Vorweihnachtliche Besinnungen (2): „Die vier guten Botschafter“



Betrachten wir heute einmal die Form, in der uns diese „gute Botschaft“ (griechisch Eu-Angelion, lateinisch wurde daraus Evangelium) überliefert wurde. Dieses Wort ist in der antiken Literatur geläufig: So wurden etwa Bekanntmachungen gewonnener Schlachten, Geburten von Thronfolgern, Schuldenerlässe, Getreidespenden usw. genannt.

Nun tauchte plötzlich eine Literaturgattung dieses Namens auf. Sie zeichnete sich durch eine eigenwillige Vermischung von Stilmitteln aus:

• Grundsätzlich scheint es eine Biografie zu sein, aber wir erfahren fast nichts über das Leben der Hauptperson.

• Ist es eine philosophische Darstellung? Wir erfahren wenig darüber, was die Hauptperson eigentlich lehrte. Dafür gibt es zahlreiche Gleichnisse, die aber geschickt so gestaltet sind, dass sie vielfältige Deutungen erlauben.

• Viele Wunder werden szenenhaft geschildert. Das wirkt an vielen Stellen wie ein Bühnenschauspiel. Die Zeitgenossen muss das stark an Tragödien, wie die eines Euripides oder Sophokles, erinnert haben.

• Man bemerkt auch Anspielungen auf antike Mysteriendramen, wie sie in antiken Kultgemeinschaften zur Belehrung und Einführung neuer Kandidaten aufgeführt wurden.

In den ersten Jahrhunderten entstanden zahlreiche Evangelien. Von der entstehenden Kirche wurden später vier davon ausgesucht und als kanonisch festgelegt: die von Markus, Matthäus, Lukas, Johannes. Das sind ein römischer, ein griechischer und zwei hebräische Eigennamen, was die Bevölkerungsstruktur an diesem Ort und zu dieser Zeit perfekt abbildet. Als Teil des römischen Reiches war die Administration und Exekutive in der Hand einer lateinischsprachigen Oberschicht. Die neugierigen, flexiblen und geschäftstüchtigen Griechen waren nach ihrer Unterwerfung durch die römischen Armeen überall im Reich anzutreffen. Sie trieben Handel, interessierten sich für die Überlieferungen anderer Völker und verbreiteten ihre eigene Kultur so erfolgreich überallhin, dass sie ihre Eroberer schließlich kulturell eroberten und griechisch statt lateinisch die Verkehrssprache des Reiches wurde. Auch alle Evangelien sind auf Griechisch verfasst.

Stellen wir die vier Evangelisten nun der Reihe nach vor.

• Der Urheber des ersten, aus dem alle bisherigen Zitate kommen, trägt einen der häufigsten römischen Namen überhaupt. Sein Griechisch ist zwar nicht so schlecht wie oft behauptet wird. Es ist aber auch gewiss nicht muttersprachlich. Er scheint also Römer zu sein. Unsere Zitate oben sind der neuen wörtlichen Übersetzung des Projekts „Frankfurter neues Testament“ entnommen. Die Eigenheiten der Sprache des Markus treten hier deutlich zutage: kurze, abgehackt wirkende Sätze, eine gewisse Spannung durch ein ständiges „sofort“, „und gleich“, eine einfache und direkte Sprache. Die Herausgeber vertreten die Ansicht, dass dies nicht (nur) an mangelhaften Griechischkenntnissen liegt, sondern auch ein bewusst von Markus eingesetztes Stilmittel ist. Auf die jüdische Kultur seiner Zeit hat er die Sichtweise eines Außenstehenden, und er erklärt den Lesern seines Evangeliums sorgfältig die jüdischen Sitten und Gebräuche. Dafür verwendet er römische Dienstränge und Begriffe mit Geläufigkeit, ohne sie zu erläutern oder zu übersetzen. Man kann sich in ihm also gut einen römischen Soldaten vorstellen, der während seiner Dienstzeit in Judäa den Meister Jesus selbst erlebt hat und sein Anhänger wurde.

• Matthäus sodann ist ein hebräischer Name, und tatsächlich ist sein Evangelium am meisten im alten Testament und im Judentum verankert. Bei ihm wirkt Jesus von Nazareth wie ein frommer Rabbi, während er bei Markus an einen griechisch-römischen Göttersohn und Heilsbringer erinnert. Von der katholischen Kirche wurde sein Evangelium traditionell am meisten geschätzt. Sein Griechisch klingt ebenfalls fremd. Wir dürfen gewiss einen jüdischen Hintergrund bei ihm annehmen.

• Lukas sodann ist ein griechischer Name, und tatsächlich ist sein griechisch tadellos und das eines Muttersprachlers. Darin ist er die Ausnahme unter den vier Evangelisten. Er kennt sowohl das Judentum als auch die griechische Kultur als Insider. Man kann sich unter ihm also einen gebildeten Griechen vorstellen, der mit dem jüdischen Glauben sympathisierte, viel mit Juden verkehrte und eventuell sogar zum Judentum übertrat. Sein Evangelium folgt am meisten dem Aufbau einer Biografie. Er bringt als einziger die Geburtsgeschichte, das berühmte Weihnachtsevangelium. Sonst ist es dem Matthäusevangelium sehr ähnlich: 70 % des Textes ist geradezu identisch.

• Zuletzt Johannes: ein sehr häufiger hebräischer Name in dieser Zeit. Den jüdischen Hintergrund merkt man seinem Evangelium noch an, aber vor allem ist es durchtränkt von griechischer Symbolik und (neu)platonischem Gedankengut. Der Autor scheint mit den rabbinischen Autoritäten sehr schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, denn man findet bei ihm sehr negative Bemerkungen über „die Juden“, die auf persönliche Kränkungen schließen lassen. Sein Evangelium unterscheidet sich merklich von den drei anderen und besteht zum großen Teil aus langen Reden von Jesus, die mystisch und meditativ klingen. So viel also zu der Form, in der uns die Nachricht von jenem Zimmermann, der anfing zu predigen, überliefert wurde.

–> Fortsetzung: Vorweihnachtliche Besinnungen (3): „Wer also war Jesus?“



Kategorien:Christentum

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