Podiumsutra – Kap. 3 (3): die buddhistische Laienpraxis

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 3-3) – die buddhistische Laienpraxis

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat

Zuletzt betonte der Ahnlehrer Huineng, dass die Suche nach einer paradiesischen Welt im Außen fehlgeleitet ist: Realisiert man sein natürliches Wesen, ist das Paradies schon da. Hat er damit die Hoffnung vieler Anwesender zunichte gemacht, einfach ins Paradies zu kommen? Nicht dass sie sich nicht hätten bemühen wollen, vielmehr wird es eher an der Zuversicht, als Laie (und nicht als ordinierter Mönch) im weltlichen Dasein das Ziel der Praxis zu erreichen, gemangelt haben. Es gibt nämlich auch heutzutage die Ansicht – und im damaligen China dürfte sie stark vertreten gewesen sein – dass ein Laie unmöglich das Erwachen erreichen kann. Der Weg des reinen Landes, mit der „Zwischenstation“, erschien als eine Möglichkeit Zuversicht zu verbreiten und Hoffnung zu machen. So wie Huineng klar gemacht hat, dass ohne Praxis das Ziel nicht zu erreichen ist, verneint er wiederum, dass nur Mönche das Erwachen erreichen könnten. Wie die Laien praktizieren sollten, sagt Huineng in den folgenden Versen[1]:

Ist man ausgeglichen im Herzen, wozu dann braucht man die Silas (Gebote; ethische Prinzipien).

 

Hegt man kein Streben, keine Begierde im Herzen, dann herrschen Ruhe und Klarheit. Gebote oder ethische Prinzipien dienen dazu, der Unruhe im Herzen Einhalt zu bieten. Wer aber schon am Ufer angekommen ist, der braucht kein Boot mehr.

Ist man aufrichtig im Handeln, wozu noch das Chan (Versenkung; geistige Ruhe) praktizieren.

 

Die Übung der Versenkung oder geistiger Ruhe dient der Zügelung von Gemüt und Körper. Ist man im Gemüt rein und gewissenhaft, drückt sich dies im aufrichtigen Handeln aus. Handelt man aufrichtig, ist der Zweck des Chan erfüllt.

Sich dankbar bei den Eltern revanchieren, rechtschaffen Mitgefühl für Obere (Ältere) und Untere (Jüngere) hegen.

 

Die Praxis findet nicht isoliert vom Umfeld statt, sondern im Umgang mit den Mitmenschen. Niemand taucht umsonst in deinem Leben auf! Man steht mit seinen Mitmenschen also in bedingten, karmischen Beziehungen. Diese Beziehungen zu erfüllen gilt als die wichtigste Übung im Leben. Bei Menschen, die uns lieben, haben wir uns mit Liebe zu revanchieren. Am meisten steht jeder bei den Eltern in Schuld. Wer kann den Eltern die gleiche Liebe zurückgeben, die ihm gegeben wurde? Wenn man da nicht dankbar ist, ist man fern von seinem natürlichen Wesen. Dies ist die Basis dafür, sich überhaupt in andere einfühlen zu können, sich in die Lage anderer versetzen zu können.

Seniorobermeister Gao[2] hat uns immer die Aufgabe gegeben, drei Familienwerte zu praktizieren und diese auf die Mitmenschen außerhalb der Familie zu erweitern: die kindliche Pietät 孝 xiao, die geschwisterliche Liebe 悌 ti und die elterliche Güte 慈 ci. Hegt man Respekt für die Älteren, wird man auch fürsorglich sein zu den Jüngeren. So auch bei den Geschwistern. Im konfuzianischen China war der Respekt von Jüngeren für die Älteren und die Fürsorge der Älteren für die Jüngeren bei den Geschwistern fast gleichbedeutend wie die Kindespietät zu den Eltern. Deshalb betont Huineng hier „Obere und Untere“. Im westlichen Sprachgebrauch kann der Satz kurz und gut  „Mitgefühl für den Nächsten“ lauten. Ein respektvoller und liebevoller Umgang in der Familie wird als Wurzel für einen harmonischen Umgang in allen Verhältnissen außerhalb der Familie gesehen.

Seniormeister Gao Binkai

Seniorobermeister Gao Binkai, 27.10.1924-01.05.2008, Gründer der Andong Gruppe des Weges der Einheit

Nachgebend Harmonie bei Höheren und Niederen schaffen, duldsam kommt alles Böse nicht zur Ausbreitung.

 

Egal ob bei Menschen, die es besser haben oder die höher stehen, oder bei Benachteiligten, man ist imstande, sich in sie einzufühlen, deren Ausgangslage und deren Probleme zu begreifen. So kann man vernünftig mit zwischenmenschlichen Reibungen umgehen und Harmonie schaffen. Das ist nicht immer angenehm: Man muss mitunter imstande sein, etwas einzustecken und eigene Vorteile und Rechte (vorerst) in den Hintergrund stellen. Wenn jeder nur auf sich schaut, dann entfaltet sich ein Egoismus, der zur Verstärkung von Gier, Hass und Verblendung führt. Schafft man es aber, das Ego in den Griff zu bekommen und Geduld zu üben, dann dämmt man die Auswucherung der bösen Bedingungen allmählich ein und verwandelt sie in Güte und Weisheit, welche die „Bedingung für alles Gute“ sind, wie Gautama Buddha sagte.

Gelingt es, aus dem Reiben des Holzes Feuer zu machen, kann bestimmt die rote Lotusblüte aus dem Schlamm wachsen.

Das ist ein Gleichnis für die Übung der Geduld. Reibt man achtsam und lang genug mit Holz, beginnt es irgendwann einmal zu brennen. Erduldet man lange genug die Reizungen und Reibungen, entfalten sich im Herzen positive Energie und Kraft. Ein Symbol dafür ist die Lotusblüte: in Schlamm und Dreck heranwachsend bleibt sie dennoch unberührt davon, rein und schön.

Bitter schmeckt gute Medizin, lästig klingen gute Ratschläge.

 

Es ist oft so, dass wirkungsvolle Medizin bitter schmeckt. Genauso ist es mit diesen guten Ratschlägen hier, die sehr lästig klingen, weil sie direkt auf die Schwächen und Verfehlungen eines jeden zielen.

Korrigiert man die [eigenen] Verfehlungen, entfaltet sich gewiss die Weisheit.

 

Ist man imstande, seine Verfehlungen einzusehen und sein Verhalten zu korrigieren, wird man reifer und weiser, und verstärkt die positive Energie in sich.

Erträgt man keine Kritik, ist man nicht tugendhaft im Gemüt.

 

Wenn man selbst nach Hinweisen anderer seine Verfehlungen nicht sehen will, verhärtet man sich noch mehr im Gemüt, der Geist wird noch verblendeter.

Im Alltag stets Wohltaten verrichten; die Vervollkommnung des Dao kommt nicht durch Geldspende.

 

Die Praxis gilt im alltäglichen Leben: zu jeder Zeit, an allen Orten und zu allen Menschen. So ist man stets eine Bereicherung für Mitmenschen und Umwelt. Man schafft mit seiner positiven Energie eine positive Stimmung, die einem selbst und den Mitmenschen zugutekommt. Hier wieder ein Bezug auf die erste Frage des Präfekten: Almosenspende ist zwar gut, aber nicht die Bedingung für die Vervollkommnung des eigenen Urwesens.

Das Erwachen ist im Geiste zu finden, suche daher kein Wunder im Außen.

 

Man hat sich selbst, seine Quelle und seinen Ursprung zu erkunden. Das ist, die Achtsamkeit umkehren und nach innen richten. Achte darauf, wie deine Gedanken entstehen und vergehen, wie dein Gemüt sich aufregt und wieder abregt. Entdecke die Quelle und den Ursprung der Gedanken und Herzensregungen und verwandele die Bedingungen, die dazu führen: kurz, wandele Geistestrübungen in Weisheit um.

Wenn man derart praktiziert, so habe ich gehört, ist das Paradies direkt vor den Augen.

 

Hat man die Absicht, sich zu kultivieren und zu vervollkommnen, darf man dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Der Buddha und die weiteren Ahnlehrer, die diesen Weg gegangen und das Ziel erlangt haben, versichern uns: wenn wir so praktizieren, werden auch wir diese Vervollkommnung erreichen.

Zum Schluss versichert Huineng nochmals:

 

Edle Gefährten! Ihr müsst diesem Gedicht folgend praktizieren, das eigene [Ur]Wesen erblicken und ergreifen und direkt zur Vervollkommnung des Buddhatums gelangen![3]

Damit hat Huineng den Weg für den Laienbuddhismus in China gebahnt, was ein wesentlicher Faktor für die Verbreitung des (Chan-)Buddhismus unters chinesische Volk darstellte. Eine Verbindung der buddhistischen Praxis mit den konfuzianischen Werten für Familie und Gesellschaft wurde hergestellt. Das Ziel der Praxis ist somit nicht mehr nur im Kloster oder als Mönch zu erreichen, sondern lebensnah auch für weltliche Menschen greifbar.

Abschließend eine Anekdote:

 

Es war einmal ein frommer buddhistischer Laie, der mit seiner alten Mutter zusammenlebte. Die Mutter kümmerte sich klaglos um den ganzen Haus- und Lebensunterhalt, er strebte nur nach Segen durch Gebete zum Buddha und ständigen Pilgerreisen. Er reiste gerne zu den heiligen Stätten mit der Hoffnung, dass Buddha eines Tages ihm persönlich erscheine. Die alte Mutter wartete immer sehnsüchtig allein zu Hause und machte sich große Sorgen um ihn. Jedes Mal hegte sie große Freude, wenn der Sohn von seiner langen Reise zurück kam. Eines Tages war er wieder lange unterwegs auf einer Pilgerreise zu einem heiligen Berg. Als er den Berg erreichte, betete er wieder darum, der Buddha möge ihm erscheinen. Dann traf er den Meister der heiligen Stätte, mit dem er ins Gespräch kam. Nachdem der Meister von seinem Vorhaben erfuhr, sagte er zum Pilger: „Der Buddha ist gerade zu dir nach Hause gegangen. Geh schnell heim! Wenn du zu Hause jemanden triffst, der die Schuhe verkehrt rum anhat – der ist der Buddha.“ Der Jünger eilte sofort nach Hause. Mitten in der Nacht kam  er daheim an und klopfte hastig an die Tür. Die alte Mutter wurde aus dem Schlaf gerissen, als sie die Stimme vom Sohn vernahm, überkam sie große Freude. Vor lauter Aufregung zog sie sich an und lief hastig zur Tür und öffnete. Der Jünger sah im ersten Moment nur die Füße der Mutter – sie hatte in der Eile die Schuhe verkehrt rum angezogen. Sofort warf er sich vor sie hin, machte rituelle Beugungen und rief hingebungsvoll den Buddha an. Erst als die Mutter ihm aufhalf, realisierte er, wer vor ihm war. In dem Moment sah er: die Mutter soll er ehren, die aufopfernd alles für ihn getan hat. Sie ist die Verkörperung Buddhas für ihn. Seit dem Tag an blieb er daheim und kümmerte sich um die Mutter und erfüllte seine Verpflichtungen.

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Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 4-1) –>

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[1]

心平何劳持戒 行直何用修禅
恩则孝养父母 义则上下相怜
让则尊卑和睦 忍则众恶无喧
若能钻木出火 淤泥定生红莲
苦口的是良药 逆耳必是忠言
改过必生智慧 护短心内非贤
日用常行饶益 成道非由施钱
菩提只向心觅 何劳向外求玄
听说依此修行 天堂只在目前

[2] Gründer der Andong Gruppe des Weges der Einheit, geboren 27.10.1924, gestorben 01.05.2008

[3] 善知识。总须依偈修行。见取自性。直成佛道。



Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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