Podiumsutra – (Kap. 2 (3): die ursprüngliche Weisheit

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers (Kap. 2-3): die ursprüngliche Weisheit

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat am 23.01.2020

Im letzten Beitrag sprach Huineng über die Bedeutung von Prajna, die Weisheit zur Wandlung von Geistesbetrübungen: Gier, Hass und Verblendung. Diese drei sind übrigens nur eine zusammenfassende Darstellung aller möglichen Geistestrübungen. Huineng sagte etwa:

Edle Gefährten, die Lehre von mir entfaltet aus dem einem Prajna 84000 Weisheiten. Warum? Weil die weltlichen Menschen 84000 Staubbelastungen haben. Wenn es keine Staubbelastung gibt, zeigt sich ständig die Weisheit, man entfernt sich nicht vom natürlichen Wesen.[1]

Man spricht auch von „84 000 verschiedenen Lehren,die 84 000 Trübungen und Belastungen heilen“. Die Lehre des Buddha wird manchmal mit einer riesigen Apotheke verglichen, die gegen jede Krankheit die entsprechende Medizin ausgibt. Die Zahl 84 000 ist nicht wörtlich gemeint, darunter ist einfach eine Unmenge an betrübenden und belastenden Geisteszuständen zu verstehen. In den unterschiedlichen buddhistischen Richtungen gibt es verschiedene Kategorisierungen von Kleshas (Geistestrübungen) und eine Vielzahl entsprechender „Behandlungswege“. Heute sehr bekannt im Westen ist die Satipatthana-Methode. Sati wird allgemein mit Achtsamkeit übersetzt, der zweite Wortteil stammt von upatthana, was gegenwärtig sein, bereit stehen bedeutet. Einfach gesagt handelt es sich darum, in einem gewissen Grad der meditativen Sammlung/Konzentration die achtsame Betrachtung auf Körper, Gefühle, Geisteszustände und auf die Dharmas (die Phänomene) zu richten, also auf unser gesamtes inneres und äußeres Umfeld, und so die drei Daseinsmerkmale selbst unmittelbar zu erleben und zu realisieren. Die drei sind:

  • Die Phänomene sind nicht dauerhaft (Anicca)
  • Das Anhaften an ihnen führt daher zu Leiden (Dukkha)
  • Ihnen kommt daher kein eigenständiges Wesen zu, sie sind Ich-los (Anatta)

Die Erkenntnis, dass alles bedingt voneinander existiert, also nichts individuell unabhängig bestehen kann (die „Zwölfgliedrige Kausalkette“), erschüttert die Ich-Anhaftung und löst die damit verbundenen Zu- und Abneigungen sowie falsche Ansichten auf. Damit packt man die Ursache der Unzulänglichkeiten an und schlägt den Pfad zur Befreiung vom Leiden, also zum Erwachen, ein (die „Vier Edlen Wahrheiten“ und der „Achtfache Pfad“). Diese Einsichten sind die gemeinsame Grundlage aller buddhistischen Richtungen, seien es Theravada oder die verschiedenen Mahayana Schulen. Der Mahayana legt besonders auf die Geisteshaltung des Bodhicitta Wert, auf das Verständnis des Nicht-getrennt-seins von „Ich“ und „Du“. Die eigene Geistesschulung nicht als etwas „für einen Selbst“ zu verstehen, sondern als etwas, das allen Wesen, der ganzen Welt, zugute kommt – das ist eben jene Eigenschaft, die als Maha, also groß, bezeichnet wird. Die Betrachtungen, die als groß gelten: das ist eben Prajna (die Weisheit), die „zum anderen Ufer“ (paramita) führt. Zur konkreten Übungspraxis gibt der Ahnlehrer den folgenden Leitfaden:

Wer dieses Dharma begreift, ist eben ohne Gedanken, ohne Rückbesinnung und Anhaftung. Täuschende und falsche (Gedanken) tauchen nicht auf. Wirke mit dem eigenen wahren Wesen, betrachte und beleuchte (alles) mit der Weisheit. Sämtliche Phänomene nicht ergreifen und nicht abweisen, so hat man sein Wesen erblickt und das Buddhatum oder das Dao errungen (oder verwirklicht).[2]

Um diesen Praxisweg zu begreifen, muss man einsehen, dass unser Urwesen gar nicht befleckbar, sondern an sich stets erwacht und wirkend ist. Man begreift es nur nicht, weil man eine falsche Sicht hegt. Es ist so wie beim Rotkäppchen, das von den Blumen abgelenkt wird und vergisst, dass es eigentlich zur Großmutter muss. Würde sie die Blumen nicht beachten, würde sie nicht in die Falle des Wolfes tappen. Wenn wir einsehen, dass unser Urwesen nicht von Zeit und Raum abhängig ist, dann wird es uns auch gelingen im gegenwärtigen Augenblick immer hier und präsent zu sein, bei allen inneren und äußeren Phänomenen nicht zu ergreifen und auch nicht abzuweisen, d. h. zu tun, ohne zu tun. In solchen Momenten gleicht man dem Urwesen, gleicht einem Buddha, einem Erwachten. Abgebrochen wird der Fluss aber dann, wenn Anhaftungen auftauchen, wenn man zu- oder abgeneigt ist. Die Geistestrübungen (Gier und Hass, Zu- und Abneigungen) kommen wieder ins Spiel. Das natürliche Wesen ist dagegen der Zustand des Nicht-Tuns. Wie es im Chan so schön heißt: „Der gewöhnliche Geist ist das Dao, ist Buddha.“ So betrachtet ist man eigentlich doch recht häufig im natürlichen Zustand, der Geist schlägt nicht immer Wellen. Es gilt, diese Zustände des natürlichen Wesens einfach zu vermehren und zu bewahren, je länger desto besser. In jedem dieser Momente betrachtet und beleuchtet man sich selbst. Das ist die Übung des Prajna Paramita. Eine bekannte Bezeichnung für diese Übung heißt im Theravada Vipassana (Einsicht, durchdringender, heller Blick).

Dass einige dies nicht sofort begreifen, erklärt der Ahnlehrer folgendermaßen:

Die ursprüngliche Weisheit des Prajna besitzt jeder und ist nicht anders als bei einem großen Weisen. Warum erwacht man nicht beim Anhören des Dharmas? Dies ist eben wegen den stark blockierenden falschen Ansichten und den tief verwurzelten Geistestrübungen. Diese sind wie starke Wolken, die die Sonne bedecken. Ohne vom Wind verweht zu werden, zeigt sich nicht das Licht der Sonne. Bei der Weisheit des Prajna gibt es weder groß noch klein. Den Unterschied macht nur die Verblendung und das Erwachen des Geistes der Lebewesen aus. Der verblendete Geist blickt nach außen, sucht den Buddha durch die Kultivierung, hat das eigene Wesen nicht begriffen und ist somit von kleiner Basis. Wenn man in der plötzlichen Lehre erwacht und nicht mehr in der äußeren Kultivierung verharrt, wenn im eigenen Geist sich ständig rechte Ansichten entfalten und die Geistestrübungen und Staubbelastungen einen nicht beflecken können, dann ist dies das Erblicken des eigenen (natürlichen) Wesens. Edle Gefährten, haftet im Inneren und Äußeren an nichts an, seid frei im Kommen und Gehen, seid imstande die Anhaftungen im Geiste aufzulösen und fließend ohne Blockaden![3]

Man kann beim Hören dieser Texte denken, dass man von starken Wolken bedeckt sei, dass man sehr schwer zum Durchblick kommt. Man ist sich nicht sicher, ob man überhaupt mit dieser Übung Erfolg haben kann. Es ist aber sehr wichtig, dass man Zuversicht bei der Übung hat. Die Unsicherheit ist selbst eine Anhaftung, die blockiert. Es gilt, auch diese Anhaftung zu durchbrechen. Dies mit der rechten Ansicht: egal wie stark die Wolken sind, die Sonne hört nicht auf zu scheinen. Man ist nicht durch die Wolken von der Sonne getrennt, sondern man ist selbst die Sonne. Übe einfach das achtsame Betrachten des eigenen Wesens jederzeit und an jedem Ort, sodass keine törichten Gedanken auftauchen. Wenn sie auftauchen, dann schenke ihnen einfach keine Beachtung, denn es heißt „ein törichter Gedanke ein weltlicher Mensch, ein weiser Gedanke ein Buddha“. Eine weitere Sicherheit geben die Drei Schätze des Weges der Einheit. In dem Moment, wo das geheime Portal aktiviert wurde, wurden die dicken Wolken durchbrochen und die Sonnenstrahlen kamen durch. Einfach dem Weg und der Übung folgen, dann werden ständig rechte weise Ansichten folgen, sodass die Betrübungen einen nicht mehr beeinträchtigen. Ungehindert wirkt das natürlichen Wesen nach außen und nach innen und haftet sich an keinem Ding mehr an: Die Ich-Anhaftung ist durchbrochen und die sechs Sinne werden bei Kontakt mit dem „Staub“ nicht mehr befleckt. Das ist der Weg des Maha-Prajna-Paramita. Damit wandelt man die Geistestrübungen in Weisheiten um, die einen zum Buddhatum führen.

Eine Anekdote abschließend zur rechten Ansicht:

Ein Samurai-Kämpfer kommt zum Zen-Meister Ikkyu Sojun. Alle sagen, dass der Meister sehr klug ist, und er möchte ihn herausfordern. Er hielt einen Fisch fest in den Händen und fragte den Meister Ikkyu: „Alle sagen, dass Sie sehr klug seien. Dann beantworten Sie mal meine Frage. Was sagen Sie? Ist dieser Fisch lebendig oder tot?“ Der Fisch zappelte noch, war also eindeutig lebendig. Er wusste auch, würde er sagen, dass der Fisch lebendig sei, würde der starke Kämpfer den Fisch auf der Stelle töten. Der Meister Ikkyu antwortete: „Er ist tot!“ Der Samurai-Kämpfer lachte auf: „Haha, Sie haben verloren. Er ist lebendig.“ Er öffnete die Hände und zeigte ihm den Fisch. Ikkyu übernahm den Fisch, sagte kein Wort, ging hinaus zu einem Teich und legte den Fisch hinein. Er schaute dem Fisch beim Schwimmen kurz zu und lächelte zufrieden. Was ist Klugheit? Was ist Weisheit? Gemeine Menschen streiten oft um Recht und Unrecht, Gewinn und Verlust. Ein Weiser sieht das Wesentliche bei allen Situationen.

Licht

Wirke mit dem eigenen wahren Wesen, betrachte und beleuchte (alles) mit der Weisheit.

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[1] 善知识,我此法门,从一般若生八万四千智慧。何以故?为世人有八万四千尘劳,若无尘劳,智慧常现,不离自性。

shàn zhī shí ,wǒ cǐ fǎ mén ,cóng yī bān ruò shēng bā wàn sì qiān zhì huì 。hé yǐ gù ?wéi shì rén yǒu bā wàn sì qiān chén láo ,ruò wú chén láo ,zhì huì cháng xiàn ,bù lí zì xìng 。

[2] 悟此法者,即是无念,无忆无著,不起诳妄,用自真如性,以智慧观照。于一切法,不取不舍,即是见性成佛道。

wù cǐ fǎ zhě ,jí shì wú niàn ,wú yì wú zhe ,bù qǐ kuáng wàng ,yòng zì zhēn rú xìng ,yǐ zhì huì guān zhào 。yú yī qiē fǎ ,bù qǔ bù shě ,jí shì jiàn xìng chéng fó dào 。

[3] 元有般若之智,与大智人更无差别,因何闻法不自开悟?缘邪见障重,烦恼根深,犹如大云覆盖于日,不得风吹,日光不现。般若之智亦无大小,为一切众生自心迷悟不同,迷心外见,修行觅佛,未悟自性,即是小根。若开悟顿教,不执外修,但于自心常起正见,烦恼尘劳,常不能染,即是见性。善知识,内外不住,去来自由,能除执心,通达无碍,能修此行,与般若经本无差别。

yuán yǒu bān ruò zhī zhì ,yǔ dà zhì rén gèng wú chà bié ,yīn hé wén fǎ bù zì kāi wù ?yuán xié jiàn zhàng zhòng ,fán nǎo gēn shēn ,yóu rú dà yún fù gài yú rì ,bù dé fēng chuī ,rì guāng bù xiàn 。bān ruò zhī zhì yì wú dà xiǎo ,wéi yī qiē zhòng shēng zì xīn mí wù bù tóng ,mí xīn wài jiàn ,xiū háng mì fó ,wèi wù zì xìng ,jí shì xiǎo gēn 。ruò kāi wù dùn jiāo ,bù zhí wài xiū ,dàn yú zì xīn cháng qǐ zhèng jiàn ,fán nǎo chén láo ,cháng bù néng rǎn ,jí shì jiàn xìng 。shàn zhī shí ,nèi wài bù zhù ,qù lái zì yóu ,néng chú zhí xīn ,tōng dá wú ài ,néng xiū cǐ háng ,yǔ bān ruò jīng běn wú chà bié 。

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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