Das Vimalakirti Nirdesa Sutra: Kumarajivas Übersetzung und Sengzhaos Kommentarwerk

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Link zu vorherigen Beiträgen

Teil 26: Das Vimalakirti Nirdesa Sutra: Kumarajivas Übersetzung und Sengzhaos Kommentarwerk

Der Mahayana Buddhismus erfreute sich großer Beliebtheit unter den Eliten Chinas, nicht nur wegen seinem Einklang mit der daoistischen Philosophie, sondern auch durch seine hohe Flexibilität in Bezug auf die Art der Praxis. Die haus- und besitzlose Praxis der Mönche, welche den Buddhismus nach China brachten, prägte zu Beginn die Vorstellung der Chinesen über den buddhistischen Praxisweg. In früheren Beiträgen haben wir bereits erwähnt, wie stark diese Praxisform im Konflikt zur konfuzianischen Ethik stand. Die ersten chinesischen ordinierten Mönche mussten ihren Status gegenüber den konfuzianischen Autoritäten, welche die politische Macht innehatten, rechtfertigen und verteidigen. Dass Buddha Gautama auch Laienschüler hatte, zählte aber nicht zu ihren Argumenten. Die früheren chinesischen Buddhisten scheinen den Buddhismus vordergründig als eine Mönchspraxis betrachtet zu haben. Eine Wende dieser Sicht dürfte Kumarajiva gebracht haben, nicht nur durch seine Übersetzungen der Mahayana Schriften, sondern vor allem auch durch seine Vorbildwirkung: Er war ein ordinierter Mönch, gab aber diesen Status auf und heiratete. Somit war er der erste buddhistische Meister im Laienstatus in China.

Dazu kommt noch der Einfluss des Bodhisattvaideals, sich allen Wesen mit geschickten Mitteln zu nähern und ihnen zu helfen: Es besteht die Möglichkeit, dass auch unter den Laien Bodhisattvas zu finden sind. Dies erleichterte eine Gleichstellung von Mönchen und Laien. Nicht verschwiegen werden soll, dass dieses Ideal zu politischem Missbrauch führte, indem sich die Machthaber als Reinkarnationen von Bodhisattvas anerkennen ließen. Nichtsdestotrotz konnte sich der Buddhismus dadurch seinen Zugang zu den Eliten des Landes erleichtern. Sie konnten sich in die buddhistischen Lehren vertiefen, ohne Mönche werden zu müssen.

Ein Sutra erlangte eine hohe Akzeptanz und Beliebtheit, nämlich das Vimalakirti Nirdesa Sutra 维摩诘所说经 wei mo jie suo shuo jing, wörtlich die Lehrrede des Vimalakirti. Dieses Sutra nimmt eine Sonderstellung unter den buddhistischen Sutren ein, da der Lehrvortrag nicht von Buddha Gautama selbst oder einem seiner ordinierten Schüler gehalten wurde, sondern von einem nichtordinierten Laienanhänger, nämlich von Vimalakirti, wörtlich der „Unbefleckte Ruhm“. Dieser ist ein reicher Mann, der mit seiner Familie in der Großstadt Vaisali (liegt im heutigen Bihar in Ostindien) lebte. Er vermittelte die Lehre der Leerheit und Non-Dualität auf geschickte und unkonventionelle Art, was ein Grund war, warum er schnell das Interesse der chinesischen Gelehrten für die Mahayana Lehre wecken konnte. Sein Status als Laienanhänger mitten im gesellschaftlichen Leben verstärkte noch mehr die Überzeugung, dass die Laienanhänger nicht den ordinierten Mönchen unterstellt sind. Im Sutra wird die Weisheit des Vimalakirti sogar als höher als jene der großen Mönchsschüler und Bodhisattvas dargestellt. Die Übersetzung des Vimalakirti Nirdesa Sutra war daher ein wichtiger Beitrag für die Etablierung des Buddhismus in China.

Unter den drei chinesischen Übersetzungen ist jene von Kumarajiva am meisten verbreitet. Es ist kein Einzelfall, dass Kumarajivas Übersetzung sich gegen andere Versionen im Laufe der Geschichte immer wieder durchsetzen konnte. Daran erkennt man die hohe Qualität seiner Übersetzung und seine wichtige Bedeutung im chinesischen Buddhismus. Unter seinen Schülern war einer, der über das Vimalakirti Nirdesa Sutra den Zugang zum Buddhismus gefunden hat, nämlich Sengzhao. Aus Begeisterung zu diesem Werk hat Sengzhao das Sutra kommentiert.[1] Sengzhao zählt in seinem Vorwort die zentralen Themen dieser Lehrrede auf:

Was dieses Sutra erläutert:
Der Herr der zehntausend Handlungen ist die geschickte Weisheit.
Die Wurzel zur Etablierung der Tugend ist das sechsfache Paramita (Fähre).
Zur Lösung der Verblendung (der Wesen) führen Güte und Mitgefühl an.
Das Tor zum höchsten Grundsatz ist die Non-Dualität. [2]

Die Themen „das sechsfache Paramita“ und „Güte und Mitgefühl“ haben wir in den vorherigen Beiträgen anhand Nagarjunas Abhandlung der vollkommenen Weisheit schon ausführlich behandelt. In diesen Beiträgen gehen wir daher nur auf die „geschickte Weisheit 权智 quan zhi“ und die Lehre  der „Non-Dualität 不二法门 bu er fa men“ ein.


[1] 以弘始八年歲次鶉火一命大將軍常山公右將軍安成侯與義學沙門千二百人。於長安大寺請羅什法師重譯正本。什以高世之量冥心真境。既盡環中。又善方言。時手執梵文口自宣譯。道俗虔虔一言三復。陶冶精求務存聖意。其文約而詣。其旨婉而彰。微遠之言於茲顯然矣。余以闇短時預聽次。雖思乏參玄。然麁得文意。輒順所聞為之注解。略記成言述而無作。庶將來君子異世同聞焉。—僧肇《注維摩詰經卷第一并序》

[2] 此經所明統萬行則以權智為主。樹德本則以六度為根。濟蒙惑則以慈悲為首。語宗極則以不二為門。—僧肇《注維摩詰經卷第一并序》

–> Fortsetzung: Teil 27: Vimalakirti Nirdesa Sutra: über die geschickte Weisheit


(Mit Korrekturen von Ursula Presslauer, Birgit Seissl und Alexander Maurer)



Kategorien:Buddhismus China, Kumarajiva, Vimalakirti Nirdesa Sutra 维摩诘经

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