenhieb gegen eine leblose, erstarrte Stubengelehrsamkeit. Und es ist ja gerade bei spirituellen Themen sofort zu merken, ob der Vortragende inspiriert ist, aus eigenem Erleben weiß, von was er spricht, oder bloß die Erfahrungen anderer wiederkäut. Von diesem Zimmermann Jesus hingegen wurde oben ja berichtet, wie er im Jordan wortwörtlich „be-geistert“ wurde.

Ein zeitgenössischer chinesischer Gelehrter hätte dazu wohl gesagt, dass hier anscheinend ein Mann aus dem Volk plötzlich ein Himmelsmandat, um das Dao zu lehren, erhalten hat. Der Zimmermann Jesus ist nach den Texten nicht selbst aktiv geworden, etwas Gewaltiges, Unbegreifliches scheint vielmehr von ihm Besitz ergriffen und ihn zu seinen Aktionen angetrieben zu haben. Seine eigenen Verwandten und Freunde sorgten sich um seine geistige Gesundheit, und seine Gegner waren schnell mit dem Vorwurf zur Hand, er wäre besessen:

„Und als die Seinen das hörten, zogen sie aus, sich seiner zu bemächtigen. Sie sagten nämlich, dass er außer sich sei. Und die Schriftkundigen, die von Jerusalem hinabstiegen, sagten, dass er Beelzebul habe und dass er durch den Herrscher der Dämonischen die Dämonischen hinauswerfe.“

Es ist also nicht lustig, ein „Himmelsmandat“ zu kriegen. Wer wahrhaftig ehrlich und authentisch seinen Weg geht, wirbelt ordentlich Staub auf und bekommt Schwierigkeiten mit seiner Umwelt. Umso wichtiger ist es, da zu unterscheiden, ob man seinen persönlichen Spinnereien und Neigungen freien Lauf lässt oder ob es um wirklich wesentliches geht. Ob man sich also sozusagen in den Dienst eines höheren stellt. Dies ungeachtet der Konsequenzen. Weil es einem einfach richtig erscheint. Letzteres war wohl bei Jesus dem Nazarener der Fall.

–> Fortsetzung: Vorweihnachtliche Besinnungen (2): „Die vier guten Botschafter“



Kategorien:Christentum

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