Podiumsutra – Kap. 1 (3): Was nützt euch dann das weltliche Glück“?

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers Kap. 1 (3): Was nützt euch dann das weltliche Glück“?

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 03.10.2019

Beim Retreat am 26.09.2019 sprachen wir über den Dialog zwischen Huineng und dem 5. Ahnlehrer Hongren (601-675) bei ihrer ersten Begegnung im Kloster Dongchan. Hongren war äußerst beeindruckt vom Talent des Jünglings. Er wollte an sich das Gespräch noch weiter vertiefen, unterbrach es aber abrupt und schickte Huineng zur Mitarbeit in den Hinterhof. Dort ließ ein Mönch Huineng Holz hacken und Reis mahlen. So sind über acht Monate vergangen, in denen Huineng kein einziges Mal den Meister aufsuchte oder an einer Lehrversammlung teilnahm. Dann kam es zu einer kurzen Begegnung zwischen den beiden, wobei der Ahnlehrer ihm klar machte, dass er nicht mit ihm weiter gesprochen hat, weil er ihn nicht in Gefahr bringen möchte. Es ist zu vermuten, dass der Ahnlehrer davor fürchtete, dass Huinengs Begabung bei seinen anderen Schülern Neid hervorrufen könnte.

Schließlich war es so weit, dass der 5. Ahnlehrer einen Nachfolger suchte und eine Rede an seine Schüler hielt. Wir befassen uns diesmal mit der Einleitung dieser Rede. Diese lautet wie folgt:

„Ich sage euch: Für die (Welt-)Menschen sind Geburt und Tod die große (essenzielle) Angelegenheit! Ihr ackert tagtäglich nur auf dem Feld des (weltlichen) Glücks aber strebt nicht danach, sich vom Ozean des Leidens von Geburt und Tod zu befreien. Wenn das eigene (natürliche) Wesen verblendet ist, was nützt euch dann das (weltliche) Glück“? …“[i]

In jedem dieser Sätze birgt essenzielle Ideen des Buddhismus. Wenn man diese verstanden hat, hat man die Grundidee des Buddhismus begriffen:

Der erste Satz: Für die (Welt-)Menschen sind Geburt und Tod die große (essenzielle) Angelegenheit!

Geburt und Tod meint den Daseinskreislauf, der unbeständig und vergänglich ist. Dies bringt Dukkha (Leiden, Unzulänglichkeit, Ungenügen) mit sich, da man nichts von den Dingen im Leben, gute wie schlechte, schöne wie hässliche, angenehme wie unangenehme, wirklich festhalten kann. In diesem Sinne: Sich von Dukkha zu befreien, ist die große essenzielle Angelegenheit der buddhistischen Praxis.

Zweiter Satz: Ihr ackert tagtäglich nur auf dem Feld des (weltlichen) Glücks aber strebt nicht danach, sich vom Ozean des Leidens von Geburt und Tod zu befreien.

Die Menschen streben in der Regel immer nach dem Erhalt oder Vermehrung vom weltlichen Glück, sprich dem Schönen, Guten und Angenehmen des Lebens. Aus Sicht der Buddhalehre ist das so, als ob man ins Wasser gefallen ist und nur versucht, sich an einem Holzstück anzuklammern, anstatt ein Boot zu finden, das einen ans Ufer bringt. Ans Ufer kommen ist eine traditionelle Beschreibung für das Befreien vom Ozean des Leidens.

Dritter Satz: Wenn das eigene (natürliche) Wesen verblendet ist, was nützt euch dann das (weltliche) Glück“?

Das eigene natürliche Wesen besitzt bereits die Weisheit, die fähig ist, Bedingungen von Dukkha und den Daseinskreislauf von Geburt und Tod zu erkennen. Damit ist man imstande, sich nicht an diese anzuhaften und von diesen zu befreien. Ist dieses Wesen aber verblendet, sprich wenn deren Weisheit nicht zur Wirkung kommt, schafft man noch mehr Anhaftungen, die letztendlich zu noch mehr Dukkha führen. Was bringt es so gesehen, dem weltlichen Glück nachzulaufen.

Dazu ein Gleichnis zur Verdeutlichung:

Es war einmal ein Reisender auf einem weiten Wildnis. Er fand plötzlich Skelette auf seinem Weg und erschrak. Dann hörte er lautes Gebrüll und sah ein Tiger auf sich zukommen. Er geriet in Panik und rannte weg. Er kam an eine Klippe, der Tiger erwischt ihn gleich, was jetzt?! Er kletterte auf einen Baum und seilte sich an einer Rebe in den Abgrund ab. Als er in der Luft hängend kurz nach unten schaute, ragten aus den brausenden Meereswellen  die Köpfe dreier Bestien mit aufgerissenen Mäulern heraus. Der Tiger brüllte an der Klippe, er hing in der Luft und traute sich weder hinauf noch hinab. In dem Moment bemerkte er wie am Ast, an welchem die Rebe hing, eine weiße und eine schwarze Ratte nagten. Er rüttelte die Rebe und hoffte, die Ratten zu verjagen. Dadurch wurde eine Bienenwabe zum Wackeln gebracht. Honig fiel heraus und landete direkt in den Mund des Reisenden. Es schmeckte ihm so sehr, dass er seine Notlage vergaß. 

 

Der Tiger symbolisiert die treibende Kraft des Lebens, das einem zu unwissenden und zügellosen Handlungen drängt. Die Skelette stellen den Tod von Angehörigen und Bekannte dar. Die Ratten in Weiß und Schwarz, wie Tag und Nacht, symbolisieren die Zeit. Die drei Bestien stellen die sogenannten Geistesgifte dar: Gier, Hass und Verblendung. Der süße Honig stellt die Verlockungen des Lebens dar.

Das Gleichnis stammt vom historischen Buddha. Wer war der Buddha und wie kam er zu seinen Erkenntnissen? Sein Name war Siddhartha Gautama. Es gibt verschiedene Angaben über seine Lebzeiten. Die meist Anerkannte davon ist von 563 bis 483 v. Chr. Er war der einzige Sohn des Königs Shuddhodana vom Staat Kapilavastu an der Grenze zwischen dem heutigen Indien und Nepal. Siddhartha bedeutet „der, der das Ziel erreicht“ oder „der Wunsch geht in Erfüllung“. Gautama war ein angesehener Familienname des Stammes Shakya. Siddhartha wuchs in luxuriösen Verhältnissen auf und erhielt die beste Ausbildung, damit er eines Tages seinem Vater zur Führung des Staates nachfolgen kann. Mit Sechszehn war er mit Yasodhara, der Tochter eines Fürsten des gleichen Stamms, verheiratet. Sie bekamen einen Sohn mit dem Namen Rahula. So gesehen besaß Siddhartha alles, was ein weltlicher Mensch sich nur ersehnen könnte. Aber Siddhartha war nicht zufrieden. Es sah, dass alles vergänglich und unbeständig ist. Er war zutiefst erschüttert, als er kranke, alte und tote Menschen gesehen und erlebt hat. Er sehnte nach einem Weg, der ihm und die Menschen vom Leiden befreien könnte. Er suchte  große Lehrer (Yogis) auf und lernte bei ihnen, lebte als Asket, konnte aber letztendlich nicht die ersehnte Befreiung erreichen. Nach sechs Jahren extremer Askese erlitt er beinahe einen Hungertod. Er erkannte, dass die strenge Askese nicht der Weg zur Erlösung sein kann und schlug den sog. „Mittleren Weg“ ein. Als er dann wieder angemessen Nahrung zu sich nahm, kam er wieder zu Kraft. Dann beschloss er, sich unter einen Baum zu setzen und schwor nicht wieder aufzustehen, wenn er nicht die endgültige Erlösung erlangt. So saß er sieben Tage unter dem Baum, der später als der Bodhi-Baum bezeichnet wird. Bodhi heißt Erwachen, da Siddhartha unter diesem Baum letztlich das Erwachen erlangt hat, bekam er den Namen „der Baum des Erwachens“. Was Siddhartha konkret als Erwachen erlebt hat, wurde nicht genau beschrieben. Es heißt, er ist vollkommen vom Leiden erlöst, da er deren Ursache erkannt und aufgehoben hat. Er hat dann begonnen, diesen Weg zu lehren und sprach als in seiner ersten Lehrrede von den vier edlen Wahrheiten. Die lauten einfach zusammengefasst wie folgt:

  1. das Leben ist voller Dukkha (Leiden, Unzulänglichkeit, Ungenügen)
  2. und die Ursache des Dukkha besteht nicht im äußeren Umfeld, sondern im eigenen Herzen, in den sog. „Herzensgiften“ wie Gier, Hass und Verblendung.
  3. Das Leiden ist aufgehoben, wenn die Ursache erlischt ist.
  4. Um dies zu erreichen, hat man den sog. achtfachen Pfad zu befolgen:
    • Rechte Sicht
    • Rechte Gesinnung
    • Rechte Rede
    • Rechte Taten
    • Rechte Lebenserhaltung
    • Rechte Anstrengung
    • Rechte Achtsamkeit
    • Rechte Versenkung

Ich darf diesen Praxisweg mit einem Zitat vom Erhabenen Lehrer Zhang Tianran grob zusammenfassen:

Achte auf deine Einstellung, denn die Einstellung könnte deine Gedanken werden;
Achte auf deine Gedanken, denn sie könnten deine Sprache werden;
Achte auf deine Sprache, denn sie könnten deine Handlungen werden;
Achte auf deine Handlungen, denn diese könnten deine Gewohnheiten werden;
Achte auf deine Gewohnheiten, denn diese könnten deinen Charakter werden;
Achte auf deinen Charakter, denn dieser bestimmt dein Schicksal!

[i] 祖一日唤诸门人总来:吾向汝说,世人生死事大,汝等终日只求福田,不求出离生死苦海;自性若迷,福何可救?…“

zǔ yī rì huàn zhū mén rén zǒng lái :‘wú xiàng rǔ shuō ,shì rén shēng sǐ shì dà ,rǔ děng zhōng rì zhī qiú fú tián ,bù qiú chū lí shēng sǐ kǔ hǎi ;zì xìng ruò mí ,fú hé kě jiù

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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