Podiumsutra – Kap. 8: Die acht Verkehrtheiten

 

 

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers – Kap. 8 (1): Die acht Verkehrtheiten

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat

 

Während Huinengs Schule hauptsächlich im Süden des Landes verbreitet war, beherrschte die Schule seines Lehrbruders Shenxiu den Norden Chinas. Da das politische Zentrum im Norden lag, wurde Shenxiu vom Kaiserhof als Staatsmeister geehrt. Shenxiu betonte aber ständig, dass nicht er der berufene Nachfolger seines Lehrers war, sondern dass Huineng der 6. Ahnlehrer der Linie sei. Dies führte zu Unmut bei manchen seiner Schüler, denn sie sahen in Shenxiu den rechtmäßigen Nachfolger des 5. Ahnlehrers Hongren. So kamen immer wieder Schüler in den Süden, um mit Huineng über die Lehre zu diskutieren und die Überlegenheit der nördlichen Schule zu demonstrieren.

Einige unter ihnen kamen durch das Gespräch mit Huineng zum Erwachen. Im 8. Kapitel geht es um die Gespräche zwischen Schülern der Nordschule und Huineng. Unter diesen gab es auch feindselig gesinnte, die nicht friedlich waren. Ein Schüler, der in seinen jungen Jahren ein tollkühner Kungfu-Kämpfer war, schlich gar mitten in der Nacht ins Gemach Huinengs, um ein Attentat auf ihn auszuüben. Huineng aber konnte ihn von seiner Absicht abbringen. Dieser Laienschüler, namens Xingchang, war derart von Huineng beeindruckt, dass er sich zum Mönch ordinieren ließ und emsig die Buddhalehre studierte. Nach jahrelanger strenger Praxis als asketischer Wandermönch kam er wieder zu Huineng zurück und bat um Unterweisung:

 

[Xingchang] sprach: „[…] Der Schüler studiert ständig das Nirvana Sutra und begreift nicht, was Beständigkeit und Unbeständigkeit bedeuten. Bitte den Meister um gnädige Unterweisung.“

Der Meister sprach: „Unbeständig ist das Buddhawesen, beständig sind alle guten und schlechten Phänomene, also der differenzierende Geist.“

[Xingchang] sprach: „Was der Meister sagt, widerspricht stark dem Sutra.“

Der Meister sprach: „Ich lehre das Geistessiegel (Hauptlehre) Buddhas, wie würde ich es wagen, Buddhas Sutra zu widersprechen!“

[Xingchang] sprach: „Das Sutra sagt, das Buddhawesen sei beständig, aber der Meister sagt, es sei unbeständig. [Das Sutra sagt,] die guten und schlechten Phänomene und ja sogar das Bodhicitta seien unbeständig, aber der Meister sagt, diese seien beständig. Dies widerspricht sich doch und verstärkt noch mehr des Schülers Zweifel.“

Der Meister sprach: „ […] Wenn das Buddhawesen beständig wäre, wozu reden wir noch über gute und schlechte Phänomene, und es könnte in unendlichen Äonen niemand mehr das Bodhicitta entfalten. Deshalb spreche ich von der Unbeständigkeit, die eben der von Buddha dargelegten wahren Beständigkeit entspricht.

Wiederum, wenn alle Phänomene unbeständig sind, dann hätte jedes Ding ein eigenes Wesen und wäre [jeder für sich dem Kreislauf von] Leben und Tod unterworfen, dann wäre das wahre beständige Wesen nicht allgegenwärtig. Deshalb spreche ich von der Beständigkeit, die eben der von Buddha dargelegten wahren Unbeständigkeit entspricht.

Buddha machte die folgende Darstellung: Die weltlichen Menschen und die anderen Wege beharren auf der falschen Beständigkeit, und jene von den zwei Fahrzeugen (Sravaka und Pratyekabuddha) erachten die Beständigkeit als unbeständig. Diese bilden insgesamt acht Verkehrtheiten. Daher zeigte Buddha bei der Lehre des Nirvana [Sutras] diese falsche Ansichten auf und lehrte die wahre Beständigkeit, wahre Glückseligkeit, das wahre Ich und die wahre Reinheit.

Du zerlegst also die Worte [Buddhas] mit dem verkehrten Sinn und denkst an eine auslöschende Unbeständigkeit respektive eine starre Beständigkeit. Damit hast du die so vollkommenen, tiefsinnigen letzten Worte Buddhas falsch dargelegt. Selbst wenn du das Sutra tausend Male durchliest, würde es dir wenig nutzen.“

Xingchang erlangte plötzlich das große Erwachen. [1]

 

Die Entwicklung des Buddhismus brachte Aussagen hervor, die auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein scheinen. In der Regel gelten die drei buddhistischen Daseinsmerkmale: Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit, Ichlosigkeit – nämlich, dass alles leer ist. Das Nirvana Sutra spricht plötzlich von wahrer Beständigkeit, wahrer Glückseligkeit, wahrem Ich und wahrer Reinheit, dass das Buddhawesen beständig, glückselig, das Ich und rein wäre. Unbeständig sei demnach der Geist, der Unterscheidungen wie gut und böse und andere Phänomene hegt. Das ist Xingchang aufgefallen, und er fragte nun Huineng. Huinengs Antwort (dass das Buddhawesen nicht beständig und andere Phänomene des Geistes beständig seien) scheint dem Nirvana Sutra zu widersprechen. Das verwirrte Xingchang noch mehr. Huineng sprach daraufhin von den „acht Verkehrtheiten“ der anderen Wege und der „zwei Fahrzeuge“ (Sravaka und Pratyekabuddha):

Die „anderen Wege“ (der nicht erwachten Lebewesen) sehen den Kreislauf des Lebens und Todes (Samsara) als real an und streben danach, gute Karma Früchte zu erlangen und schlechte Karma Früchte zu vermeiden. Die Anhaftung an einem beständigen Ich, das Leiden und Glück erfährt, hindert sie daran, sich vom Samsara zu befreien. Sie hängen in den „vier Verkehrtheiten“ und sehen irrtümlich:

  • das Unbeständige als beständig
  • das Leidvolle als glückselig
  • das Nicht-Ich als Ich
  • das Unreine als rein

Um diese Anhaftungen zu überwinden dienen vier Betrachtungen:

  • der Körper ist unrein,
  • alle Gefühle sind leidhaft,
  • der Geist ist unbeständig und
  • alle Phänomene sind ohne Ich.

Die „zwei Fahrzeuge“ sind Bezeichnungen der Mahayana Schule. Mann kann die erwachten Wesen in zwei Kategorien unterscheiden: „Sravaka“ ist wörtlich „Hörer“: Schüler, die durch die Anleitung eines Lehrers erwachen. Ein „Pratyekabuddha“ ist jemand, der allein, ohne Lehrer, zum Erwachen gekommen ist. Der Mahayana Standpunkt ist, dass diese erwachten Wesen zwar die Befreiung von den Geistestrübungen erlangt, aber noch nicht die höchste Weisheit vervollkommnet haben. Sie haben sich befreit von Begierde und verblendeter Sicht, aber noch nicht das Buddhawesen erkannt. Es heißt, sie hegen auch vier Verkehrtheiten und erachten:

  • das Beständige als unbeständig,
  • das Glückselige als leidvoll,
  • das Ich als Nicht-Ich und
  • das Reine als nicht rein.

Dies ist das Gegenteil der oben erwähnten vier. Auf der Flucht vor einem Extrem sind diese Schüler ins andere Extrem gefallen. Die Buddhalehre ist keine fixe Doktrin (keine Theorie), sondern ein Heilmittel gegen unterschiedliche Krankheiten. Sravakas und Pratyekabuddhas haben die Krankheiten bereits überwunden, sind jedoch noch geschwächt und brauchen jetzt ein Mittel zur Stärkung, um vollkommene Genesung zu erlangen. Dafür lehrt Buddha die Betrachtung des Buddhawesens als

  • die wahre Beständigkeit
  • wahre Glückseligkeit
  • das wahre Ich und
  • die wahre Reinheit

Dieses „Umwerten aller Werte“ hat eigentlich den Zweck, die Schüler auf den „mittleren Weg“ Buddhas zurückzuführen, das ist: die endgültige Befreiung aus der dualistischen Sicht (das Buddhawesen ist nicht-dualistisch). Jede begriffliche Bestimmung verfällt unweigerlich in Vorstellungen, die trügerisch, illusorisch und hinderlich sind. Huineng war sich diesem Zweck der Nirvana Sutra Textstelle sicher und wusste, dass Xingchang in der Falle der wahren Beständigkeit steckte. Er hegte also eine Anhaftung an den Begriff und hat den nicht-dualistischen Sinn verfehlt. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, drehte er die Begriffe nochmals um und behauptete jetzt, das Buddhawesen sei nicht beständig und der differenzierende Geist sei beständig.

Wäre das Buddhawesen beständig, dann könnte es keine Verblendeten geben. Wozu dann Bodhicitta entfalten, wenn niemandem geholfen zu werden braucht. Wäre es aber unbeständig, würden alle Phänomene unabhängig voneinander entstehen und vergehen. Und wenn sie dann alle vergangen sind, was bringt sie wieder hervor? Betrachtet man es als beständig, hegt man also die Anhaftung an die Vorstellung eines ewigen unveränderbaren Wesens (Ewigkeitsglaube), und vernachlässigt die Praxis zur Überwindung der Geistestrübungen bzw. die Vervollkommnung der höchsten Weisheit. Betrachtet man es als unbeständig, hegt man die Vorstellung einer Auslöschung alles Seins (Vernichtungsglaube), dann strebt man nach der Beendigung aller Phänomene und verfängt sich in einer „falschen Leerheit“. Beide Vorstellungen sind gleich hinderlich zur Erlangung des endgültigen Nirvana, des Anuttara Samyak Sambodhi. Also letztlich ist das Buddhawesen:

  • weder beständig noch unbeständig, daher die wahre Beständigkeit
  • weder glückselig noch leidvoll, daher die wahre Glückseligkeit
  • weder Ich noch Nicht-Ich, daher das wahre Ich
  • weder rein noch nicht rein, daher die wahre Reinheit

Dies ist nicht gedanklich erfassbar, sondern entfaltet sich im ungehinderten natürlichen Fluss des Urwesens: das Tun ohne Absicht, das Tun im Nichts-Tun. Huineng lehrt genau diesen Weg, so wie es eigentlich der historische Buddha auch gemacht hat, denn sein Leitsatz ist:

„Das eigene Wesen ist an sich erwacht und von Natur aus rein und klar. Einfach diesem Sinn folgen und direkt das Buddhatum erlangen!“

Man sollte keine Vorstellungen von „Entwicklungsstufen“ hegen, da jede Vorstellung trügerisch und illusorisch  – und daher hinderlich ist.

Meister Lü, ein daoistischer Meister, ist beim Weg der Einheit einer der heiligen Gesetzeshüter 法律主 fa lü zhu, die uns bei der Praxis begleiten, prüfen und beschützen. Er sagt Folgendes:

 

Die wahre Soheit: ist unser klares und reines Buddhawesen.
Die kontemplative Betrachtung: Betrachte alle Sachen im Leben mit Ruhe.
Wer strebt, haftet sich an Vorstellungen an.
Wer aufgibt, hegt keine Gedanken mehr im Geiste.
Nicht streben und auch nicht aufgeben, dann folgt man dem natürlichen Lauf der Dinge.

Daher: Lasse das klare, reine Buddhawesen wirken, betrachte in Ruhe alle Sachen im Leben mit der [natürlichen] Weisheit und folge dem natürlichen Lauf der Dinge. Bei allen Phänomenen weder streben noch aufgeben: So manifestiert sich das Urwesen, und das Buddhatum gelangt zur Vervollkommnung.[2]

 

Ein Gleichnis möge dies bildlicher und lebhafter darstellen:

Ein neu fertiggestelltes Uhrwerk kam zu zwei alten dazu, die im Sekundentakt rhythmisch tickten. Einer von ihnen sagte zum Neuling: „Willkommen im Team. Die Arbeit ist aber nicht einfach, du musst im Jahr etwa 32 Mio. Male ticken. Schaffst du das?“ Der Jüngling war eingeschüchtert: „Was?! 32 Mio. Male! Wie kann ich so viel schaffen?!“ Der andere sagte zu ihm: „Hör nicht auf ihn. Mach dir keine Sorgen. Es ist ganz einfach. Du brauchst nur zu jeder Sekunde ein Mal ticken.“ Der Jüngling zeigte sich überrascht: „Was, nur so einfach?!“ Er probierte es einmal aus und tickte einmal. Es war gar nicht so schwer! So tickte er weiter einfach zu jeder Sekunde einmal. Unbemerkt ist das Jahr vergangen, und er hat ohne Mühe etwa 32 Mio. Male getickt. 

Was sagt uns diese Geschichte? Ein Kind, das gerade in die Volksschule kommt, kann sich schwer vorstellen, einmal ein großer Professor zu werden. Oder ein beruflicher Neuling, der eine unüberbrückbare Distanz zu erfolgreichen Menschen sieht. Aber auch ein Professor war einmal ein Kind und die erfolgreichen Menschen starteten als Neulinge. Es gibt viele Gründe für Erfolg im Leben, aber ein wichtiger Schlüssel dazu wird sein: Lebe im Hier und Jetzt! So wie dieses Uhrwerk, das einfach auf jedes Ticken zu jeder Sekunde achtet.

Ein Koan bringt die Sache noch näher:

Einst fragte ein Schüler einen Chan-Meister: „Was ist denn das Ziel unserer Praxis?“
Der Meister lächelte und antwortete: „Esse, wenn du Hunger hast, schlafe, wenn du müde bist!“
Der Schüler hegte Zweifel daran und fragte weiter: „Das machen doch alle!“
Der Meister sagte: „Die meisten Menschen essen und sind nicht beim Essen, sie schlafen und können nicht gut schlafen. Ein Meister isst, wenn er isst, schläft, wenn er schläft!“

 


[1] [行昌] 曰:弟子常览涅槃经。未晓常无常义。乞和尚慈悲。略为解说。师曰。无常者。即佛性也。有常者。即一切善恶诸法分别心也。曰。和尚所说。大违经文。师曰。吾传佛心印。安敢违于佛经。

[行昌]曰。经说佛性是常。和尚却言无常。善恶诸法乃至菩提心。皆是无常。和尚却言是常。此即相违。今学人转加疑惑。

师曰。涅槃经。吾昔听尼无尽藏读诵一遍。便为讲说。无一字一义不合经文。乃至为汝。终无二说。曰。学人识量浅昧。愿和尚委曲开示。师曰。汝知否。佛性若常。更说什么善恶诸法。乃至穷劫。无有一人发菩提心者。故吾说无常。正是佛说真常之道也。又一切诸法若无常者。即物物皆有自性。容受生死。而真常性有不遍之处。故吾说常者。正是佛说真无常义。佛比为凡夫外道执于邪常。诸二乘人于常计无常。共成八倒。故于涅槃了义教中。破彼偏见。而显说真常真乐真我真净。汝今依言背义。以断灭无常。及确定死常。而错解佛之圆妙最后微言。纵览千遍。有何所益。

行昌忽然大悟。

[2] 吕祖纯阳:真如,清淨之佛性也;观照,静观人生万事也;取者,著相之心也;捨者,心无一念也。不取不捨,则放其自然之义。运用清淨佛性,以智慧静观人生万事,一切事皆能放其自然。即见出本性,而成佛道。故曰用自真如性,以智慧观照,于一切法不取不捨,即是见性成佛道也。

 

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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