Marc Aurel, die Stoa und das Dao


Marc Aurel (* 26. April 121 in Rom; † 17. März 180 in Vindobona oder Sirmium)

„Die Götter, die ja unsterblich sind, regen sich nicht darüber auf, dass sie in alle Ewigkeit, durchaus immer, so minderwertige Menschen in so großer Zahl ertragen müssen. Ja mehr noch, sie sorgen sogar für sie in jeder Hinsicht. Du aber, der du doch bald sterben wirst, verzagst, und das, wo du doch einer der Minderwertigen bist?“ (7.70)

„Sieh zu, dass du nicht für die Unmenschen dasselbe empfindest wie die Unmenschen für die Menschen.“ (6.5)

Diese Worte wurden in den siebziger Jahren des 2. Jahrhunderts in irgendeinem Militärlager an der unruhigen Nordgrenze des römischen Reiches niedergeschrieben. Es waren persönliche Aufzeichnungen und Reflexionen,  die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Daher tragen sie auch den schlichten griechischen Titel „Eis heauton“ (an sich selbst). Wer da in einem Militärzelt beim Schein einer Öllampe zum Eigengebrauch lebenspraktische Notizen anfertigte, war sozusagen „der Chef“ selbst, der Imperator Marcus Aurelius.

Der Freund griechischer Literatur und Philosophie wäre wohl am allerliebsten bei seinen Büchern und der Beschäftigung mit der stoischen Philosophie geblieben, aber die Umstände wollten es anders. Eine über Hundertjährige Epoche des Friedens und Wohlstands war eben zu Ende gegangen, Nomadenreiter aus der Steppe sorgten für Aufruhr und Krieg. Der pflichtbewusste Kaiser begab sich also an die Brennpunkte des Geschehens und verbrachte letztlich fast 20 Jahre bei den Truppen, denn zu den Konfrontationen mit Germanen, Sarmaten (Steppenreitern) und den Parthern kamen zu allem Überfluss noch Pestausbrüche und Putschversuche ausgerechnet seiner fähigsten Generäle.

„Wenn du gleichzeitig eine Stiefmutter und eine Mutter hättest, würdest du jene zwar ehren, aber trotzdem immer zu deiner Mutter zurückkehren. Das ist für dich jetzt der Kaiserhof und die Philosophie.“ (6.12)

 Obligatorisch für einen römischen Kaiser waren natürlich auch die Schwierigkeiten mit dem Senat und der „öffentlichen Meinung“ in den führenden Schichten. Marc Aurel notiert dazu unter anderem:

„Du willst von einem Menschen gelobt werden, der sich dreimal in der Stunde selbst verflucht? Du willst einem Menschen gefallen, der sich selbst nicht gefällt?“ (8.53)

„Im Senat und zu jedermann maßvoll und sehr deutlich reden, wie es der Natur entspricht; sich einer gesunden Ausdrucksweise bedienen.“ (8.30)

Auch der folgende Stoßseufzer eines Vorgesetzten ist zeitlos gültig:

„Dass sie nichtsdestoweniger dasselbe [nochmals] tun werden, auch wenn du darüber zerplatzen solltest“ (8.4)

Es ist letztlich ein reiner Zufall, dass diese Aufzeichnungen Marc Aurels trotz ihres nichtöffentlichen Charakters erhalten geblieben sind. Zusammen mit den 100 Jahre älteren Werken Senecas, welche allerdings bewusst für ein Publikum geschrieben und veröffentlicht wurden, sind sie für uns heute die wichtigste erhaltene Quelle für die stoische Philosophie.

Betrachten wir nun also einmal die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Stoa und dem Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus des Weges der Einheit. Dies liegt deswegen nahe, weil der Stoizismus als Lebenspraxis und Wegweiser für den Alltag in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen ist. Und es ist zwischen westlichen Buddhisten und diesen Neostoikern schon zu intensiven und interessanten Dialogen gekommen.

Versuchen wir eine kurze Zusammenfassung der stoischen Philosophie. Jeder hat wohl schon einmal den Begriff der „stoischen Ruhe“ gehört, mit der manche Menschen fürchterliche Schicksalsschläge hinnehmen können. Das ist insofern durchaus zutreffend, weil die stoische Ethik vorzüglich drei seelische Zustände erreichen will:

  1. Die Apatheia ( Leidenschaftslosigkeit). Das griechische Wort kennen wir als „apathisch“, aber das ist gerade nicht gemeint, das ist eher ein Zerrbild, eine Karikatur davon. Angestrebt wird vielmehr sehr wörtlich eine Leidenschaftslosigkeit: eine Freiheit von den Trieben und Leidenschaften, welche, wie man im Deutschen schön sagen kann, eben Leiden schaffen. Wir sind hier also schon mal sehr nahe an buddhistischen Konzepten.
  2. Die Autarkia (Unbeeinflussbarkeit, Unabhängigkeit) kennen wir ebenfalls als griechisches Wort im heutigen Sprachgebrauch. Heute vorwiegend materiell-technisch verstanden („autarker Stromkreislauf“) geht es wiederum sehr buddhistisch klingend um das Loslassen der Anhänglichkeit an Äußerlichkeiten. Dazu gehört für die Stoiker auch ein einfacher, unauffälliger, materiell bescheidener Lebensstil. Das Ideal der altrömischen Stoiker war ein kleines Landgut draußen vor der Stadt, auf dem sie sich weitgehend selbst versorgten.
  3. Die Ataraxia (Unerschütterlichkeit, Seelenruhe) ist jenes stoische Ideal, welches folgerichtig aus den beiden Seelenhaltungen entsteht.

Das stoische Weltbild sieht alles in der Welt mit allem verbunden und verwoben. Alles geschieht aus strenger Kausalität, für Wunder und für ein Jenseitiges ist kein Platz. Gleichzeitig ist alles in stetem Wandel begriffen. Alles ist gleichermaßen Teil einer Einheit, alles ist göttlich. Charakteristisch ist das Verhältnis zum Tod, wie es Marc Aurel skizziert:

„Verachte nicht den Tod, sondern finde Gefallen an ihm, da auch er zu den Dingen gehört, die die Natur will. Denn jung sein und altern, heranwachsen und mannbar werden, Zähne, Bart und graue Haare bekommen, Zeugen, schwanger werden und gebären und all die anderen Vorgänge in der Natur, die die Jahreszeiten des Lebens so mit sich bringen, sind genauso wie das Sterben. Also entspricht es einem vernünftigen Menschen, dass er weder ganz versessen auf den Tod ist noch ungestüm nach ihm verlangt noch sich ihm gegenüber hoffärtig verhält, sondern ihn als eines von den Dingen erwartet, die die Natur hervorbringt“ (9.3)

Wie man sieht, liegen die lebenspraktischen Vorstellungen der Stoa dem Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus gar nicht fern. Mit dem Konfuzianismus verbindet ihn wohl vor allem zweierlei: einmal ein Desinteresse an Jenseitigem und Übernatürlichen, er ist also nicht religiös. Gegenüber den Religionen verhielt sich der Stoizismus neutral bis ablehnend. Zum anderen ist eines seiner Hauptanliegen ein Sinn für Pflichterfüllung: Der Mensch ist ein soziales Wesen und hat unweigerlich soziale Aufgaben zu erfüllen. Trotz der angestrebten Autarkia hätten die Stoiker ein Mönchstum und eine Askese in Einsamkeit abgelehnt. Typisch für sie sind etwa folgende Notizen Marc Aurels:

„Die Menschen suchen sich Plätze, an die sie sich zurückziehen können, auf dem Land, an der Küste des Meeres und in den Bergen. Und doch ist das im höchsten Maße albern, wo es doch möglich ist, sich, wann immer man es will, in sich selbst zurückzuziehen.“ (4.3)

„Die Menschen sind füreinander da. Belehre sie also oder ertrage sie.“ (8.59)

„Wie du selbst zur Verwirklichung der staatlichen Ordnung beitragen kannst, so soll auch jede deiner Handlungen dazu beitragen, das staatliche Leben zu verwirklichen. Eine Handlung, die sich weder unmittelbar noch von fern auf das Gemeinschaftsziel bezieht, die zerreißt das Leben, lässt es nicht eins sein und ist aufrührerisch wie ein Mensch, der sich … von einem solchen Zusammenhang trennt.“ (9.23)

Das hat einen Zug von Strenge und Härte. Tatsächlich weht ein disziplinierter und soldatischer Geist in der antiken Stoa, und der heutige Neostoizismus pflegt oft eine fordernde Leistungsmentalität. Der eine kann zwar sehr davon profitieren, andere neigen dadurch dazu, viel zu streng mit sich und anderen zu sein. Das stoische Pflichtbewusstsein, die Härte zu sich, sollte also ausgeglichen werden, etwa durch Eigenschaften wie Gelassenheit, Mitgefühl. Durch das Einnehmen eines gelassenen, nichtdualistischen Standpunktes, durch das Pflegen des Bodhicitta. Dies vernachlässigt der Stoizismus ein wenig, und dies kann Meditation, dies kann das Dao dazu beitragen.

Hören wir zuletzt noch einmal dem Kaiser Marc Aurel bei seinen Gedanken, an einem Schreibtisch irgendwo in einem Armeestützpunkt an der Grenze, zu:

„Wenn uns das Denkvermögen gemeinsam ist, dann ist uns auch die Vernunft, der zufolge wir vernünftig sind, gemeinsam. Wenn dem so ist, dann ist uns auch die Vernunft, die uns aufträgt, was zu tun ist und was nicht, gemeinsam. Ist dies der Fall, so ist uns auch das Gesetz gemeinsam. Wenn das richtig ist, dann sind wir alle Bürger und haben somit alle Anteil an einer Art von Staatswesen. Wenn das zutrifft, dann ist der Kosmos so etwas wie ein Staat.“ (4.4)

(Anm.: Alle Zitate sind aus der Übersetzung der „Selbstbetrachtungen“ von Gernot Krapinger von 2019 übernommen. Die Ziffern geben  Kapitel und Abschnitt an.)



Kategorien:Dao, Daoismus / Taoismus, Konfuzianismus, Philosophie, Stoa/Stoizismus

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