——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus
Wir kommen nun zum ersten Gründer der Caodong-Schule (Jap.: Soto-shu) — Dongshan Liangjia, wörtlich „Der Wertvolle vom Grottenberg“ (807–869 n. Chr.). Nennen wir ihn einfach „der Wertvolle“.
Er war Sohn der Familie Yu aus der Präfektur Kuaiji (heute hauptsächlich in der Provinz Zhejiang) im Südosten des Tang-Kaiserreichs. Als Kind lernte er bei einem Lehrer im Dorf, das Herzsutra zu rezitieren, was ihm schnell gelang, doch verstand er den Inhalt nicht gänzlich.
Eines Tages fragte er den Lehrer, während er seine Hände auf sein Gesicht legte: „Das Sutra spricht von ‚Kein Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist‘. Aber ich habe sie doch alle. Was meint das Sutra damit, dass es diese nicht gibt?“
Der Dorflehrer war von dieser Frage überrascht und erkannte das große Talent des Schülers. Da er sich selbst nicht als qualifiziert betrachtete, empfahl er ihm, zum Zen- oder Chan-Meister Limo vom Wuxie-Berg zu gehen. Der Wertvolle wurde dort zum Novizen ordiniert.[1]
Als er 21 Jahre alt wurde legte er das Gelübde zur vollkommenen Einhaltung der Mönchsregeln ab. Danach begab er sich auf eine Studienreise. Er besuchte den Zen- oder Chan-Meister Nanquan, wörtlich „von der Südquelle“. Zu dieser Zeit fand gerade eine Feier zum Andenken an den verstorbenen Ahnlehrer Ma statt.
Von der Südquelle fragte in die Runde: „Was denkt ihr, wird der Ahnlehrer Ma wieder kommen?“
Es herrschte Stille.
Der Wertvolle trat vor und antwortete: „Wenn er einen Gefährten findet, wird er kommen.“
Von der Südquelle bewunderte den Jungen: „Er ist zwar jung, aber an ihm kann man durchaus arbeiten.“
Der Wertvolle sagte darauf: „Der Meister möge das Wertvolle nicht billig darbieten.“ [2]
Zunächst besuchte er Guishan Lingyou, den „Gesegneten vom Berg am Fluss Gui“, den Gründer der Guiyang Schule.
Der Wertvolle fragte den Gesegneten: „Ich hörte davon, dass der Staatsmeister Huizhong einst über die Lehre des Gefühllosen sprach, und ich verstehe diese nicht.“
Der Gesegnete fragte ihn: „Kannst du dich noch daran erinnern?“
Der Wertvolle antwortete: „Ja, kann ich.“
Der Gesegnete sagte: „Dann erzähle sie mir.“
Der Wertvolle erzählte sie ihm. [3]
Diese „Lehre des Gefühllosen“ ist ein Koan des Zen- oder Chan-Meisters Nanyang Huizhong, wörtlich „Der treue Weise vom Südlichen Yang“. Er war einer der einflussreichsten Schüler des 6. Ahnlehrers Huineng, aus dessen Schülerschaft jedoch keine eigene Schule hervorging. Dafür genoss er hohe politische Anerkennung und wurde vom Kaiser zum Staatslehrer ernannt. Einer seiner berühmtesten Koans ist die „Lehre des Gefühllosen“, ein Gespräch zwischen dem „treuen Weisen“ und einem Pilgermönch. Es begann mit der Diskussion, ob gefühllose Dinge wie Wände und Ziegelsteine auch die Buddhanatur besitzen. Das Gespräch verläuft wie folgt:
Mönch: „Was ist die Buddhanatur?“
Meister: „Wände und Ziegelsteine.“
Mönch: „Wände und Ziegelsteine sind doch gefühllos?!“
Meister: „So sind sie.“
Mönch: „Wenn das Gefühllose die Buddhanatur besitzt, kann es dann auch die Lehre erklären?“
Meister: „Es spricht ständig, ohne Unterbrechung.“
Mönch: „Warum höre ich es nicht?“
Meister: „Du hörst es natürlich nicht. Das heißt nicht, dass andere es nicht hören.“
Mönch: „Wer hört es dann?“
Meister: „Alle Heiligen/Buddhas hören es.“
Mönch: „Kann der Meister es hören?“
Meister: „Ich höre es ebenfalls nicht.“
Mönch: „Wenn der Meister es nicht hört, wie kann er wissen, dass das Gefühllose erklärt?“
Meister: „Wenn ich es hören könnte, wäre ich gleich den Heiligen/Buddhas; dann würdest du aber nicht mehr hören können, was ich sage.“
Mönch: „Haben die verblendeten Wesen keinen Anteil daran?“
Meister: „Ich spreche für die verblendeten Wesen, nicht für die Heiligen.“
Mönch: „Wie wäre es, wenn die verblendeten Wesen es hören?“
Meister: „Wenn die verblendeten Wesen es hören, dann sind sie keine verblendeten Wesen mehr.“ [4]
Nachdem der Wertvolle dieses Gespräch wiedergegeben hatte, bat er den Gesegneten um eine Erklärung:
Der Gesegnete: „Auch bei mir gibt es das, nur begegnet man selten einer passenden Person.“
Der Wertvolle: „Ich habe es noch nicht verstanden. Ich bitte den Meister um eine Erklärung.“
Der Gesegnete hob seinen Staubwedel und sagte: „Verstehst du?“
Der Wertvolle: „Ich verstehe nicht. Ich bitte den Ehrwürdigen, es zu erklären.“
Der Gesegnete: „Der Mund, der von Eltern geboren wurde, wird es dir letztlich nicht erklären.“ [5]
Der Wertvolle fragte dann den Gesegneten, welchen Meister er noch aufsuchen soll. Der Gesegnete empfahl ihm, zu Yunyan Tansheng, dem „Blühenden vom Wolkenfelsen“, zu gehen. Der Wertvolle verabschiedete sich vom Gesegneten und besuchte den „Blühenden“.
Beim ihrem Treffen erzählte der Wertvolle dem Blühenden von seinem Gespräch mit dem Gesegneten und fragte ihm sofort: „Wer hört die Lehre des Gefühllosen?“
Der Blühende: „Das Gefühllose hört es.“
Der Wertvolle: „Hört es der Meister?“
Der Blühende: „Wenn ich es höre, dann würdest du mich nicht mehr hören.“
Der Wertvolle: „Warum höre ich es nicht?“
Der Blühende hielt seinen Staubwedel hoch und fragte: „Hörst du es?“
Der Wertvolle: „Nein.“
Der Blühende: „Wenn du schon nicht einmal mich hören kannst, wie willst du die Lehre des Gefühllosen hören?“
Der Wertvolle: „Gibt es Schriften, die die Lehre des Gefühllosen belegen?“
Der Blühende: „Im Sutra des Amitabha Buddha steht doch: ‚Wasser, Vögel, Wälder, alle rezitieren den Namen des Buddhas und verkünden die Lehre.‘“
In diesem Moment begriff es der Wertvolle und sagte voller Bewunderung: „Oh, wie wundersam! Oh, wie wundersam! Die Lehre des Gefühllosen ist unvorstellbar! Mit den Ohren kann man es niemals vernehmen. Hört man es bei den Augen, kann es erst erkannt werden.“ [6]
Es kam zu weiteren Gesprächen zwischen ihm und dem Blühenden:
Der Wertvolle: „Ich habe noch alte Gewohnheiten, die ich nicht vollständig beseitigen konnte.“
Der Blühende: „Was hast du bisher getan?“
Der Wertvolle: „Nicht einmal die heiligen Wahrheiten habe ich verfolgt.“
Der Blühende: „Empfindest du Freude daran?“
Der Wertvolle: „Wenn ich Freude daran empfinde, dann ist es nicht ‚nichts‘. Es ist, als würde man auf einem Misthaufen eine leuchtende Perle finden.“
Der Wertvolle verabschiedete sich vom Blühenden.
Der Blühende: „Wohin gehst du?“
Der Wertvolle: „Obwohl ich den Ehrwürdigen verlasse, weiß ich noch nicht, wo ich bleiben werde.“
Der Blühende: „Gehst du nach Hunan?“
Der Wertvolle: „Nein.“
Der Blühende: „Gehst du zurück in deine Heimat?“
Der Wertvolle: „Nein.“
Der Blühende: „Wann wirst du zurückkommen?“
Der Wertvolle: „Wenn der Ehrwürdige einen festen Wohnsitz hat, werde ich kommen.“
Der Blühende: „Nach dieser Trennung wird es schwer sein, sich wiederzusehen.“
Der Wertvolle: „Es wird schwer sein, sich nicht wiederzusehen.“
Kurz vor dem Aufbruch fragte der Blühende erneut: „Wenn nach hundert Jahren jemand fragt, ob er das wahre Wesen des Meisters wirklich verstanden hat, wie soll ich antworten?“
Der Blühende: „Sag ihm einfach: Das ist es.“
Der Wertvolle schwieg lange.
Der Blühende: „Mönch! Wenn du diese Verantwortung übernimmst, musst du sie genau prüfen.“
Der Wertvolle hatte noch Zweifel. Später, als er einen Fluss überquerte und sein Spiegelbild sah, überkam ihn das große Erwachen. Er verfasste dazu ein Gedicht:
Suche es nicht anderswo,
du entfernst dich nur immer mehr.
Jetzt gehe ich allein,
Und finde es überall.
Jetzt ist es genau ich,
Und doch bin ich nicht es.
So muss man es verstehen,
um das wahre Wesen zu erfassen. [7]
Der Wertvolle ließ sich später am Dongshan, dem Grottenberg, nieder und wurde als der „Wertvolle vom Grottenberg“ weithin bekannt. Er gewann zahlreiche Schüler, darunter 26, die als seine Dharma-Folger bezeichnet werden. Sein bekanntester Schüler ist Caoshan Benji, wörtlich „Der Urstille vom Cao-Berg“ (840-901 n. Chr.), der als der zweite Gründer der Caodong-Schule (Soto-shu) geehrt wird. Im nächsten Betrag werden wir diesen „Urstillen“ näher kennenlernen.
Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen
<<<„Was ist das?“ – Das Koan zum Yunyan Tansheng (782-841)
„Sonst heißt es nicht mehr ‚Urstille‘.“ – Das Koan zum Caoshan Benji (840-901)>>>
[1] 會稽俞氏子。幼歲從師念般若心經。至無眼耳鼻舌身意處。忽以手捫面問師曰。某甲有眼耳鼻舌等。何故經言無。其師駭然異之曰。吾非汝師。即指往五洩山禮默禪師披剃。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[2] 年二十一。詣嵩山具戒。遊方首謁南泉。值馬祖諱辰修齋。泉問眾曰。來日設馬祖齋。未審馬祖還來否。眾皆無對。師出對曰。待有伴即來。泉曰。此子雖後生。甚堪雕琢。師曰。和尚莫壓良為賤。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[3] 次參溈山。問曰。頃聞南陽忠國師。有無情說法話。某甲未究其微。溈曰。闍黎莫記得麼。師曰記得。溈曰。汝試舉一徧看。師遂舉。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[4] 僧問如何是古佛心。國師曰墻壁瓦礫是。僧曰墻壁瓦礫豈不是無情。國師曰是。僧曰還解說法否。國師曰常說熾然說無間歇。僧曰某甲為甚麼不聞。國師曰汝自不聞。不可妨他聞者也。僧曰未審甚麼人得聞。國師曰諸聖得聞。僧曰和尚還聞否。國師曰我不聞。僧曰和尚既不聞。爭知無情解說法。國師曰賴我不聞。我若聞即齊於諸聖。汝即不聞我說法也。僧曰恁麼則眾生無分去也。國師曰我為眾生說。不為諸聖說。僧曰眾生聞後如何。國師曰即非眾生。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[5] 師舉了。溈曰。我這裏亦有。祇是罕遇其人。師曰。某甲未明。乞師指示。溈竪起拂子曰。會麼。師曰不會。請和尚說。溈曰。父母所生口。終不為子說。師曰。還有與師同時慕道者否。溈曰。此去澧陵攸縣。石室相連。有雲巖道人。若能撥草瞻風。必為子之所重。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[6] 師遂辭溈山。徑造雲巖。舉前因緣了。便問。無情說法甚麼人得聞。巖曰。無情得聞。師曰。和尚聞否。巖曰。我若聞。汝即不聞吾說法也。師曰。某甲為甚麼不聞。巖竪起拂子曰。還聞麼。師曰不聞。巖曰。我說法汝尚不聞。豈況無情說法乎。師曰。無情說法該何典教。巖曰。豈不見彌陀經云。水鳥樹林悉皆念佛念法。師於此有省。乃述偈曰。也大奇也大奇。無情說法不思議。若將耳聽終難會。眼處聞聲方得知。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
[7] 師問雲巖。某甲有餘習未盡。巖曰。汝曾作甚麼來。師曰。聖諦亦不為。巖曰。還歡喜也未。師曰。歡喜則不無。如糞掃堆頭。拾得一顆明珠。師問雲巖。擬欲相見時如何。曰問取通事舍人。師曰見問次。曰向汝道甚麼。師辭雲巖。巖曰。甚麼處去。師曰。雖離和尚。未卜所止。巖曰。莫湖南去。師曰無。曰莫歸鄉去。師曰無。曰早晚却回。師曰。待和尚有住處即來。曰自此一別難得相見。師曰。難得不相見。臨行又問。百年後忽有人問。還邈得師真否。如何祗對。巖曰。向伊道祇這是。師良久。巖曰。价闍黎。承當個事。大須審細。師猶涉疑。後因過水睹影。大悟前旨。有偈曰。切忌從他覓。迢迢與我疎。我今獨自往。處處得逢渠。渠今正是我。我今不是渠。應須恁麼會。方得契如如。——《指月錄卷之十六 六祖下第五世 瑞州洞山良价悟本禪師》
Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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