Podiumsutra – Kap. 5: Die Sitzmeditation

 

 

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers – Kap. 5: Die Sitzmeditation

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat

 

Mit dem vorherigen Beitrag ist das 4. Kapitel, in welchem Huineng den Grundsatz und das Basisprinzip seiner Lehre gründlich dargelegt hat, abgeschlossen. In Kapitel 5 geht der Ahnlehrer nun tiefer in die Praxis ein und erläutert die Übung des Chan (Zen) im Sitzen. Das Wort Chan 禅 (Zen im Japanischen) stammt von den indischen Wörtern Jhāna (Pali) bzw. Dhyāna (Sanskrit) ab und wird mit „Versenkung“, „Meditation“ oder „Geistige Ruhe“ übersetzt. Die buddhistische Richtung, die man heutzutage im Westen als „Zen-Buddhismus“ bezeichnet, ist chinesischen Ursprungs, aber im Westen durch die Lehrtätigkeit japanischer Meister bekannt geworden. Die japanische Lehrtradition legt starken Wert auf die Übung in der regungslosen Sitzmeditation, deshalb assoziieren viele Menschen das „Chan“ oder „Zen“ heute mit strengem Meditieren im Lotussitz und „ohne Gedanken“. Laut Huineng ist dies aber ein Missverständnis. Auch schon zur damaligen Zeit (also 7. Jh. n. Chr.) ist diese Vorstellung, nämlich dass es beim Chan (und überhaupt beim Buddhismus) hauptsächlich um die Sitzmeditation geht, in Umlauf gewesen. Huineng erläutert nun, was mit der Übung des „Chan im Sitzen“ – auf Japanisch Zazen und auf Chinesisch Zuochan 坐禅 – wirklich gemeint ist:

 

Der Weg des Chan im Sitzen haftet zunächst nicht am Geist an. Auch bleibt er nicht an der Reinheit kleben. Ebenso wenig geht es darum, sich nicht zu bewegen.

Zur Behauptung, dass es dabei um den Geist geht: der Geist ist im Grunde leer – erkenne ihn als Täuschung. Daher gibt es [beim Geist] nichts, an dem man sich festhalten kann.

Zur Behauptung, dass es um die Reinheit geht: Das [Ur]wesen des Menschen ist an sich rein. Die Soheit [wahres Wesen] ist nur verdeckt durch illusorische Gedanken. Gibt es diese nicht, ist das [Ur]wesen von selbst klar und rein. Hegt man aber die Absicht Reinheit zu erlangen, entfaltet man [nur] eine eingebildete Reinheit. Nirgendwo ist diese Einbildung [existent], wer aber an ihr anhaftet, bleibt an ihr kleben. Die Reinheit hat keine Form. Macht man sich eine Vorstellung von Reinheit und behauptet, diese sei [das Produkt der] der guten Übung, blockiert man damit sein eigenes [Ur]wesen und wird gar von [der Vorstellung] der Reinheit gefesselt.

Übt man sich in der Bewegungslosigkeit, [soll man folgendes begreifen]: In Hinblick auf alle Menschen teilt sie nicht nach Recht oder Unrecht, Gut oder Böse sowie nach ihren Verfehlungen und Übeln ein – so ist [erst] die Unbewegtheit des eigenen [Ur]Wesens. Der Verblendete bewegt zwar nicht seinen Körper. Aber sobald er den Mund öffnet, schwätzt er über Recht und Unrecht, Besser und Schlechter sowie Zu- und Abneigungen anderer Menschen. Das entspricht nicht dem [Sinn] des Dao. Haftet man sich am Geist oder an der Reinheit an, blockiert man das Dao.[1]

 

Bei der Übung der Meditation im Sitzen (wie man sie heute bei den verschiedenen Meditationsschulen lernt) geht es also nicht um die äußere Haltung des Körpers, sondern um das Prinzip des Chan: nicht am Geist und an der Reinheit anhaften, aber wiederum bei jedem Gedanken die Reinheit und Klarheit des Urwesens erkennen. Dazu wieder Worte des Erhabenen Lehrers des Weges der Einheit zum Thema „Der klare, reine Geist“:

Die Reife in der Dao-Praxis zeigt sich dadurch, unbewegt [von allen Umständen] im Geiste zu sein. So ist man nicht empfänglich für das Negative. Die negative Energie entfernt sich dann von selbst. Formen, Geräusche und Gegenstände, die Begierden anreizen, und Spiele und Techniken, die die Sinne korrumpieren, sowie sonstige Dinge, die unseren Substanz und Geist beeinträchtigen, nennen wir das Negative. Wenn man all diesem einfach keine Beachtung schenkt und fest entschlossen Abstand hält, werden die negativen Energien nachlassen und sich verdrücken. Sie können somit keinen Schaden an uns anrichten. Wenn man aber im Geiste selbst nur ein wenig ergötzende Gedanken oder Reize über sie pflegt, verliert man die Vollkommenheit des reinen, klaren Urwesens, das unmittelbar dadurch befleckt […] und somit von der negativen Energie beeinträchtigt wird. Das wäre schade! Der Dao-Praktizierende muss sich daher unbedingt darüber bewusst sein und sich achtsam davor hüten.[4]

Alles auf dieser Welt ist in ständiger Bewegung, alles ist daher Einheit und im Wesen ohne Ich. […] Himmel und Erde, Raum und Zeit, das Universum, der Geist usw. sind alles in ständiger Bewegung. Man kann nichts festhalten, da alles „nichts“ und „ohne Ding“ ist. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart sind alle leer, aber in der Tat auch nicht leer.[5]

Ohne Phänomen und ohne Ding: Geist, Buddha und weltliches Lebewesen unterscheiden sich nicht voneinander. Deshalb muss ein Praktizierender das Positive kultivieren. Dabei darf es nicht die geringste Befleckung geben. Ansonsten verliert man seine helle leuchtende Natur. Alle Buddhas bewahren diesen unbefleckten Geist. […] Den Boden sauber zu kehren ist mühselig, den Geist zu reinigen noch schwieriger. Wir haben uns von der Ich-Anhaftung, Egoismus, Böswilligkeit, Gier zu befreien, sodass der Geist klar und rein wird.[6]

 

Dazu ein Gleichnis:

Es war einmal eine Theatergruppe, die von Ort zu Ort wanderte und Aufführungen darbot. Es ist harte Arbeit und immer wieder mussten sie unterwegs auf den Bergen im Freien übernachten. Einmal übernachteten sie an einem Berg, von dem es hieß, dass dort nachts Dämonen ihr Unwesen trieben. Nachts wurde es kalt. Einer konnte bei der Kälte nicht einschlafen. Er zog sich ein Dämon-Kostüm an und setzte sich zum Lagerfeuer. Ein anderer wachte auf, sah im Halbschlaf einen Dämon beim Feuer sitzen, schrie laut auf und rannte. Die anderen wurden dadurch aufgeweckt und liefen panisch mit ihm mit. Der im Dämon-Kostüm wurde von der Panik mitgerissen und lief ihnen nach. Als die anderen sahen, dass der Dämon ihnen nachrannte, gerieten sie noch mehr in Panik und liefen noch schneller. Hastig rannten sie über Hügel und Bächer, sprangen über Felsen und Schluchten, viele verletzten sich dabei und waren völlig erschöpft. Erst mit der Morgendämmerung erkannten sie in dem „Dämon“ ihren verkleideten Kollegen.

Diese Theatergruppe gleicht den weltlichen Menschen, die verblendet von ihren eigenen Geistestrübungen getrieben werden und in den Kreislauf des Leidens geraten. Die Morgendämmerung gleicht dem Aufleuchten der eigenen Natur, des eigenen Urwesens, wodurch man erst die Ursache des Leidens erkennt und aufhört blind zu rasen. Die Fähigkeit die Ruhe zu bewahren, ist die Übung der Geistesstabilität, des Samadhi. Auf Basis des Samadhi wirkt das Prajna, die Weisheit, was die Einsicht in die Ursache des Leidens und die Aufhebung der Geistestrübungen ermöglicht. Dies ist Weg und Ziel der Übung des Sitzens im Chan.


[1] 此门坐禅。元不着心。亦不着净。亦不是不动。若言着心。心原是妄。知心如幻。故无所著也。若言着净。人性本净。由妄念故。盖覆真如。但无妄想。性自清净。起心着净。却生净妄。妄无处所。著者是妄。净无形相。却立净相。言是工夫。作此见者。障自本性。却被净缚。若修不动者。但见一切人时。不见人之是非善恶过患。即是自性不动。善知识。迷人身虽不动。开口便说他人是非长短好恶。与道违背。若着心着净。即障道也。

[2] […] 善知识。何名坐禅。此法门中。无障无碍。外于一切善恶境界。心念不起。名为坐。内见自性不动。名为禅。

[3] 善知识。何名禅定。外离相为禅。内不乱为定。外若着相。内心即乱。外若离相。心即不乱。本性自净自定。只为见境思境即乱。若见诸境心不乱者。是真定也。[…] 于念念中。自见本性清净。自修自行。自成佛道。

[4] 老师的话:修道火候乃在不动一心。不受于邪,邪气自去,声色货利,奇技淫巧,凡是有伤我精神,害我心性之外物皆称邪也。倘一概置之不理,决不招蜂引蝶,自然邪气退避也,而无法加以侵害。若是有丝亳「相」、「引」之念,则破坏完整之清淨自性,立刻失掉清白,[…],彼此被邪气遮蔽,枉然也。此修道之人不可不知也,不可不慎也。

[5] 老师的话:世间一切本来都在动中,一切就是一,一就是一切,本身「无我」。[三法蕴中所了解的]天地、时空、人心、宇宙等等都在动,是抓不住任何束西的,一切都是没有东西的(无)。过去、未来、现在都是空,但实际上亦是不空。

[6] 老师的话:无法则无物,心、佛、众生,本来就没有差别,所以修道士要修要正,但在修正时不能有丝毫污染,否则就不光明,三世诸佛所要维护的,就是这一颗不污染的心,这心由前面看是心,由后面看则是佛。扫帚扫除,扫地难,扫心更难,当扫我相,扫私心、恶心、贪心,使心清静。

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Kategorien:Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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