Man tritt nicht ungestraft aus dem Lärm der Welt in die absolute Stille. Wer zum ersten Mal auf dem Meditationskissen Platz nimmt, bringt das unablässige Rauschen der Städte, die unerledigten Pflichten und das ständige Geplänkel der Gedanken mit sich. Die ersten Tage des Drei Schätze Meditation – Dao Praxis Retreats 2026 glichen für die Neulinge daher einer harten Übung im Aushalten. Der Körper bäumte sich auf, die Beine brannten, ein stumpfer Schmerz kroch durch den Rücken, und der Geist glich einem scheuen Fohlen, das sich gegen die Zügel wehrt. Doch das Geheimnis dieser Pfade liegt im konsequenten Durchhalten. Es vollzieht sich ein Prozess der stetigen Steigerung, ein leises, fast unmerkliches Erstarken der inneren Kraft. Anfangs schien jede Anstrengung vergebens, als schaufle man Wasser in ein gebrochenes Gefäß. Doch mit jedem erneuten Fokussieren, mit jedem Ausrichten der Aufmerksamkeit bildete sich eine unsichtbare Substanz. Nach einigen Tagen trat schließlich das Wunder ein: Der Körper schmerzte womöglich noch immer, aber der Geist begann, den Schmerz nicht mehr als Bedrohung zu betrachten. Er lernte, ihn zu ignorieren, ihn stehenzulassen, sodass die körperlichen Reize den inneren Fokus nicht mehr störten. Aus dem mühsamen Ringen erwuchs eine ruhige Kraft, die zur rechten Zeit ihre Wirkung entfaltete und den Fortschritt klar und hell offenbar werden ließ.
Für jene, die diesen Pfad schon länger beschreiten, öffnete sich das Tor zur Versenkung rascher. Durch die stetige Praxis früherer Retreats und die Verankerung im Alltag fanden sie schneller in die Ruhephase. Und doch war auch ihr Geist zu Beginn nicht vollkommen frei. Es galt, die letzten Reste der Alltagswelt zu verarbeiten, jene Eindrücke und Worte, die man kurz vor Beginn des Retreats noch in sich aufgenommen hatte. Doch mit dem Wiederaufnehmen der vertrauten Übung glätteten sich die Wellen auf dem See des Bewusstseins im Nu. Sie tauchten ein in eine Phase ruhiger Klarheit und tiefer Achtsamkeit. Was sich dabei vollzog, war eine körperliche wie energetische Regulierung. Es glich der Heilung eines kranken Auges: Der graue Schleier hob sich allmählich, und die Dinge wurden plötzlich in ihrer wahren, unverfälschten Natur sichtbar. Aus dieser reinen, ursprünglichen Natur heraus entfaltete sich jene Einsicht, die als echte Weisheit bezeichnet wird, eine Erkenntnis, die nicht aus Büchern stammt, sondern direkt aus dem Sein entspringt.

Wo die Stille tiefer wurde, begannen sich auch die Schleusen des Herzens zu öffnen. In der absoluten Ruhe brachen oft heilsame Gefühle Bahn. Da war eine tiefe, fast demütige Dankbarkeit für jene unsichtbaren Hände, die dieses Retreat trugen – die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere in der Küche, die mit unermüdlicher Hingabe dafür sorgten, dass jede Mahlzeit nicht nur Nährstoff, sondern ein farbenfrohes, köstliches Geschenk der Achtsamkeit war. Ebenso vollzog sich eine emotionale Reinigung, die überraschend und grundlos über die Übenden hereinbrach. Mancher brach mitten in der Stille grundlos in Tränen aus, ein anderer spürte ein leises Lachen in sich aufsteigen. Beides waren Ventile der Seele, das Befreien aufgestauter Emotionen, das Lösen alter, verkrusteter Kanten. Was blieb, war ein Gefühl tiefster Erleichterung und innerer Weite.
Oft zeigte sich die Wirkung der Praxis auf wundersame Weise in der Kunst der Wandlung. Da rang man tagelang vergebens um Konzentration, die Gedanken vermehrten sich wie ein Schwarm unruhiger Insekten, und der Selbstzweifel flüsterte einem zu, man sei nicht geschaffen für diesen Weg. Und dann – mitten in dieser scheinbaren Sackgasse – genügte ein kleiner Funke von Selbstreflexion, ein sanftes Verändern des Blickwinkels. Wie von Geisterhand wandelte sich das gesamte innere Erleben. Die ungestümen Gedanken legten sich wie der Wind nach einem Sturm. An ihre Stelle trat mühelos der Fokus, getragen von einer klaren, präsenten Achtsamkeit und einer tiefen, unerschütterlichen Ruhe.

Denn dieses Retreat war kein Rückzug um des Rückzugs willen, sondern eine fundamentale Schulung für das Leben. Im Kern ging es darum, die Fähigkeit zum Fokus zu schärfen und die Kunst zu erlernen, äußere Reize und unruhige Gedanken schlicht nicht zu beachten oder loszulassen. Es war das Einüben von Nicht-Anhaftung und das Überwinden trennender Unterscheidungen. Durch die Wandlung des eigenen Bewusstseins zur Weisheit lernten die Übenden, den falschen, illusionären Sinn zu durchschauen, um den wahrhaftig reinen, ursprünglichen Geist zu erkennen und fortan aus dieser Natur heraus zu handeln. Ziel dieser Selbstkultivierung ist es, die eigene tugendhafte Kultiviertheit zu steigern, schlechte Gewohnheiten abzulegen und das Gemüt zu erhellen. Denn nur wer sich selbst verbessert, kann in harmonischer Einheit mit der eigenen Familie leben, dadurch die Gesellschaft von innen heraus erneuern und schließlich zum Frieden der Welt beitragen.
Getragen wurde dieses gesamte Geschehen von der Präsenz und Güte des Retreat-Leiters Tsai Suifa. Mit seinen 83 Jahren nahm er die weite, beschwerliche Reise von Taiwan nach Österreich auf sich, um die Übenden in die fernöstliche Weisheit und die Herzensmethode der Drei Schätze einzuführen. Über das Wesen dieser Praxis lehrte er, dass die Drei Schätze Herzensmethode im Grunde eine Form der Herzens-Meditation sei. Sie helfe dabei, unsere unruhigen und abschweifenden Gedanken wieder einzufangen. Gerade in der heutigen hektischen Zeit, in der viele alte Werte verloren gehen, gerate unser Inneres leicht aus dem Gleichgewicht. Ehe man es sich versieht, verrennt man sich in tausend Gedanken und fühlt sich orientierungslos und überfordert. Genau deshalb diene diese Methode dazu, den Geist wieder zu beruhigen und zu innerer Stabilität zurückzufinden.
Über die Natur des Menschseins zitierte Meister Tsai Suifa die drei klassischen Fragen Rabindranath Tagores über das Leben. Auf die Frage, was am einfachsten sei, antwortete er: Anderen die Schuld zu geben oder andere zu kritisieren, denn es falle den Menschen oft leicht, die Fehler anderer zu sehen, während sie ihre eigenen übersehen. Was am schwierigsten sei? Sich selbst zu erkennen, denn seine eigene Persönlichkeit und seine inneren Schwächen zu verstehen, erfordere viel Zeit und Mut. Und was schließlich am größten sei? Die Antwort darauf lautet schlicht: Die Liebe.

In der immobilen Stille der Geh- und Laufmeditation, als alle Übenden in vollkommener Reglosigkeit inneverhielten und seinen Worten lauschten, teilte er eine bekannte Grabinschrift, die wie ein innerer Kompass wirkt. Sie erzählt von den Zeilen eines Sterbenden, der rückblickend bekennt, dass er in seiner Jugend, als er frei war und seine Vorstellungskraft keine Grenzen kannte, davon träumte, die Welt zu verändern. Als er älter und weiser wurde, stellte er fest, dass sich die Welt nicht verändern ließ, und beschloss daher, nur sein Land zu verändern, doch auch das schien unbeweglich. In seinen späten Jahren unternahm er einen letzten Versuch und gab sich damit zufrieden, nur seine Familie zu verändern – doch auch sie wollten nichts davon wissen. Erst auf dem Sterbebett erkennt der Mensch die Wahrheit: Wenn er nur zuerst sich selbst verändert hätte, hätte er durch sein Vorbild vielleicht seine Familie verändert. Durch deren Inspiration und Ermutigung wäre er dann wohl in der Lage gewesen, sein Land zu verbessern – und wer weiß, vielleicht hätte er dadurch sogar die Welt verändert.

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