Nagarjunas Abhandlung der vollkommenen Weisheit: über die Bodhisattvapraxis und die sechs Paramitas (3)

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

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Teil 25: Nagarjunas Abhandlung der vollkommenen Weisheit: über die Bodhisattvapraxis und die sechs Paramitas (3)

Beim fünften Paramita kommt ein gut bekannter Begriff des Buddhismus ins Spiel: Zen oder Chan, zumeist als „Versenkung“ übersetzt. Auf Sanskrit heißt es Dhyana. Also geht es um das Dhyana Paramita, die Fähre der Versenkung:

Die Versenkung ist die Grundlage der Paramitas. Hat man diese Versenkung erlangt, hegt man Mitleid mit den Wesen, weil sie nicht kennen, welch wunderbare Wohlgefühle im Herzen durch die Versenkung erlangt werden können. Stattdessen suchen sie das Glück im unreinen Leiden der äußeren Phänomene. Mit dieser Betrachtung entfaltet sich großes Mitgefühl, und das große Gelübde wird abgelegt: „Ich werde alle Wesen dazu bringen, das innere Glück der Versenkung zu erlangen und sich von dem unreinen [falschen] Glück zu trennen. Auf Basis dieses Glücks der Versenkung werde ich sie zum Glück des Weges (der Lehre) der Buddhas führen.“ Dadurch bekommt die Versenkung den Namen „Die Fähre der Versenkung“. Fernerhin gibt sich der Bodhisattva nicht dem Genuss des Glücks der Versenkung hin, sucht keine Vergeltung für seine Verdienste und keine dementsprechenden Geburten [in den Himmelswelten der Versenkungen]. Nur um den Geist zu kontrollieren, tritt er in die Versenkung ein. Mit der geschickten Weisheit wird er wieder in die Welten der Begierde geboren, um alle Wesen ans Ufer zu bringen.  Nur dann wird die Versenkung „Die Fähre der Versenkung“ genannt.[1]

Auf die Frage, warum es bei den Arhats und Pratyekabuddhas nicht die Fähre der Versenkung heißt, obwohl sie sich auch nicht an den Genuss des Glückes der Versenkung anhaften, wird so geantwortet:

Obwohl Arhats und Pratyekabuddhas nicht an den Genuss des Glücks der Versenkung anhaften, hegen sie kein großes Mitgefühl, deshalb heißt es bei ihnen nicht „Die Fähre der Versenkung“. Fernerhin können sie nicht alle Versenkungen vollständig praktizieren. Bodhisattvas praktizieren alle Arten von Versenkungen vollständig, grob oder fein, groß oder klein, tief oder seicht, zu inneren oder äußeren Bedingungen. Daher heißt dieser Geist des Bodhisattvas „Die Fähre der Versenkung“, und bei den anderen wird [die Übung] nur „Versenkung“ genannt.

Ferner ist es so, dass die „anderen Wege“, die Hörer und die Bodhisattvas alle die Versenkung kultivieren. Bei den „anderen Wegen“ gibt es drei Arten von Problemen: Sie haften entweder an den Genuss des Glücks der Versenkung, entfalten falsche Ansichten oder werden arrogant. Die Hörer haben wenig Mitgefühl in der Versenkung. Sie durchdringen nicht mit scharfer Weisheit die wahre Natur aller Phänomene und dienen nur sich selbst. Dadurch brechen sie alle Wurzeln zur Buddhaschaft ab. Beim Bodhisattva ist es nicht so. Er wünscht sich alle Lehren des Buddhas zu kultivieren und vergisst bei all diesen nicht die anderen Wesen. Selbst bis zu den Insekten übt er stets gütige Gedanken.[2]

Außerdem betrachtet der Bodhisattva alle Phänomene, egal ob in Form der Ruhe oder Unruhe, als non-dual. Die anderen beseitigen die Unruhe, um Ruhe zu suchen. Wieso denn? In der Unruhe entfalten sich Gedanken des Übelwollens, in der Ruhe entwickeln sich Gedanken der Anhaftung. […] In dem Wissen darum, dass die Unruhe zu Gedanken des Übelwollens und die Ruhe zu Gedanken der Anhaftung führt, fixiert sich der Bodhisattva an keinem der beiden, da die beiden dasselbe sind. Daher wird es „Die Fähre der Versenkung“ genannt. […] Sein Herz ist sanftmütig und kultiviert großes Mitgefühl in der Versenkung. Die Bedingung des Mitgefühls gleicht die Verfehlungen von unermesslichen Äonen aus. Da er die Weisheit über die wahre Natur aller Phänomene erlangt hat, ist er mit den Gedanken aller Buddhas und großen Bodhisattvas der zehn Richtungen verbunden.[3]

Mit dem sechsten Paramita kommen wir nun zum Titel des Werkes: Prajna Paramita, die Fähre der Weisheit oder die vollkommene Weisheit:

Die Bodhisattvas haben die wahre Natur aller Phänomene erkannt, daher hegen sie von Anfang an den Willen die allumfassende Weisheit (eines Buddhas) zu erlangen. Deswegen heißt es Prajna Paramita – die Fähre der Weisheit.

Fraglich ist es nun, wieso es dann als Paramita, die Fähre zum Ufer, genannt werden kann, obwohl sie die Weisheit noch nicht vervollkommnet haben. Die Antwort lautet so:

Die vom Buddha erlangte Weisheit ist das wahre Paramita, aufgrund dessen wird das, was der Bodhisattva tut, auch Paramita genannt: Man spricht dabei von der Ursache der Wirkung. Die Fähre der Weisheit wird im Geiste des Buddha zur allumfassenden Weisheit. Bodhisattvas praktizieren die Weisheit, um zum anderen Ufer zu kommen, daher heißt dies die Fähre (Paramita); Buddhas haben bereits das andere Ufer erreicht, daher heißt dies die allumfassende Weisheit.[4]

Ohne Samen keine Frucht. Die Praxis der Weisheit, welche zur Buddhaschaft und zur allumfassenden Weisheit führt, ist also die Fähre der Weisheit. Worin besteht aber der Unterschied zur Weisheit der Hörer?

Der Weg der Hörer hat zwar die vier edlen Wahrheiten, betrachtet aber die wahre Natur der Phänomene aus der Sicht der Unbeständigkeit, des Leidens, der Leerheit und des Nicht-Ichs. Da ihre Weisheit unvollkommen und stumpf ist, sind sie nicht in der Lage, den anderen Wesen auf die Fähre zu helfen oder die Qualitäten der Buddhas zu erlangen. Sie verfügen über die wahre Weisheit, aber diese heißt nicht die „Fähre der Weisheit“. […] Die Beweggründe der Arhats und Pratyekabuddhas weisen kein großes Gelübde auf, haben keine große Güte oder großes Mitgefühl, streben nicht nach allen Eigenschaften [der Buddhas] und ehren nicht alle Buddhas der drei Zeiten und der zehn Richtungen. Sie versuchen nicht ernsthaft, die wahre Natur der Phänomene zu verstehen, denn sie versuchen nur, dem Leiden des Alters, der Krankheit und des Todes zu entfliehen.[5]

Die Bodhisattvas hegen das Motiv [alle Wesen ans Ufer zu bringen] von Anfang an und aus diesem Beweggrund heraus legen sie großes Gelübde ab. Sie hegen große Güte und großes Mitgefühl. Sie suchen nach allen Tugendverdiensten und ehren alle Buddhas der drei Zeiten und der zehn Richtungen. Sie verfügen über scharfe Weisheit und suchen die wahre Natur der Phänomene. Sie entfernen sich von allerlei Betrachtungen wie jene über das Reine, das Unreine, die Beständigkeit, die Unbeständigkeit,  das Glück, das Leiden, die Leerheit, die Existenz, das Ich und das Nicht-Ich. Sie lassen diese trügerischen Ansichten und geistigen Anstrengungen los und betrachten die wahre Natur der bedingten Phänomene als weder rein noch unrein, weder ewig noch vergänglich, weder glücklich noch unglücklich, weder leer (non-existent) noch existent, weder Ich noch Nicht-Ich. Der Bodhisattva haftet sich an keiner dieser Ansichten an, denn es handelt sich um konventionelle Lehren aber nicht um die ultimative Wahrheit. Letztere ist rundum klar und rein, kann weder widerlegt werden noch vergehen, sie ist die Haltung der Heiligen und Weisen, sie wird die Fähre der Weisheit genannt.[6]

Um sein Gelübde die Wesen zum Ufer zu führen zu erfüllen, will der Bodhisattva nicht rasch das Nirvana erlangen und praktiziert die Paramitas, um seine Verdienste, Qualitäten, Weisheit und Kraft zu vervollkommnen. Hier ist der jeweilige Zweck der sechs Fähren kurz zusammengefasst dargestellt:

1. Durch materielle Gaben erlangt er großen Reichtum, durch die Gabe von Lehren erwirbt er große Weisheit. Indem er diese beiden Gaben praktiziert, kann er die armen Wesen anleiten und sie in das Dreifache Fahrzeug einführen.

2. Durch die Einhaltung der sittlichen Verhaltensregeln wird er in einem edlen Zustand unter Göttern oder Menschen geboren. Er selbst vermeidet die drei unglücklichen Daseinswege, und er bringt die Wesen ihrerseits dazu, diese zu meiden.

3. Durch Geduld vermeidet er das Gift des Übelwollens und erlangt ein würdevolles Aussehen. Jene, die ihn sehen, sind voller Freude, respektieren ihn, schätzen ihn und verehren ihn, umso mehr, wenn sie ihn über die Lehre sprechen hören.

4. Durch die edle Anstrengung vernichtet er alle Trägheit, jetzt und in der Zukunft, beim Ausführen der Verdienste und des Pfades der Lehre. So erhält er einen Vajra-Körper (rein, unzerstörbar) und einen unerschütterlichen Geist. Mit diesem Körper und Geist zerstört er den Dünkel weltlicher Menschen und bringt sie dazu, Nirvana zu erlangen.

5. Mittels der Versenkung beschwichtigt er den zerstreuenden Geist. Er entzieht sich den Verfehlungen durch Genüsse aufgrund der fünf Sinnesbegierden und lehrt andere, sie zu vermeiden.

6. Die Versenkung ist die Grundlage der Fähre der Weisheit. Letztere entsteht spontan auf Basis der Versenkung.[7]

Um die allumfassende Weisheit der Buddhas zu erlangen, bedient sich der Bodhisattva allerlei geschickte Mittel, um auf die unterschiedlichen Qualitäten oder Veranlagungen der Wesen eingehen zu können. Aus diesem Grund weisen die Lehren Buddhas Widersprüche auf. Man darf sich daher nicht auf eine dieser Lehre fixieren, sondern die Lehren immer aus der rechten Sicht betrachten:

Die Lehre der Buddhas ist immens [groß] wie ein Ozean. Je nach Disposition der Wesen wird auf verschiedene Weise gelehrt: Manchmal spricht der Buddha von Existenz und manchmal von Nicht-Existenz, von Ewigkeit oder Vergänglichkeit, von Leiden oder Glückseligkeit, von Ich oder Nicht-Ich. Manchmal lehrt er die achtsame Praxis der dreifachen Handlung [von Körper, Sprache und Geist], die alle guten Phänomene umfasst. Manchmal lehrt er, dass alle Phänomene von Natur aus ohne-tun sind. Dies sind die vielfältigen und verschiedenen Lehren. Die Unwissenden, die sie hören, halten sie für einen Irrtum, aber der Weise […]  weiß, dass alle Worte des Buddhas wahre Lehren sind und sich nicht widersprechen.[8]

–> Fortsetzung: Teil 26: Das Vimalakirti Nirdesa Sutra: Kumarajivas Übersetzung und Sengzhaos Kommentarwerk


[1] 禪是波羅蜜之本。得是禪已,憐愍眾生,內心中有種種禪定妙樂而不知求,乃在外法不淨苦中求樂。如是觀已,生大悲心,立弘誓願:「我當令眾生皆得禪定內樂, 離不淨樂;依此禪樂已,次令得佛道樂。」是時禪定得名波羅蜜。 復次,於此禪中不受味,不求報,不隨報生,為調心故入禪;以智慧方便,還生欲界,度脫一切眾生,是時禪名為波羅蜜。——大智度論釋初品中毘梨耶波羅蜜義第二十八(卷第十七)

[2] […] 問曰: 阿羅漢、辟支佛俱不著味,何以不得禪波羅蜜? 答曰: 阿羅漢、辟支佛雖不著味,無大悲心故,不名禪波羅蜜,又復不能盡行諸禪。菩薩盡行諸禪,麁細、大小、深淺、內緣、外緣,一切盡行。以是故,菩薩心中名禪波羅蜜,餘人但名禪。復次,外道、聲聞、菩薩皆得禪定。而外道禪中有三種患:或味著,或邪見,或憍慢;聲聞禪中慈悲薄,於諸法中,不以利智貫達諸法實相,獨善其身,斷諸佛種; 菩薩禪中無此事,欲集一切諸佛法故,於諸禪中不忘眾生,乃至昆虫常加慈念。——大智度論釋初品中毘梨耶波羅蜜義第二十八(卷第十七)

[3] […] 復次,菩薩觀一切法,若亂、若定,皆是不二相。餘人除亂求定。何以故?以亂法中起瞋想,於定法中生著想。[…] 是故知取亂相,能生瞋等煩惱;取定相,能生著。菩薩不取亂相,亦不取禪定相, 亂、定相一故,是名禪波羅蜜。[…] 其心調柔,一一禪中行大慈大悲;以慈悲因緣,拔無量劫中罪;得諸法實相智故,為十方諸佛及大菩薩所念。——大智度論釋初品中毘梨耶波羅蜜義第二十八(卷第十七)

[4] 諸菩薩從初發心求一切種智,於其中間,知諸法實相慧,是般若波羅蜜。問曰: 若爾者,不應名為波羅蜜。何以故?未到智慧邊故。 答曰: 佛所得智慧是實波羅蜜,因是波羅蜜故,菩薩所行亦名波羅蜜,因中說果故。是般若波羅蜜,在佛心中變名為一切種智。菩薩行智慧,求度彼岸,故名波羅蜜;佛已度彼岸,故名一切種智。——大智度論釋初品中般若波羅蜜第二十九(卷第十八)

[5] […] 聲聞法中雖有四諦,以無常、苦、空、無我觀諸法實相,以智慧不具足不利,不能為一切眾生、不為得佛法故,雖有實智慧,不名般若波羅蜜。[…] 諸阿羅漢、辟支佛初發心時, 無大願,無大慈大悲,不求一切諸功德,不供養一切三世十方佛,不審諦求知諸法實相;但欲求脫老、病、死苦故。

[6] 諸菩薩從初發心,弘大誓願,有大慈悲,求一切諸功德,供養一切三世十方諸佛, 有大利智,求諸法實相。除種種諸觀,所謂淨觀、不淨觀,常觀、無常觀,樂觀、 苦觀,空觀、實觀,我觀、無我觀。捨如是等妄見心力諸觀,但觀外緣中實相,非淨、非不淨,非常、非非常,非樂、非苦,非空、非實,非我、非無我。如是等諸觀,不著不得;世俗法故,非第一義。周遍清淨,不破不壞,諸聖人行處,是名般若波羅蜜。——大智度論釋大智度論釋般若相義第三十

[7] 財施因緣故得大富,法施因緣故得大智慧;能以此二施,引導貧窮眾生,令入三乘道。

以持戒因緣故,生人天尊貴,自脫三惡道,亦令眾生免三惡道。

以忍辱因緣故,障瞋恚毒,得身色端政,威德第一,見者歡喜,敬信心伏,況復說法!

以精進因緣故,能破今世後世福德、道法懈怠,得金剛身、不動心;以是身、心,破凡夫憍慢,令得涅槃。

以禪定因緣故,破散亂心,離五欲罪樂,能為眾生說離欲法。

禪是般若波羅蜜依止處,依是禪,般若波羅蜜自然而生。——大智度論釋初品中般若波羅蜜第二十九(卷第十八)

[8] 諸佛法無量,有若大海,隨眾生意故,種種說法:或說有,或說無;或說常,或說 無常;或說苦,或說樂;或說我,或說無我;或說懃行三業、攝諸善法,或說一切諸法無作相。如是等種種異說,無智聞之,謂為乖錯;智者入三種法門,觀一切佛語皆是實法,不相違背。——大智度論釋大智度論釋般若相義第三十


(Mit Korrekturen von Ursula Presslauer, Birgit Seissl, Jörg Hollenstein und Alexander Maurer)



Kategorien:Abhandlung der Vollkommenen Weisheit 大智度论, Buddhismus China, Nagarjuna

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