Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 1-4)

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 10.10.2019

 

Im Retreat vom 03.10.2019 haben wir davon gesprochen, dass der 5. Ahnlehrer Hongren (601-675) seine Schüler versammelte und sie dafür kritisierte, dass sie tagtäglich nur nach dem weltlichen Glück suchen und es vernachlässigen, sich vom Daseinskreislauf von Geburt und Tod zu befreien. Daraufhin stellte er eine Aufgabe an seine Schüler, um herauszufinden, wer dazu geeignet ist, seinen Nachfolger zu werden. Er wies die Schüler an, nach der Versammlung sich zurückzuziehen und geistig zu sammeln, dann ein Gedicht zu entwerfen, welches unmittelbar die Weisheit aus dem Herzen bezeugt und das natürliche Wesen beschreibt. Wer damit den Meister überzeugen kann, wird vom Meister „die Robe und das Dharma (Haupt-Dharma-Auge-Schatz)“ vermittelt bekommen und ihm als der 6. Ahnlehrer folgen.

 

Das „Haupt-Dharma-Auge-Schatz“ bezeichnet jene Überlieferung der Lehre Buddhas, die über 32 Generationen von einem Ahnlehrer an den nächsten überliefert wurde. 28 davon waren aus Indien, der 28. Ahnlehrer Bodhidharma brachte sie dann nach China. Und es folgten weitere 5 chinesische Ahnlehrer. Diese Überlieferung stellt die Stammlinie des Chan-Buddhismus dar. Bei dieser heißt es, dass sie „nicht in Schriften verfasst und außerhalb der Gemeinschaft gesondert übermittelt wurde“. Tatsächlich findet man in keinem buddhistischen Sutra einen Bericht über diese Überlieferung. Lediglich eine Robe wurde als äußerliches Symbol der Übermittlung weitergegeben. Hongren ist der 5. chinesische Ahnlehrer, der nun Ausschau nach jemanden hält, der das „Haupt-Dharma-Auge-Schatz“ und die Robe als der 6. Ahnlehrer übernehmen kann.

 

Nach der Versammlung diskutierten die Schüler miteinander und waren sich einig, dass bestimmt nur der Oberschüler des Meisters, Shenxiu (神秀; 607-706), dafür in Frage kommen kann. Shenxiu fungierte bereits als Tutor und hatte somit den höchsten Schülerrang inne. Alle Schüler ehrten ihn bereits als Vertreter des Meisters und waren sich sicher, ihm als Nachfolger des 5. Ahnlehrers zu folgen. Deshalb waren alle der Meinung, dass sie sich nicht anstrengen brauchen, um das Gedicht zu entwerfen, und warteten alle auf Shenxiu. Bestätigen sie nicht mehr oder weniger den Urteil des Ahnlehrers über sie, dass sie nur nach dem Glück suchen und sich nicht um Praxis bemühen? Sie scheinen nicht daran interessiert zu sein, sich vom Meister beurteilen zu lassen, wo sie mit der Praxis stehen. Es dürften auch tatsächlich einige unter ihnen sein, die einfach den guten Lebensunterhalt im Kloster genießen, und nicht an eine spirituelle Weiterentwickelung interessiert sind.

 

Es wurde nicht erläutert, warum Huineng bei dieser Versammlung nicht dabei war. Vermutlich kamen Schüler aus seinen Rängen nicht für solche Versammlungen in Frage. Es wird nur kurz darüber berichtet, dass der 5. Ahnlehrer vor der Versammlung noch Huineng kurz getroffen hat. Bei diesem Treffen wies der Meister Huineng darauf hin, dass er deswegen nicht mehr mit ihm gesprochen hat, weil er ihn vor übelgesinnten Menschen schützen wollte. Huineng zeigte sich verständnisvoll. Was dieses kurze Treffen zu bedeuten hat, ist nicht näher erläutert, womöglich aber  wollte der Ahnlehrer Huineng darauf aufmerksam machen, weil er ihn schon als den geeigneten Nachfolger im Visier hatte. Dennoch war Huineng nicht bei der Versammlung dabei und scheint auch nicht von der Aufgabe gewusst zu haben.

 

Wie vorhin schon erwähnt, brachte keiner der Schüler einen Vers. Shenxiu war sich im Klaren, dass alle auf ihn schauten. Er hat relativ rasch schon ein Gedicht verfasst, steht aber vor einem Dilemma: Einerseits möchte er gerne ein Urteil vom Meister zu seinem Gedicht hören, andererseits möchte er nicht den Eindruck wecken, als würde er die Stellung des Ahnlehrers begehren. Es ist zu erkennen, dass Shenxiu ein sehr achtsamer Mensch ist, der bei einer Entscheidung nicht einfach nur auf Nutzen und Vorteile der Sache schaut, sondern seine Absichten, ja sogar seine Herzensregungen zu seiner Handlung genauestens überprüft. Unentschlossen stand er immer wieder mit seinem Gedicht vor der Tür des Meisters Gemach, mit Unruhe im Herzen und kam stark ins Schwitzen, traute sich jedoch nicht, das Gedicht zu überreichen. So verging vier Tage, und dreizehn Male war er vor der Tür des Meisters Gemach gestanden.

 

Um zu begreifen, warum Shenxiu so einen Druck hat, muss man seine Lage näher kennenlernen. Im Kloster Dongchan sind über Tausend buddhistische Praktizierende versammelt, worunter hoch gebildete Mönche und buddhistische Meister aus dem ganzen Land zu finden sind. Sie sind alle dem Ruf des 5. Ahnlehrers als Linienhalter der Chan-Genealogie, der über den „Haupt-Dharma-Auge-Schatz“ und die Robe des Bodhidharma verfügt, gefolgt und gekommen. Diese Sammlung an hoch qualifizierten Praktizierenden zu unterrichten, ist keine einfache Sache. Und Shenxiu war imstande, den 5. Ahnlehrer bei der Lehre zu vertreten, und schaffte es auch von allen geehrt und als den einzigen möglichen Kandidat für die Stellung als Ahnlehrer angesehen zu sein. Das weist daraufhin, welche Würde und Ausstrahlung Shenxiu besass.

 

Das lässt sich aus anderen historischen Schriften belegen. Denen zufolge war Shenxiu groß gewachsen und hat einen würdevollen Auftritt. Die Kaiserin der Dynastie bestellte ihn später sogar zum Staatsmeister und wurde seine Schülerin. Die Kaiserin soll bei der ersten Begegnung Shenxiu derart bewundert haben, dass sie sagte, würde Shenxiu nicht ordinierter Mönch sein, wäre er imstande, die Macht über das ganze Reich zu erlangen und es zu beherrschen. Weiters wurde berichtet, dass er äußerst gebildet war. Es sollte die Schriften der drei Schulen (Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus) sehr gut gekannt haben. Mit solch einer Begabung und Ausstrahlung dürfte er wohl ein Star im Kloster Dongchan gewesen sein.

 

Historischer Daten zufolge war die Gemeinschaft um den 5. Ahnlehrer auch unter politischer Beachtung. Die Kaiserin hat Quellen zufolge den 5. Ahnlehrer bereits eingeladen, zur Meisterehrung in die Hauptstadt zu kommen, was aber vom Meister abgelehnt wurde. Es ist dann zu vermuten, dass die Kaiserin Interesse daran hatte, wer als Nachfolger des Meisters die Führung der größten und einflussreichsten buddhistischen Gemeinschaft in China übernehmen wird. Die Erwartung an Shenxiu kam daher nicht von der Gemeinschaft, sondern auch von der Politik. Er war somit unter Zugzwang, obwohl aus dem Text heraus zu lesen ist, dass er nicht die Absicht zur Nachfolge hatte. Es war ihm äußerst unangenehm, dass der Meister von ihm denken könnte, er würde seinen Platz einnehmen wollen.

 

Nun stand er wieder vorm Gemach des Ahnlehrers, mit seinem Gedicht in der Hand. Am Hof vor dem Gemach des 5. Ahnlehrers befanden sich drei Korridore. Jetzt aber beschloss Shenxiu, das Gedicht heimlich auf die Mauer des südlichen Korridors zu malen. Er müsste davon gewusst haben, dass der Meister für den nächsten Tag den berühmten Maler Lu Zhen bestellt hat, um auf diese Mauer eine bildliche Darstellung von Szenen aus dem Lankavatara-Sutra und von der „Abstammungslinie des 5. Ahnlehrers“ zu malen. So würde der Meister morgen das Gedicht bemerken, und die Mauer wird dann ohnehin nochmals übermalt. Er dachte sich: Wenn das Gedicht dem Meister gefallen würde, dann meldet er sich, wenn nicht, dann weiß er, dass er den Erwartungen nicht gerecht wurde und sich zurückziehen sollte.

 

So malte er mitten in der Nacht das Gedicht auf die Mauer. Es lautete wie folgt:

 

Der Körper gleicht dem Bodhi-Baum,

das Herz ist wie das Spiegelgestell.

Ständig hat man es zu putzen,

damit kein Staub daran haftet.

 

身是菩提树,shēn shì pú tí shù ,

心如明镜台。xīn rú míng jìng tái ,

时时勤拂拭,shí shí qín fú shì ,

勿使惹尘埃。wù shǐ rě chén āi 。

 

Der Bodhi-Baum ist jener Baum, unter welchem der historische Buddha erwacht war und seitdem als Zeichen für Reinheit und Weisheit gilt. Hier bezeichnet Shenxiu seinen Körper als den Bodhi-Baum, das heißt wohl, dass er die buddhistische Tugendgebote vervollkommnet hat. Ohne auf das umfangreiche Regelwerk für einen ordinierten buddhistischen Mönch einzugehen, lässt es sich zu den sog. fünf Silas zusammenfassen:

 

  1. Das Abstehen von Gewaltsamkeit und Töten, das Nicht­verletzen der Mitwesen;
  2. Weiter das Nichtnehmen des Eigentums anderer, auch von öffentlichem Eigentum;
  3. Vermeidung von sexuellem Fehlhalten (für ordinierte Mönche gilt die Keuschheit; für Laienanhänger gilt vor allem das Nichtbegehen von Ehebruch)
  4. Absehen von fal­scher Rede, auch verletzende, Zwietracht stiftende und geschwätzige Rede sollten vermieden werden.
  5. Vermeidung von Alkohol bzw. Genussmittel, die den Geist trüben und nach­lässig machen

 

Auch könnte er den Bodhi-Baum als Metapher benutzt haben: sein Geist verhält sich zu seinem Körper wie der Buddha zum Boddhibaum, d. h. an jedem Ort ist Übungsplatz und zu jeder Zeit ist tatkräftig zu üben. Die erste Verszeile deutet also auf die äußerliche körperliche Übung hin. Im Inneren gilt die Übung seinem Herzen: die zweite Verszeile bezeichnet das Herz als Spiegelgestell, welches er ständig putzen muss, damit es nicht staubig wird. Als Staub bezeichnet er die Streugedanken und Sinnesregungen, welche er versucht zu stoppen, sodass das Herz, also das „Spiegel“, in welchem diese reflektiert werden, ganz rein wird. Shenxiu war also so weit, dass er so achtsam war, dass er jedem seiner Gedanken bemerken und zähmen konnte. Man sieht also an seinem Gedicht, wie diszipliniert er praktizierte. Das Gedicht ist somit eine Anleitung für die Praxis mit klug gewählten Gleichnissen, anhand welchen Shenxiu seine Praxis auf den Ebenen des Körpers und Geistes darstellt. Solch ein Zustand, der von einer stabilen Versenkung oder Sammlung des Geistes zeugt, dürfte in der Gemeinschaft nicht gang und gäbe sein. Das Begehren nach äußeren Dingen wird abgelöst von der reinen Klarheit des Geistes.

 

Nachdem Shenxiu in sein Gemach zurückgekehrt war. Konnte er nicht einschlafen und blieb bis morgens unruhig und wach. Am nächsten Tag traf der Meister dem Maler Lu Zhen wie vereinbart beim südlichen Korridor und sah dieses Gedicht. Er sagte daraufhin zum Maler Lu: „Sie brauchen die Bilder nicht mehr zu malen. Vielen Dank, dass Sie aus der Weite gekommen sind. Bildnisse sind ohnehin leer und täuschend, lassen wir das Gedicht hier stehen, sodass man es rezitieren und nach ihm praktizieren kann. Das bringt großen Nutzen.“ Er wies in weiterer Folge seine Schüler an, das Gedicht zu ehren und zu rezitieren, welches infolge dessen von allen bewundert wurde. Heimlich jedoch holte der Meister Shenxiu um Mitternacht zu sich ins Gemach und fragte ihn, ob er dieses Gedicht gemacht hat. Shenxiu gab es zu und bat den Meister ehrerbietig um Beurteilung. Das hören und besprechen wir dann im nächsten Retreat.

 

Shenxius Gedicht

Alle bewunderten das Gedicht, welches Shenxiu nachts an die Mauer gemalt hat.

 

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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